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Brexit Lüneburg
Bei der Lüneburger Clage GmbH werden zusätzliche Lagerbestämde angelegt, um mögliche Lieferverzögerungen abfedern zu können. (Foto: t&w)

„Es gibt keinen Masterplan“

Lüneburg. Wenn es eines gibt, was Unternehmen mehr noch als negative Bilanzen hassen, dann ist es Unsicherheit. Genau die aber kommt nun in geballter Form des Brexits daher, seit das britische Unterhaus am 15. Januar das mit der Europäischen Union ausgehandelte Ausstiegs-Abkommen abgelehnt hat. Offen ist nun für alle Beteiligten, wie es weitergehen soll. Wir haben uns bei hiesigen Unternehmen mit Handelsbeziehungen zur britischen Insel umgehört, wie sie mit dieser verfahrenen Situation umgehen. Panik scheint sich jedenfalls nicht breit zu machen.

„Abwarten. Für alle ist es das erste Mal“, sagt Jürgen Barth. Der 59-Jährige ist Vertriebsdirektor der Witte Barskamp KG, ein Unternehmen, das sich auf die Präzisionsbearbeitung und Vorrichtungsgeschäfte für die Auto- und Luftfahrtindustrie spezialisiert hat. Das inhabergeführte Unternehmen ist weltweit mit seinen Produkten vertreten, auch in Großbritannien, das mit zehn bis fünfzehn Prozent am Gesamtumsatz beteiligt ist. Wichtigster Kunde dort: Jaguar/Land Rover.

Lagerbestand wird aufgestockt

Doch nur auf das Abwarten allein will man sich in dem Barskamper Unternehmen offenbar doch nicht verlassen. So wurde gleich nach dem Referendum der Briten im Juni 2016 Pro und Contra abgewogen, das Ergebnis beschreibt Barth so: „Für uns ändert sich nicht viel. Großbritannien wird zwar Dritt-Staat, bleibt aber weiterhin als Kunde erhalten.“

Da die Firma Witte Geschäftsbeziehungen auch zu vielen anderen Unternehmen in Dritt-Staaten hat, sei man mit zoll- und steuerrelevanten Themen bereits vertraut. Und anders als beispielsweise VW vertreibe das Unternehmen keine Serienprodukte, sondern sei ausschließlich im Projektgeschäft tätig. Auswirkungen auf den Personalstand werde der Brexit für sein Unternehmen jedenfalls nicht haben, sagt Barth. Zwar hofft der Vertriebsdirektor, dass sich die Briten in einem zweiten Referendum doch noch zu einem Verbleib in der EU entscheiden. Falls nicht, „dann sehen wir dies als Chance, uns weiter auf dem britischen Markt zu behaupten.“

„Wir haben Vorbereitungen getroffen, um eine reibungslose Auslieferung unserer Produkte nach Großbritannien sicherzustellen“, sagt Detlef Krause, Exportleiter beim Lüneburger Unternehmen Clage GmbH. So will das Unternehmen, das mit seinen elektrischen Durchlauferhitzern weltweit vertreten ist, etwaige Engpässe mit einem zusätzlichen Sicherheitslagerbestand abfedern. Auch wenn Krause Lieferverzögerungen nicht ausschließen will, falle man „nicht in Panik“. Mit den Geschäftspartnern auf der Insel sei man wöchentlich in Kontakt, „wir haben den Finger am Puls“.

Schmerzlich, aber verkraftbar

Selbst möglichen Absatzdellen durch eine Abschwächung der Kaufkraft sieht man bei Clage gelassen entgegen. Das sei zwar schmerzlich, aber verkraftbar, schließlich sei man auf 30 weiteren Märkten präsent. „Und Großbritannien wird ja nicht zu einhundert Prozent vom Markt verschwinden.“ Zudem geht Krause von Nachholeffekten aus, sobald sich der Markt dort wieder stabilisiert habe. Personelle Konsequenzen müsse das Unternehmen wegen des Brexits nicht ziehen. Klar sei aber auch: „Es gibt keinen Masterplan.“

Auch für die Werum IT Solutions GmbH, Hersteller von Software zur Steuerung der Medikamentenherstellung, sei Großbritannien „ein sehr wichtiger Markt“, wie Richard Nagorny, Mitglied der Geschäftsführung, betont. „Wir sind auf einen möglichen Brexit vorbereitet, erwarten nach derzeitigem Stand jedoch keine relevanten Auswirkungen auf unser Unternehmen.“ Mit Zöllen, Abgaben und den Formalitäten im grenzüberschreitenden Geschäftsverkehr habe man aufgrund der weltweiten Tätigkeit auch jetzt schon ausreichend Erfahrung. „Es bleibt abzuwarten, wie die tatsächlichen Regeln aussehen werden“, sagt Nagorny.

IHK mahnt

Rückschlag für regionale Wirtschaft

8,5 Prozent aller Exporte aus Niedersachsen gingen im vergangenen Jahr nach Großbritannien, der Warenwert betrug rund 7,1 Milliarden Euro, berichtet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg. In umgekehrter Richtung wurden Waren im Wert von rund 3,5 Milliarden Euro aus Großbritannien nach Niedersachsen gebracht, damit belegte das Königreich den sechsten Platz mit einem Anteil von 4,3 Prozent an den gesamten Importen. „Der Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union ist ein großer Rückschlag für die regionale Wirtschaft“, wertet deshalb der IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert.

Von Ulf Stüwe