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Eine junge Frau sitzt in verwahrloster Kleidung auf der Straße: Menschen wie sie nimmt das neue Projekt in den Fokus. Foto: wiphada

Mühsamer Kampf um die Abgehängten

Lüneburg. Mit nicht mehr als einem Namen waren Katharina Seedorf und ihre Kollegen losgezogen, um den jungen Mann zu finden, den ihnen das Jobcenter genannt hat te. Sie hatten Glück: Er tauchte im Wendepunkt an der Salzstraße auf, ein Treff für Menschen in Notlagen. „Er war in einer schwierigen Situation: alkoholabhängig, Hausverbot in der Herberge, er hat keine Termine beim Jobcenter wahrgenommen.“ Heute steht es besser um ihn: Über das Sozialamt hat er eine Wohnung vermittelt bekommen. „Er kommt regelmäßig, zwar immer noch nicht zu allen Terminen, aber das ist schon mal eine gute Entwicklung“, sagt die Pädagogin, die bei der Neuen Arbeit angestellt ist. Sie wird jetzt eine gesetzliche Betreuung beantragen, denn sie weiß: „Allein kriegt er seine Angelegenheiten nicht geregelt.“

Es ist ein Beispiel, das zeigt: Für junge Menschen, die durchs Raster gefallen sind, gibt es einen Weg zurück. Unterstützung finden sie im neuen Projekt „Move on up“, das im Oktober vergangenen Jahres startete. Katharina Seedorf und Björn Harms haben es jetzt im Jugendhilfeausschuss vorgestellt.

Wenn die Termine beim Jobcenter verpasst werden

Vorgespräche zwischen Jobcenter, Stadt, Landkreis und verschiedenen Trägern hat es schon 2017 gegeben, damals wurde gerade der Paragraph eingeführt, der die Förderung sogenannter schwer zu erreichender junger Menschen möglich macht. Im Jahr darauf brachte das Jobcenter die Ausschreibung auf den Weg, im September war klar, dass die Trägergemeinschaft aus Neue Arbeit, Lebensraum Diakonie und Awocado Service den Zuschlag für ein Jahr mit Verlängerungsoption erhält.

Seedorf leitet das Projekt, das sich vornehmlich an 18- bis 25-Jährige richtet. Unterstützt werden können jene, die bereits Leistungen beziehen oder einen Anspruch haben. „Viele schaffen es nicht, die vom Jobcenter geforderten Leistungen zu erbringen. Oftmals besteht gar kein Kontakt“, sagt Seedorf und macht deutlich, dass es ein Ziel des Projekts sei, eben diesen wiederherzustellen. „Wenn wir eine Adresse haben, sind wir pene­trant, fahren da immer wieder vorbei.“ Auch die sozialen Brennpunkte steuert das Team an.

Liste mit 36 Namen

Eine Liste mit 36 Namen hat das Jobcenter für das Projekt zusammengestellt. Es sind junge Frauen und Männer, die die Mitarbeiter nicht mehr greifen können. „Wir haben immer mehr unter 25-Jährige, die verschwinden. Weil sie nicht auf Post reagieren, sind wir irgendwann gezwungen, Sanktionen einzuleiten. Dadurch haben sie noch weniger Geld. Das ist ein Teufelskreis“, sagt Anna Reichl vom Jobcenter, sie sitzt als beratendes Mitglied im Jugendhilfeausschuss.

„Move on up“ unterstützt jene, die bereit sind, sich auf Einzelcoachings über eine Laufzeit von zwölf Monaten verbindlich festzulegen. Das Ziel: für Stabilität sorgen, Perspektiven entwickeln und den Rahmen dafür schaffen, dass im Anschluss weiterführende Hilfsangebote in Anspruch genommen werden. Seedorf betont, dass die Teilnahme niemanden dazu verpflichte, sich täglich zu melden. „Wir versuchen lediglich, mindestens einmal in der Woche voneinander zu hören.“ Pausen von bis zu sechs Wochen nehme man hin, sagt sie und nennt einen Vorteil: Während der Laufzeit des Projekts erwarten die Teilnehmer keine Sanktionen vom Jobcenter. „Wir wollen ihnen möglichst wenig Druck machen.“

Aufbauarbeit mit möglichst wenig Druck

Die Arbeit der Sozialpädagogen und Coaches geht über die intensive Betreuung hinaus. Dienstags bis freitags zwischen 11 und 14 Uhr bieten sie im Mosaique an der Katzenstraße ein offenes Café an. Jeder, der seine Wäsche waschen, Leute treffen, Bewerbungen schreiben, im Internet surfen, bei Kaffee und Snacks zugreifen oder sich einfach nur irgendwo aufhalten möchte, ist dort willkommen. „Hat jemand kein Geld, um sich ein warmes Mittagessen zu kaufen, fahren wir mit ihm zur Tafel“, sagt Seedorf. „Fehlt bei den Temperaturen eine Winterjacke, steuern wir gemeinsam das Zeughaus an.“

Sie zieht drei Monate nach Projektstart ein vorsichtiges Fazit: „Wir sind bislang sehr zufrieden, einige der Teilnehmer sind auf einem guten Weg. Man darf nicht vergessen: Wir reden hier über Jugendliche, die sich aus dem Hilfesystem verabschiedet haben.“

Von Anna Paarmann

Hintergrund

Gesetzliche Ausgangslage

Die Förderung schwer zu erreichender junger Menschen regelt Paragraph 16 h des SGB II. Darin heißt es, dass die Agentur für Arbeit Leistungsberechtigte, die das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, unterstützen kann mit dem Ziel, „eine schulische, ausbildungsbezogene oder berufliche Qualifikation abzuschließen oder anders ins Arbeitsleben einzumünden und Sozialleistungen zu beantragen oder anzunehmen“. Auch umfasst die Förderung zusätzliche Betreuung und Unterstützung, damit unter anderem Leistungen der Grundsicherung in Anspruch genommen und erforderliche therapeutische Behandlungen eingeleitet werden.