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Annette Kork (r.) und Maria Würzburger an der Stelle, wo die Läufer des Hohnstorfer Deichlaufs die Landstraße queren müssen. Weil Autofahrer die vorgezogene Haltelinie nicht beachteten, kam es hier im vergangenen Jahr zu gefährlichen Situationen. Foto: ada

Zittern um den Deichlauf

Hohnstorf/Elbe. 13 Blatt Papier umfasst die Aktenmappe, die Annette Kork auf den Tisch des Sportzentrums Hohnstorf gelegt hat. Es ist ein Auszug ihrer gesammelt en Dokumente: Zeitungsartikel, Fraktionsanträge und Informationsblätter. Sie alle drehen sich um dasselbe Thema: die polizeiliche Begleitung von Umzügen und Veranstaltungen.

Polizeibegleitung ist ein Dauerthema

Seit 2016 ist die Causa „Polizeibegleitung“ ein Dauerthema in niedersächsischen Gemeinden. Damals veröffentlichte das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport einen Erlass, demnach die Polizei nicht mehr zwingend für die Begleitung und Sicherung von Veranstaltungen zuständig ist. Sie soll sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können und die Absicherung von Laternenumzügen, Sportevents und Co. nötigenfalls der Feuerwehr übertragen. Sofern eine Straßensperrung nicht zwingend nötig ist, sind die Umzüge auf die Gehwege zu verlegen, es sollen Fußgängerüberwege und Ampeln genutzt werden.

Absicherung bei Straßenquerung fehlt

In der Praxis sorgen die neuen Bestimmungen immer wieder für Kopfschütteln. So auch bei Annette Kork, Geschäftsführerin des TuS Hohnstorf, und Maria Würzburger, Lauftreffleiterin und Mitorganisatorin des Hohnstorfer Deichlaufs. Zum traditionellen Deichlauf, der im Mai diesen Jahres zum 38. Mal stattfindet, erwarten die beiden Frauen bis zu 500 Teilnehmer. Die Läufer müssen dabei auch die hochfrequentierte Elbuferstraße überqueren – ohne zusätzliche Sicherung. Denn eine Absicherung durch die Polizei oder die Feuerwehr wurde für den Deichlauf zuletzt nicht genehmigt.

„ Wir können solche Veranstaltungen aufgrund der Sachlage kaum noch durchführen, weil es zu gefährlich ist“, sagt Annette Kork. Irgendwann werde auf dem Land „gar nichts mehr los sein“, vermutet sie. Kürzlich hat die Samtgemeinde Scharnebeck eine Resolution an das Innenministerium des Landes geschickt. Die Bitte: der Polizei die Weisung zu erteilen, dass diese den ortsansässigen Feuerwehren die Absicherung der Veranstaltungen übertragen kann.

Das wäre zwar eine praktische, rechtlich aber wackelige Lösung. Denn die Feuerwehr darf in derartigen Fällen zwar absichern, nicht aber in den Straßenverkehr eingreifen. Der Landtagsabgeordnete Uwe Dorendorf (CDU) hat sich zum Thema informiert. „Die Resolution wird im Innenministerium gerade beantwortet“, sagt er. Warum eine Veranstaltung mit hunderten Teilnehmern nicht polizeilich gesichert wird, kann sich der Politiker nicht erklären. „Das kann eigentlich nicht sein“, sagt er und erklärt, die Polizei habe bei größeren Veranstaltungen nach wie vor die Verantwortung, Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten. Allerdings prüften im Einzelfall bereits die Kommunen, ob eine Absicherung des Events nötig sei, „und lehnen auch ab“. Dann erreiche die Anfrage die Polizei gar nicht erst. „Da werde ich nochmal nachhaken“, verspricht Dorendorf.

Ampelpause im Wettkampf

Die Polizei äußert sich auf LZ-Anfrage eher allgemein zum Sachverhalt. „Je nach Anlass, Teilnehmerzahl, beabsichtigtem Veranstaltungsablauf und weiteren Faktoren ist zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit nicht immer der zwingende Einsatz der Polizei für einen ordnungsgemäßen Veranstaltungsablauf erforderlich, sondern kann auch durch andere begleitende Maßnahmen gewahrt werden. Der tatsächliche Einsatz der Polizei variiert also bzw. kann auch unterbleiben“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme der Polizeidirektion Lüneburg. Diese Einzelfallentscheidung führte vergangenes Jahr dazu, dass die Läufer des Hohnstorfer Deichlaufs die Fußgängerampel zum Überqueren der Landstraße nutzen mussten. Dabei sei es immer wieder zu gefährlichen Situationen gekommen, weil manche Autofahrer die vorgezogene Haltelinie ignorierten und beim Rechtsabbiegen die Route der Läufer querten.

Das war aber nicht das einzige Problem: „Im Nachhinein kam Unmut bei den Läufern auf, die natürlich versuchen, in den Wettkämpfen gute Zeiten zu laufen“, sagt Annette Kork. Ampelphasen während eines Wettkampfs – Irrsinn findet auch Scharnebecks Samtgemeindebürgermeister Laars Gerstenkorn. „Es ist ziemlich weltfremd, welche Empfehlungen da teilweise kommen“, ärgert er sich. Gerstenkorn hat einen neuen Kompromiss ins Spiel gebracht: die zeitweilige Absperrung. Dazu sei allerdings die Genehmigung des Landkreises nötig.

Am liebsten wäre den Ehrenamtlern um Annette Kork und Maria Würzburger jedoch eine dauerhafte und verbindliche Regelung. „Es kann nicht jedes Jahr ein Zittern sein“, sagt Würzburger. „Man verliert so viel Kraft dabei“, ergänzt Annette Kork. Und doch, der Deichlauf 2019 wird stattfinden, so, wie es Tradition ist. Im Notfall haben die Helferinnen noch einen Plan B in der Tasche, den sie allerdings noch nicht preisgeben wollen. Annette Kork klappt die Aktenmappe wieder zu. „Man muss einfach dran bleiben“, sagt sie.

von Anke Dankers