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Lüneburger Hygienetag
Händedesinfektion ist unverzichtbar im Kampf gegen Keime wie MRSA. Mit einer Schwarzlichtbox können Keime an den Händen sichtbar gemacht werden. (Foto: t&w)

„Der Kampf gegen Leichtsinn“

Lüneburg. In der Psychiatrischen Klinik Lüneburg fand der 6. Lüneburger Hygienetag statt, bei dem sich Pflegende, Ärzte und medizinisches Personal über neueste Erkenntnisse und Maßnahmen informieren. Anlässlich dieser Veranstaltungen sprach die LZ mit einem der Referenten, Dr. André Bode, unter anderem über die Schwierigkeiten mit Keimen und Antibiotikaresistenzen im Klinikalltag.

Warum halten Sie den Hygienetag für besonders sinnvoll?

Vor allem weil dort ein disziplin­übergreifender Austausch der unterschiedlichen Fachgruppen stattfindet. Es kommen ja nicht nur Ärzte, sondern auch Mitarbeiter und Betreiber von Altenpflegeheimen, Mitarbeiter vom Rettungsdienst, Klinikhygieniker, Öffentlicher Gesundheitsdienst und so weiter. Hier können wir einander enormes Wissen vermitteln. Besonders in den Diskussionen abseits der Vorträge passiert viel.

Was ist Ihr Highlight der diesjährigen Veranstaltung?

Ich freue mich sehr auf den Vortrag von Herrn Prof. Dr. Kampf. Da geht es unter anderem darum, dass verschiedene antiseptische Maßnahmen mittlerweile bedingen, dass bestimmte Erreger gegen Antiseptika resistent werden können, wenn man sie in zu niedriger Konzentration anwendet. Außerdem berichtet er darüber, dass bei der falschen Dosierung auch Kreuzreaktionen auf Antibiotika entstehen können. Das ist wirklich noch sehr frisch und für uns alle etwas Neues. Und es behandelt natürlich mein Thema.

Sie sind Experte für Antibiotika-Therapie in Kliniken. Mit welchen Herausforderungen haben Sie in der täglichen Praxis zu kämpfen?

Die Patienten werden älter, haben künstliche Hüftgelenke oder Herzschrittmacher – das bedingt eine andere Antibiotikatherapie als noch vor 30 Jahren. Vor allem aber gibt es immer mehr Resistenzen, gerade auf den Intensivstationen sehen wir immer mehr, dass Bakterien gegen bestimmte Antibiotika resistent werden. Wenn ein Mensch sich mit einem solchen Keim infiziert, dann hat man nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, ihn vernünftig zu therapieren. Die Patienten bringen ja meist noch ein hohes Maß an Risikofaktoren mit, werden beatmet, haben Katheter, Operationswunden. Dann wird Antibiotika-Therapie kompliziert und zum Gemeinschaftsunterfangen. Da kommen die Antibiotic Stewardship-Teams ins Spiel, hier arbeiten Klinikhygieniker, der Infektiologe, die Apotheke und der Mikrobiologe zusammen mit den Intensivärzten und den Ärzten auf der Station, um die Therapie passgenau für Patienten zu machen.

Wie kommt es denn zu solchen Resistenzen?

Zum Beispiel durch Antibiotika, die wir einnehmen. Die gelangen durch Klärwasser in die Kläranlagen und über Klärschlämme dann wieder auf die Felder. In den Klärwerken kommen Abwässer aus Schweinemastbetrieben, Krankenhäusern, Pflegebetrieben und Co. an. Unsere drei Klärstufen in Deutschland reichen aber noch nicht aus, um Mikrostoffe wie Antibiotika rauszufiltern. Wenn die Antibiotika in der Umwelt existieren, haben die Keime Möglichkeiten, Resistenzen zu entwickeln.

Und: In Krankenhäusern, wo viele Antibiotika eingesetzt werden, können Keime durch Weitergabe von Erbgut oder unter dem Druck von Antibiotika Resistenzen ausbilden.

Wird das zu einem immer größeren Problem?

Heutzutage screenen wir sehr viel, sodass wir vorher schon über etwaige Keime Bescheid wissen und den Patienten isolieren können. Aber ein Restrisiko bleibt. Wer im Krankenhaus behandelt wird, ist kränker und geschwächter als Menschen außerhalb der Klinik und somit empfänglicher für Keime. Krankenhäuser müssen besondere Vorsicht walten lassen. Das erfordert hohen Personalaufwand und wird besonders aus logistischen Gründen zur Belastung.

Was können Ärzte tun, um die Gefahr zu minimieren?

Es kann nicht allein an den Ärzten hängen. Ich möchte nicht nur mit dem Finger auf die Landwirtschaft zeigen, aber das ist erstmal eine Riesenbaustelle, bei der uns Klinikärzten die Hände gebunden sind. Da gibt es eine ganz interessante Studie vom BUND die zeigte, dass sich Bakterien mit Resistenzen auch auf Geflügel finden lassen. Wir im Krankenhaus können screenen, das tun wir. Wir arbeiten daran, die Antibiotikagabe zu verbessern und in Fortbildungen auf die Probleme hinzuweisen. Und langfristig wollen wir auch an allen kleineren Krankenhäusern jemanden etablieren, der sich noch besser mit Antibiotika-Therapie auskennt. Und wir müssen das Problem immer wieder thematisieren. Gleiches gilt für Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste. Dort müssen die Hausärzte geschult werden und darauf geachtet werden, dass Keime nicht in andere Haushalte und an andere Patienten weitergetragen werden.

Kann man einen multiresistenten Keim wieder loswerden?

Grundsätzlich schon, aber bei einem multiresistenten Darmkeim ist das deutlich schwieriger als beispielsweise beim MRSA, da geht es mit Waschungen inzwischen ganz gut. Aber man hat ja zum Beispiel Millionen Bakterien im Darm, die lassen sich nicht alle abtöten. Was man aber auch nicht vergessen darf: Wer Träger ist, ist ja nicht automatisch erkrankt. Für eine Studie wurden junge gesunde Menschen vor und nach ihrer Fernreise auf resistente Keime untersucht – bis zu 70 Prozent waren danach Träger eines multiresistenten Keims. Nach einigen Monaten war er vielfach gar nicht mehr nachweisbar, nur bei wenigen Reisenden waren die Keime längerfristig nachweisbar geworden.

Gibt es denn etwas, was man als Patient noch tun kann?

Ja. Wir ermutigen die Patienten zur Mitarbeit und wollen sie immer mehr in die Hygiene miteinbinden. Dass sie selbst Hand-Desinfektionen durchführen, man ihnen erklärt, dass die Sekrete aus einer frisch operierten Wunde Keime beinhalten können, sie bei infektiösen Darmerkrankungen Besuche von Angehörigen auf ein Minimum reduzieren sollten. Was aber immer noch das A und O ist: Die Grippeimpfung, das ist Volksgesundheit. Etwas ganz Wichtiges, das viel zu wenig in Anspruch genommen wird. Gerade jetzt sind in den Krankenhäusern wieder schwerkranke Patienten auf der Intensivstation, die teilweise an den Folgen der Grippe tatsächlich sterben. Die Schreckgespenster, die man heuzutage ständig zeichnet, multiresistente Erreger, Krankenhauskeime werden sie ja auch genannt, obwohl sie auch sonst überall auftreten, sind in aller Munde. Aber was oft verharmlost wird: Der laxe Umgang mit Schutzimpfungen auf Fernreisen, leichtsinniges Verhalten dort. Darauf sollte mehr geachtet werden. Auch die Grundimmunisierung ist ein ganz entscheidender Beitrag, den der Patient leisten kann.

Was kann man tun, um gesund zu bleiben?

Das hat dann gar nicht mehr soviel mit Krankenhaushygiene, als vielmehr mit allgemeinem Menschenverstand zu tun: Niesen in den Ärmel, immer frische Taschentücher, Hände waschen mit Seife. Kinder nicht krank in den Kindergarten schicken, Lebensmittel vernünftig abwaschen. In der Erkältungszeit auch einfach mal auf Umarmungen und Hände schütteln verzichten – generalisiert würde ich das natürlich nicht empfehlen. In den Zeiten, in denen Erkältungskrankheiten, Grippe und Durchfallerkrankungen Hochkonjunktur haben ist eine gewisse Distanz jedoch hilfreich.

Lüneburger Hygienetag
Dr. André Bode. (Foto: privat)

Zur Person

Klinikhygieniker

Dr. André Bode ist Klinikhygieniker und Facharzt für Innere Medizin und Antibiotic Stewardship Expert. An der Imland Klinik Rendsburg hat er die Leitung für Hygiene und Infektionsschutz inne. Er ist einer der Referenten beim heutigen Hygienetag, sein Vortrag behandelt das Thema Antibiotikatherapie und die Probleme im Krankenhaus.

Von Lea Schulze