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Immer wieder sorgen Baumfällungen für Ärger. Jetzt wurde bekannt, dass diese stattliche Eiche im Baugebiet Ilmenaugarten weichen musste. (Foto: t&w)

Kreischt die Säge zu oft?

Lüneburg. Wenn im Herbst und Frühjahr in der Stadt die Motorsägen kreischen und die Grünpfleger der städtischen AGL die Baumfällliste abarbeiten, schrillen bei vielen Lüneburgern die Alarmglocken. Immer wieder werden dann Vorwürfe laut, gesunde Bäume würden ohne erkennbaren Grund gefällt, für die Vogelwelt wertvolle Strauch- und Buschreihen plattgemacht, so zuletzt an einem Weg in der Goseburg. Nun kam auch aus dem Umweltausschuss Kritik.

Es war Karl Wurm vom Bund für Umwelt und Naturschutz Lüneburg (BUND), der das Thema lostrat, als die Sitzung schon fast zu Ende war. Das beratende Ausschussmitglied zeigte sich empört, dass die Liste der Baumfällungen von Jahr zu Jahr steige und die AGL mit Nachpflanzungen kaum hinterher komme. Das Verhältnis von 500 Fällungen und 100 Neuanpflanzungen sei nicht akzeptabel. Überdies habe er mindestens neun der in der Baumfällliste aufgeführten Bäume überprüft, für die es seiner Ansicht nach keinen Grund gibt, sie zu fällen.

Baumfälllisten nur zur Information an die Politik

Ihm sprang Ulrich Blanck (Grüne) zur Seite. Die Ausschussmitglieder seien überfordert, wenn sie in sehr kurzer Zeit an die 500 Bäume überprüfen sollten. Er forderte „geänderte Arbeitsstrukturen“, etwa durch Informationen im Jahresverlauf. Sein Fraktionskollege Ralf Gros erinnerte daran, bereits im vergangenen Jahr um die quartalsweise Vorlage von Baumfälllisten gebeten zu haben. Zugleich kritisierte er das „zum Teil sehr heftige“ Vorgehen bei der Rodung in der Goseburg (LZ berichtete).

Bei AGL-Chef Lars Strehse kam die Kritik nicht gut an. Die Verantwortung liege bei dem Unternehmen und den Baumsachverständigen. Die Baumfälllisten würden dem Ausschuss lediglich zur Information vorgelegt. „Wenn wir nicht handeln und es kommt zu einer Gefährdung oder gar einem Todesfall, kommt der Staatsanwalt zu uns“, stellte Strehse klar.

Eckhard Neubauer (SPD) fragte nach Möglichkeiten zum Erhalt gefährdeter Bäume. So etwas sei „im Einzelfall“ möglich, allerdings zeitlich begrenzt und mit entsprechenden Kosten verbunden, erklärte AGL-Betriebsleiter Frank Fugel.

Das wiederum nahm Karl Wurm zum Anlass, den „Sündenfall“ mit der Fällung der imposanten Blutbuche im Liebesgrund anzuprangern. Um solche Bäume länger zu erhalten, sollte das Terrain gegebenenfalls über mehrere Jahre hinweg abgesperrt werden. Ralf Gros mahnte schließlich an, auch die Standortbedingungen der Bäume stärker in den Blick zu nehmen.

„Ich bin keine Fachfrau und muss das auch nicht lange diskutieren, sondern den Vorschlägen der Fachleute vertrauen können“, hielt Carmen Bendorf (SPD) dagegen. Unterstützung kam auch von Rainer Mencke (CDU). Ihm missfalle, dass die Gutachter „als Holzfäller und nicht als Naturschützer“ dargestellt würden.

„Wir sollten vielleicht an ein oder zwei Bäumen die Arbeit verstehen lernen“, schlug die Ausschussvorsitzende Hiltrud Lotze (SPD) vor und versprach: „Wir werden eine Lösung finden.“

Sicherheit wichtiger als die Eiche

An die „immense Bedeutung“ insbesonderer größerer Bäume für das Stadtklima erinnerte Ulrich Blanck. „Das Fällen solcher Bäume muss kritisch hinterfragt werden.“ Blanck wurde auch konkret. So wollte er wissen, warum eine stattliche Eiche im Baugebiet Ilmenaugarten nicht mehr wiederzufinden sei, obwohl deren Erhalt in dem betreffenden Bebauungsplan ausdrücklich vorgeschrieben ist.

„Im Oktober 2014 beantragte der Eigentümer, die Eiche fällen zu dürfen, um auf dem Gelände Kampfmittelfreiheit und Verkehrssicherheit zu gewährleisten“, erklärt Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck. Wegen der zahlreichen Blindgängerfunde dort habe sich die Stadt „bei der Abwägung für die Sicherheit der Menschen im Viertel“ entschieden und eine Ausnahme-Genehmigung erteilt. Damit sei die Auflage verbunden, zehn neue, standortheimische Laubbäume mit einem Stammdurchmesser von mindestens 21 bis 25 Zentimeter zu pflanzen. Dies soll nach Ende der Bauarbeiten erfolgen.

„Es war nur ein einziger Baum dort geschützt, und der ist nun auch noch weg“, beklagt Ulrich Blanck das Vorgehen. Er möchte nun wissen, wann die Politik darüber informiert wurde.

Von Ulf Stüwe