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Valid Khalid ist vor drei Jahren aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Bei Radio ZuSa spricht er mit Moderatorin Laura Schlottke über seine Flucht und was er in Deutschland erlebt hat. (Foto: t&w)

Im Radio ist man unsichtbar

Lüneburg. Wenn die rote Lampe im Studio 1 leuchtet und Valid anfängt, von seiner Flucht zu erzählen, werden die anderen Jugendlichen ganz still. Sie lauschen der Geschichte des jungen Mannes, der zwar sagt, dass er 13 ist, aber älter aussieht. Der davon berichtet, wie er vor drei Jahren mit seinem Onkel über den Landweg nach Deutschland gekommen ist, in Ställen übernachten musste, hungrig und durstig. Der erzählt, wie sehr er in der Zeit seine Eltern und Geschwister vermisst hat, die im Irak geblieben sind. Und spricht über seine Freude, darüber, dass sie jetzt, nach drei Jahren, zu ihm nach Deutschland kommen durften und darüber, davon im Lüneburger Radio ZuSa zu erzählen.

Die, die ihm in dem kleinen Raum mit den vielen Mikrophonen zuhören, kennen seine Geschichte bestimmt. Schließlich sind sie seine Mitschüler. Sie alle besuchen die Hanseschule in Oedeme, lernen dort Deutsch, einige sind schon im Regelunterricht. Ihre Heimatländer im Nahen Osten haben sie verlassen. Die meisten mussten nicht die lange Strecke durch Europa zu Fuß hinlegen, wie es Valid musste. Viele hatten schon Verwandte hier, im Zuge der Familienzusammenführung brachte sie ein Flieger in die Bundesrepublik. Aber weniger zu erzählen haben sie trotzdem nicht.

„Man schämt sich, mit anderen zu sprechen“

Nacheinander, mal alleine, mal zu zweit, treten die Schülerinnen und Schüler zwischen zwölf und 18 Jahren vor das Mikrophon. Sie sprechen frei, ohne Manuskript beantworten sie die Fragen von der Moderatorin Laura Schlottke. Das kostet Überwindung. Von sich selbst zu erzählen, klar, das geht gut, aber auf Deutsch, über die Erfahrungen in diesem Land, im Radio, wo Tausende zuhören können? Genau das hält ihre Lehrerin Nadeshda Harneit für eine gute Idee.

„Im Radio ist man unsichtbar“, sagt sie. In Oedeme unterrichtet sie Deutsch als Zweitsprache, kurz „DaZ“. Als gebürtige Russin weiß sie genau, wie es sich anfühlt, die Landessprache nicht zu beherrschen. „Man schämt sich, mit anderen zu sprechen und hat Angst, Fehler zu machen.“ Das ist im Radio anders. Dort sieht sie niemand und sie können reden, ganz frei. Nach und nach trauen sich immer mehr, andere zögern weiter. Am Ende des Tages haben von den 15 Jugendlichen 13 gesprochen.

Eine davon ist die 13-jährige Lizda aus dem syrischen Aleppo. Ihr Deutsch ist schon fast perfekt, obwohl sie erst seit einem Jahr und acht Monaten hier wohnt. 2015 kam ihr Vater mit einem kleinen Boot nach Deutschland, der Rest der Familie blieb fünf Jahre in der Türkei. „Die Menschen sollen hören, was ich erlebt habe!“ sagt sie mit fester Stimme, kurz bevor sie ihre Aufnahme startet. Sie hat einiges erlebt. In der Türkei fühlte sie sich nicht besonders willkommen. „Sie haben uns nicht gerne gemocht.“ Besser wurde es, als sie ihrem Vater in die Bundesrepublik folgen durften. An Deutschland mag sie, dass sie keine Angst haben muss. „Hier sind alle nett.“ Mittlerweile konnte die Familie sogar eine eigene Wohnung beziehen. In ein anderes Land oder gar zurück nach Aleppo will Lizda gar nicht, doch vielleicht, um mal Verwandte zu besuchen. Und wenn sie groß ist? „Will ich Architektin werden.“

Noch kein Happy End für Obada

Auf ein solches Happy End wartet der 16-jährige Obada noch. Vor etwa einem Jahr kam der junge Syrer nach Lüneburg. Mit Deutsch tut er sich noch schwer, und damit auch mit der Schule. „Es ist nicht leicht, weil wir neu da sind.“ Weil er hier in die neunte Klasse gekommen ist, hat er nicht so viel Zeit wie jüngere Kinder, um Deutsch zu lernen: Anstatt der üblichen zwei Jahre nur anderthalb. „Das ist problematisch in unserem System“, sagt Nadeshda Harneit. Einen deutschen Hauptschulabschluss zu erreichen, ist für Obada deutlich schwieriger.

Schule ist für ihn auch lange nicht das einzige Problem. Sein Bruder und er müssen sich selbst versorgen, sein Vater ist weg, die Mutter zurück nach Syrien gegangen, um den kranken Großvater zu pflegen. Damit hat sie ihr Recht auf Rückkehr nach Deutschland verwirkt. Gerne würde Obada mit seinem Cousin Hadi bei seinem Onkel in Lüneburg wohnen, doch der hat nicht genügend Platz.

Bei Radio ZuSa haben die Jugendlichen Zeit, ihre Geschichten zu erzählen. Sie alle werden zu hören sein, jeweils Mittwoch nachmittags während der „Happy Hour“ zwischen 16 und 18 Uhr, sowie Donnerstag morgens zur Morningshow zwischen 6 und 10. Das Format nennt sich „Migrantenkinder in Lüneburg – Radio ZuSa hört zu.“

Von Robin Williamson