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Mitte November 2018 startete die Hauptverhandlung gegen die vier Angeklagten, die hier ihre Gesichter hinter Akten verbergen. Jetzt wurden die Urteile verkündet. (Foto: A/be)

Sky kassiert 150 000 Euro von Tätern

Lüneburg. „Die Zeiten, in denen jemand mit einer Maschinenpistole in eine Bank marschierte oder mit grobmotorigen Komplizen loszieht, um Geldautomaten zu sprengen, sind vorbei. Die Gesellschaft ändert sich, auch die kriminellen Aktivitäten tun dies, die Cyberkriminalität wird die Justiz immer mehr beschäftigen.“ Das äußerte Axel Knaack, Richter der 4. großen Jugendkammer am Landgericht Lüneburg, bei der Urteilsbegründung im Prozess gegen vier junge Computerbetrüger. Sie hatten auf ihrem illegal eingerichteten Internetportal iStreams.to Abos zu Schnäppchenpreisen etwa für Sportübertragungen und Spielfilme angeboten – die sie sich nach Knacken eines Signals vom TV-Bezahlsender Sky besorgen und weitervermarkten konnten.

Rund 7400 Internetnutzer griffen laut Staatsanwaltschaft zwischen Oktober 2011 und ­Februar 2016 zu und buchten insgesamt mehr als 20 000 Streaming-Pakete. Sky hatte den Schaden durch entgangene Abonnements auf über 3,1 Millionen Euro beziffert. Etwa 250 000 Euro hatten die Täter laut Anklage eingenommen, die Kammer ging am Ende von einem deutlich niedrigeren Betrag aus. Knaack: „Das hat nichts mehr mit Kinderstreichen zu tun. Das ist eine ganz erhebliche Straftat.“

Pay-TV-Anbieter darf mit Schadensersatz rechnen

Als sie ihr „Unternehmen“ starteten, waren die heute zwischen 22 und 26 Jahre alten Männer gerade mal 15, 16, 17 und 19 Jahre alt. „Das rettet Ihnen den Hals“, machte ihnen Oberstaatsanwalt Frank Lange, Leiter der in Verden ansässigen Zentralstelle Cybercrime für den Bezirk der Generalstaatsanwaltschaft Celle, in seinem Plädoyer deutlich. Denn drei der Täter kamen wegen bandenmäßigen Betrugs mit Bewährungsstrafen zwischen acht Monaten und zwei Jahren davon, der vierte Mann mit einer Verwarnung – alles nach dem Jugendstrafrecht.
Doch finanziell kommt der Betrug alle vier Angeklagten teuer zu stehen, die sich im Rahmen eines sogenannten Täter-Opfer-Ausgleichs mit Sky geeignet haben. Die beiden Haupttäter zahlen je 70 000 Euro Schadensersatz an den Pay-TV-Sender – die Summe können sie monatlich per Raten abstottern. Die anderen beiden Täter sind mit je 5000 Euro dabei.

Die Angeklagten, die sich live erstmals in dem Prozess in Lüneburg sahen, hatten sich laut Oberstaatsanwalt Lange im Internet kennengelernt und dann mit einer Aufgabenverteilung ihr „Geschäft“ aufgezogen: Von den beiden Haupttätern hatte einer als „Manager“ die kaufmännische Leitung, der zweite kümmerte sich um die technische Administration. An sie sei der Großteil der Einnahmen geflossen, von denen der dritte Mann – der Programmierer – gerade mal rund 1000 Euro gesehen habe. Und der Mann, der sich fast vier Jahre lang um den Kundenservice kümmerte, etwa Beschwerden annahm, erhielt lediglich 125 Euro: „Er war der Ehrenamtliche, der als Fußball-Fan so kostenlos Übertragungen sehen konnte“, kein Abo zahlen musste. Der Hauptkundenkreis des Quartetts waren Fußball-Fans, sie zahlten größtenteils über Amazon-Gutscheine, Bitcoins oder andere virtuelle Zahlungsmittel. Wenn diese Zahlungen eingegangen waren, kamen die Interessierten an die Abos.

Für das relativ milde Urteil spielte auch eine Rolle, dass sich die jungen Männer seither nichts mehr haben zuschulden kommen lassen, sie in einem stabilen Umfeld leben und heute studieren oder bereits fest in ihrem Beruf arbeiten – übrigens alle im technischen Bereich mit Computern.

Richter fordert Aufstockung bei den Spezialermittlern

Mit einer deutlich zunehmenden Computerkriminalität rechnet Richter Knaack, der während seiner Urteilsbegründung Kritik in Richtung Politik äußerte: „Die Justiz hat erkannt: Wir müssen was tun. So wurde beispielsweise die Zentralstelle Cybercrime in Verden eingerichtet.“ Für die Ermittlungen sei allerdings ein „massiver personeller Aufwand“ nötig. Der Richter plädiert für Aufstockungen und Neuerungen: „Die Justiz kann mit Strukturen des 19. Jahrhunderts nicht die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen.“ So gebe es bei den Gerichten beispielsweise Spezialkammern für bestimmte Bereiche im Zivilrecht wie Mietrecht oder Versicherungsrecht, „aber nicht im Strafrecht“. Bei solchen Fragen sei nun die Politik gefordert.

Von Rainer Schubert