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Henri Schneider, Sarah Neuffer und Verena Emme (v.l.) zeigen das Positionspapier mit ihren Forderungen für das Studium. Foto: phs

Revolution im Hörsaal?

Lüneburg. Das Jahr 2008: Die amerikanische Großbank Lehman Brothers meldet Insolvenz an. Es herrscht Misstrauen auf dem Finanzmarkt: Staatsverschuldungen steigen, der Handel bricht ein, Menschen verlieren ihr Erspartes. Es ist der Höhepunkt dessen, was später als „Weltfinanzkrise“ in die Geschichtsbücher eingeht. In die Geschichtsbücher, aber nicht in die der Volkswirtschaftslehre.

Henri Schneider, Verena Emme und Sarah Neuffer können nur mit den Köpfen schütteln, wenn sie davon erzählen. „Im VWL-Studium gibt es vielleicht mal eine Randbemerkung oder Info-Box dazu. Aber es wurde überhaupt nicht integriert, warum die Theorie sowohl in Wissenschaft als auch Lehre die Finanzkrise nicht vorhersehen konnte“, sagt Henri Schneider, VWL-Student im 7. Semester.

Das wichtige Thema Finanzkrise kommt nicht vor

Er und seine zwei Kommilitoninnen engagieren sich mit anderen Studenten in der Initiative „Mehr Ökonomische Vielfalt Erreichen“ (MÖVE) für ein Umdenken in der VWL-Lehre. Sie sind unzufrieden mit den Inhalten und Methoden, die ihnen täglich im Hörsaal begegnen und wollen sie ändern. Dafür haben sie ein Positionspapier verfasst. Das Thema Finanzkrise ist nur ein Beispiel, aber eines, das kaum deutlicher zeigen könnte, dass sich in der VWL-Lehre etwas ändern muss, finden sie. „Es ist krass, dass Leute, die es eigentlich erklären müssten, es nicht erklären können. Und nicht verstehen, dass sie etwas ändern müssen, um es in Zukunft erklären zu können“, findet Sarah Neuffer, Erstsemeter-Studentin des Studium Individuale.

Eine Erweiterung der Lehre um alternative Theorien und Modelle, ein stärkerer Bezug zu aktuellen politischen Themen und eine höhere Anerkennung qualitativer wissenschaftlicher Methoden sind nur ein paar der Änderungsvorschläge, die die Studenten formuliert haben. So fordern sie, auch Theorieschulen gelehrt zu bekommen, die Umweltaspekte oder soziale Ungerechtigkeit berücksichtigen. Prüfungen sollen nicht mehr nur in Form von Klausuren, sondern auch als Essays, Hausarbeiten oder Vorträge erbracht werden können. „Wir wollen keine Fundamentalkritik üben, sondern nur sagen, es gibt da noch mehr“, sagt Henri Schneider.

Die kritischen Stimmen sind gelieben

Die Suche nach dem „Mehr“ war es, die die MÖVE-Initiative 2016 ins Rollen brachte. Die ehemalige Studentin Kristin Langen hatte damals auf die Frage, wie man Umweltaspekte in das gelehrte VWL-Modell integrieren könne, eine für sie nicht zufriedenstellende Antwort bekommen. „Dass es zu komplex wäre. Das war für sie der entscheidende Moment, in dem sie feststellte, hier läuft was schief“, erinnert sich Verena Emme. Langen gründete MÖVE. Ihr Studium hat sie inzwischen beendet, die kritischen Stimmen sind gelieben.

Frisch gedruckt liegen die Kopien des Positionspapiers vor und bald in allen Postfächern der Professoren und Institutsmitarbeiter. Zum Lesen und Nachdenken. „Es gab immer auch Argumente gegen unsere Vorschläge. Das hat uns dazu bewegt, mit Literatur zu belegen, was genau unsere Argumente sind und warum wir recht haben“, sagt Verena Emme.

Universität gibt sich wortkarg

Und auch, wenn vielleicht nicht alle der Forderungen erfüllt werden können, ein gemeinsames Gespräch mit den Institutsverantwortlichen sehen die Studenten als Schritt in die richtige Richtung. Dem zeigt sich auch die Leuphana nicht abgeneigt. Auf LZ-Nachfrage heißt es, das Thema wurde bereits und werde auch künftig in verschiedenen Gesprächen aufgenommen und diskutiert. Programme wie der Qualitätszirkel, eine einmal jährlich organisierte Diskussionsrunde, soll Studenten und Lehrpersonal zusammenbringen, um das Studienprogramm gemeinsam weiterzuentwickeln. Wie konkret die Forderungen am Ende umgesetzt werden, ist offen. Von „intern“ ist die Rede und „später können wir Sie über Ergebnisse informieren“.

Damit sind die Studenten der Initiative nicht zufrieden. Schon in den vergangenen Jahren haben sie ihre Anliegen im Qualitätszirkel angebracht, mit mäßigem Erfolg: „Auf das Positionspapier, dessen Veröffentlichung wir dort im letzten Jahr bereits angesprochen haben, reagierte die versammelte Professorenschaft mit Ablehnung“, sagt Henri Schneider. Sie hoffen nun auf eine sachliche und konstruktive Auseinandersetzung. Bis dahin scheint die Revolution im Hörsaal erstmal verschoben.

Von Anke Dankers