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Thea Rohweder (l.) und Alina Klimach engagieren sich bei Enactus, sie gehören zu dem studentischen Team, die das Magazin betreuen und gestalten. Die Beiträge, von denen die meisten von Autisten verfasst werden, sind online zu finden. (Foto: t&w)

Ein Ort für unentdeckte Talente

Lüneburg. Der Honig symbolisiert den Kleber, der die Autoren und die Leser verbindet. Eine Reise ist es deshalb, weil die Autoren ihre Leser mit in ihre Gefühls- und Gedankenwelt nehmen und ihnen Einblicke bieten, die sie sonst so nicht hätten. „Honigreise“ ist der Name eines Online-Magazins, das Autisten eine Plattform bietet. Vier Mal im Jahr, einmal zu jeder Jahreszeit, erscheint eine Ausgabe. Die Fäden laufen bei fünf Studentinnen der Leuphana zusammen, sie engagieren sich bei der Organisation Enactus. Ihr Anliegen: Sie möchten Menschen, die an einer solchen Entwicklungsstörung leiden, die Möglichkeit geben, sich mitzuteilen.

Selbstgemalte Cartoons, Gedichte, Fotos, Kurzgeschichten, Interviews, persönliche Erlebnisse: Vorgaben, was für Beiträge entstehen sollen, gibt es nicht. Ebenso vielfältig sind die Themen: Autisten berichten aus ihrem Alltag, von Herausforderungen, Freunden, der Liebe und Hobbys. Es geht um Sinneswahrnehmungen, Erfahrungen mit Diskriminierung, auch um aktuelle Themen aus den Nachrichten. Der Autorenkreis ist nicht auf Betroffene beschränkt, Angehörige und Freunde haben sich schon bei den Lüneburger Studentinnen gemeldet und ihre Gedanken zu Papier gebracht.

Ein 5-jähriger Atheist

Beeindruckend ist zum Beispiel der Text, den die Mutter eines fünfjährigen Sohns für die Winterausgabe verfasst hat. Er ist überzeugter Atheist und schon seit zwei Jahren felsenfest davon überzeugt, dass nicht Gott die Welt erschaffen hat, sondern der Urknall. Sie hat Angst, dass er eines Tages, seiner Logik folgend, zu dem Schluss kommt, dass es das Christkind nicht gibt. „Ich befürchte, dass er uns die Lüge, die doch irgendwie zu diesem Weihnachtsding gehört, nicht verzeihen wird. Schon Kinder ohne Autismus haben mit der Erkenntnis zu kämpfen und reagieren verstört. Mein Sohn ist in seinen Urteilen unerbittlich.“

Dass ein solches Projekt ins Leben gerufen werden konnte, liegt daran, dass sich das Hamburger Autismusinstitut, das mit einer Zweigstelle in Lüneburg vertreten ist, bei Enactus vorgestellt hat. Daraus erwuchs eine Kooperation und die Idee für das Magazin. „Wir mussten uns selbst erstmal mit Autismus beschäftigen und lernen, wie wir die Menschen überhaupt ansprechen“, erzählt Alina Klimach (22), die mit dem Thema vorher kaum Berührungspunkte hatte. „Mittlerweile reagiere ich wirklich allergisch darauf, wenn jemand, der zum Beispiel sehr akribisch ist, über sich selbst sagt, dass er autistische Züge hat.“ Durch solche Äußerungen würden falsche Bilder vermittelt, sagt die BWL-Studentin. „Es gibt verschiedene Formen von Autismus, nicht jede äußert sich darin, dass man sehr schlau oder hochbegabt ist.“

Eine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen

Weil häufig aber der persönliche Kontakt zu anderen Menschen eine große Hürde darstellt, kommunizieren Alina Klimach und ihre Kolleginnen meist über E-Mails mit den Autoren, die in ganz Norddeutschland verteilt sind. „Honigreise“ sei die Möglichkeit, sich auf indirekte Weise Gehör zu verschaffen, macht sie deutlich. „Das ist ein Ort, an dem sie sich etwas trauen können, ein Ort, an dem unentdeckte Talente zum Vorschein kommen.“

Die Beiträge sind auf www.honigreise-magazin.de zu finden.

Von Anna Paarmann