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Ich bin ja so toll: Die Selbstverliebtheit nimmt zu. Das ist zumindest der Eindruck, den viele haben. (Foto: marjan4782)

So verliebt in sich selbst und so verletzlich

Lüneburg. Im Weißen Haus in Washington regiert Donald Trump, vielen gilt er als Narzisst. Menschen, die sehr in sich verliebt scheinen und – gelinde gesagt – gemein auf andere wirken, fallen schnell in diese Kategorie. Der Begriff erlebt einen Boom. Anlässe gibt es viele: gescheiterte Beziehungen, nervende Kollegen, denen man das Motto zuschreibt: „Ich, ich, ich!“ Doch so viele Narzissten scheint es gar nicht zu geben. Gunnar Witt, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lüneburg, hat das Thema in einem Vortrag aufgegriffen. Er verweist auf Untersuchungen, danach könnte einer von 100 Menschen Narzisst sein. Das Thema treibt augenscheinlich viele um: Mehr als 150 Zuhörer drängten sich im rappelvollen Saal der Klinik.

„Das Kind wird für etwas gebraucht, was ich nicht geschafft habe.“
Gunnar Witt, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lüneburg

Der Begriff leitet sich aus der griechischen Mythologie her. In Kurzform: Narziss ist das Kind einer Vergewaltigung. Er wächst heran, wird von Jungen und Mädchen begehrt, er weist alle ab, ist aber von seiner eigenen Schönheit begeistert und steigert sich in eine Selbstliebe hi­nein. Eine Version seines Endes: Narziss sitzt an einem See, spiegelt sich und ist von sich so erfüllt, dass er sich in sein Bild stürzt und ertrinkt.

Zu wenig Anerkennung im Kindesalter

Witt erklärte, in der Geschichte aus dem Götterhimmel finden sich Ansätze der medizinischen Definition eines Narzissten: ein traumatisches Erlebnis, eine Beziehungsstörung zu den Eltern, das hochmütige Zurückweisen anderer, die Unfähigkeit, Liebe zu fühlen, und eine hohes Risiko, sich das Leben nehmen zu wollen, um sich oder andere zu bestrafen. Wer an dieser Persönlichkeitsstörung leidet, wird schon als Kind oder Jugendlicher auffällig, kämpft mit daraus resultierenden Problemen, die immer wieder auftauchen, hat Schwierigkeiten mit gesellschaftlichen Normen und leidet.

Ein Teil der Veranlagung könne vererbt sein, doch vor allem die ersten Lebensjahre spielten eine Rolle, sagte Witt. Einfach: Kinder werden nicht mit ausreichend Zuneigung und Anerkennung versorgt. Grenzen werden nicht richtig gesetzt, dazu komme „emotionaler Missbrauch: Das Kind wird für etwas gebraucht, was ich nicht geschafft habe“. Ein Beispiel: Die eigenen schlechten Noten soll der Nachwuchs ausgleichen, also reagiere ich streng und über Gebühr fordernd.

„Nach außen wirkt jemand unverwundbar, grandios, hat einen hohen Anspruch“, beschrieb der Arzt. „Aber nach innen ist man zerbrechlich, wähnt sich auf einer ständigen Suche, leidet unter Entwertung durch andere, hat Hunger nach Beifall. Narzissten sind oft verliebt, wechseln den Partner häufig.“ Eine Bindungsfähigkeit fehle, der Partner solle sozusagen ein Fortsatz des eigenen Ichs sein.

Das geht nicht gut. Witt zitierte aus Ratgebern, die es in Hülle und Fülle gebe. Wer mit einem Narzissten zusammen sei, der sich zunächst aufmerksam, charmant und inspirierend zeige, fühle sich später als ausgenutzt, betrogen und getäuscht. Witt warf die nahe liegende Frage auf: „Warum lasse ich das mit mir machen? Wen wähle ich mir?“ Es wirkt ein bisschen wie die Volksweisheit: Zu jedem Topf gibt es den passenden Deckel. Als Partner helfe es, sich selber abzugrenzen, eigene Bedürfnisse klarzumachen und sich nicht auf „Psycho-Spielchen“ einzulassen.

Betroffene stehen unter hohem Leidensdruck

Narzissten selber suchen sich in der Regel erst im Alter von 40 aufwärts Hilfe. Sie stehen unter „hohem Leidensdruck“, da sie merken, dass sie an vielen Punkten eben nicht grandios sind und scheitern. Eine Therapie sei schwierig, weil der „Narzisst sich auf Abwehr konzentriert“ – er halte sich für intellektuell überlegen. Doch es gehe eben nicht um den Verstand, sondern das Gefühl. Einen Patienten zu erreichen, dauere oftmals Jahre.

Obwohl die Selbstverliebtheit scheinbar so üppig zunimmt wie ein Hefeteig, wie die Selfie-Generation nahelegt, zeichnen Studien laut Witt ein anderes Bild. Danach gibt es in der jungen Generation keine Zunahme von Narzissten.

Von Carlo Eggeling