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Wenn weniger mehr ist

Lüneburg. Die Heide blüht in einem kräftigen Lila, ein alleinstehender Baum hat seine mächtigen Äste wie Fühler in den Himmel ausgestreckt. Die Idylle ist in das goldene Licht der Abendsonne getaucht. Das Motiv, wie es in einem der Gästezimmer des Glockenhofs in Amelinghausen zu finden ist, ist der Hingucker eines hölzernen Arrangements aus Schrank, Tisch und Fernseher. Wer die Lüneburger Heide kennt und genau diese wertvollen Minuten dort verbracht hat, fühlt sich gleich heimisch. „Sehr schön gelungen“, sagt Susanne Schreiber-Beckmann, die darauf hinweist, dass die Inhaber des Reiterhofs diese Fotos selbst aufgenommen haben. „Wenn man eine bestimmte Zielgruppe ansprechen möchte, ist es gut, bestimmte Attribute mit einfließen zu lassen.“ In diesem Fall dürfte es wohl der naturliebende Urlauber sein, den es in die 4000-Seelen-Gemeinde verschlägt.

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Schreiber-Beckmann ist Expertin, wenn es darum geht, Räume einzurichten. „Interior-Desig­nerin“ nennt sie sich. Als solche wird sie den 50 Leuten, die sich Kritik, Lob und Tipps anhören, auch vorgestellt. Unter ihnen sind Betreiber von Ferienwohnungen und Pensionen hier aus der Region und solche, die es gern werden möchten. Sie haben sich für eine Bustour einmal quer durch den Landkreis angemeldet – eine Ideenwerkstatt, die dabei helfen soll, kleinen Häusern einen neue Optik zu verpassen. Veranstalter sind die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHK) und die Lüneburger Heide GmbH, Unterstützer die Tourist-Information in Amelinghausen und die Lüneburg Marketing GmbH.

Regionale Bezüge kommen gut an

Drei Stopps stehen auf dem Programm: der Amelinghausener Glockenhof, der Benedikt-Stift inmitten der Lüneburger Altstadt und der Rehrhof in Rehlingen. Es sind Beispiele zum Lernen, Beispiele, die sich in der Vergangenheit schon bewährt haben. Weil Perfektion aber bekanntlich ein schwer zu erreichender Zustand ist, hat die Einrichtungsberaterin aus Celle auch hier Verbesserungsvorschläge.

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Ferienwohnungen, -häuser und Pensionen gibt es in der Lüneburger Heide. Hinzu kommen 400 Hotels. 7,6 Millionen Übernachtungen verteilen sich jährlich auf diese Einrichtungen.

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass Jochen und Katrina Studtmann die „Villa Hügel“, so der Name eines ihrer insgesamt sieben Gästehäuser, grunderneuert haben. Helles Holz, karierte Bettwäsche, Sessel und Kissen, die die Heide-Farben aufgreifen, prägen das Bild. Regionale Bezüge, wie sie etwa auch durch die nachgebildete Eichenoptik hergestellt sind, kann Schreiber-Beckmann nur befürworten. Denn darauf legt der Urlauber Wert, der sich gern in der Natur aufhält. Aber auch noch auf etwas anderes: „Er hat warme Farbtöne gern, hier sind mir die Kontraste zwischen den weißen Wänden und der Eiche zu hart. Das wirkt leicht kühl“, sagt sie. „Es reicht schon, eine Naturton-Farbfläche hinter dem Bett anzulegen.“

Mit dem Bus durch den Landkreis

Weil der Tourismus in der Region boomt, die Übernachtungszahlen seit Jahren steigen, gehen immer mehr Gastgeber in den Wettbewerb. Eine der zentralen Fragen: Wie schaffe ich es, dass sich meine Gäste wohlfühlen? Weil nicht jeder Betreiber einer Pension die finanziellen Mittel für eine aufwendige Renovierung hat, wollen sie gern von Susanne Schreiber-Beckmann wissen, wie sie ihre Unterkunft mit kleinem Geld aufwerten können.

Stefan Kosog, einer der Teilnehmer, hat einen alten Bauernhof mit ungenutzten Ställen gekauft. In den großen Dielenbereichen würde er gern Wohnungen entstehen lassen. „Ich mag es, Leute von außerhalb ins Haus zu holen“, sagt er, der viele Ideen für den Umbau hat. „Möglich ist fast alles, aber das ist natürlich auch eine Finanzierungsfrage.“ In den Bus ist er gestiegen, um sich Inspirationen zu holen und sich mit anderen Betreibern auszutauschen. „Mir ist ein ökologischer Bau wichtig.“ So nennt er mit Lehm-Kalk-Putz und Naturdämmstoffen zwei Beispiele.

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Betten gibt es in Lüneburg: 24 Betriebe bieten in der Stadt mindestens zehn Betten an.

 

Eindruck schindet da das kleine Haus Beim Benedikt, das einmal Stall und Schuppen war, und jetzt zwei Doppelhaushälften beherbergt. Lärchenbohlen, Tonfliesen, freigelegte Balken und unverputzte Wände, die die Anmutung und den urigen Charakter bewahren. Bakelitschalter, ein rustikaler Holztisch mit Ledersesseln und ein Brett mit alten, rostigen Schlüsseln über dem Sofa tun ihr Übriges. Eigentümer Dr. Felix Abraham erzählt die Geschichte dieses Details: So soll das davorliegende Stiftshaus, das sich ebenfalls sei 25 Jahren im Besitz der Familie befindet, einst eine Heimat für mittellose Damen gewesen sein. „Die Schlüssel haben wir beim Räumen des Dachbodens gefunden. Wahrscheinlich gehörten sie zu den Zellen der Frauen.“

Frischer Blumenstrauß als Willkommensgruß

Die Raumdesignerin hat nichts zu meckern: „Das ist ein altes Haus, das den Bezug zum Modernen braucht.“ Das sei in vollem Maße gelungen. Sie verweist auf die wohl gewählten Accessoires, den frischen Blumenstrauß auf dem Tisch, der dem Gast signalisiert, dass er willkommen ist. „Gastgeber sollten mit dem, was sie verkörpern, präsent sein. Hier sieht man, dass sie viel Liebe zu geben haben“, sagt Schreiber-Beckmann, die aus Erfahrung weiß, dass es auch ein Zuviel gibt. „Ein Gast sollte nicht das Gefühl habe, im Wohnzimmer einer anderen Person zu stehen. Schließlich will er sich die Räume für eine begrenzte Zeit aneignen.“ Hier ein Chichi, da ein Chichi, das sei unangebracht.

„Hier ein Chichi, da ein Chichi, das ist unangebracht.“
Susanne Schreiber-Beckmann, Einrichtungsberaterin

Von der alten Stadtmauer aus geht‘s nach Rehlingen, zu einem der großen Gutshöfe in der Heide. Der Geruch von Pferden liegt in der Luft. Doris und Jürgen Vogt haben 160 Jahre alte Fachwerkgebäude zu 13 Ferienwohnungen und -häusern umbauen lassen. Vor allem die Reitschule für Kinder lockt Familien an, oft auch Hunde. Weil unter den Gästen auch solche sind, die ihre Pferde mitbringen, hat das Ehepaar sich für „pflegeleichte Wohnungen“ entschieden. „Wir haben nirgends mehr Teppich, nur Vollholzmöbel und Leasing-Bettwäsche“, sagt Doris Vogt.

Das Schlafzimmer im Haus „Sonneneck“, ausgestattet mit einem Schrank, zwei Nachttischen und einem großen Doppelbett, nutzt Schreiber-Beckmann um zu zeigen, was schon zwei lilafarbene Kissen ausmachen können. Sie hat sie ebenso mitgebracht wie einen Kerzenständer, den sie auf einem kleinen Läufer auf dem Nachttisch platziert. „Mir fehlen hier die farbige Akzente, das ist ein sehr schlichter und zurückhaltender Raum. Mit wenig kann man viel verändern.“

Farbige Akzente an der Wand setzen

Zu dem Provisorium, eigentlich ein Kissenbezug, den sie unter den massiven Kerzenhalter legt, sagt sie: „Ich baue damit eine Brücke, schaffe eine Barriere zwischen den beiden Hölzern.“ Weil sie auch etwas Farbe an der Wand vermisst, schlägt sie vor, ein Rechteck an die Wand zu pinseln, das zum Beispiel für die dort hängenden Bilder ein Hintergrund sein kann. „Man kann aber auch mithilfe einer Tapete mit anderen Materialien spielen.“ So findet Schreiber-Beckmann zum Beispiel in diesem Fall ein zurückhaltendes Motiv wie grafisch verwaschene Gräser in Sepiatönen passend.

Weil sie mit den Vogts schon über das Problem der schmutzigen Schuhe gesprochen hat, schlägt sie ihnen mit der Kunstrasenmatte eine Alternative zur gemieteten Gummimatte vor, die stets abgeholt und gereinigt werden muss. „Die lässt sich einfach mit dem Wasserschlauch abspritzen.“ Und das saftige Grün sorgt dann gleich auch noch für einen Akzent vor der Haustür.

Fünf Tipps

Vorschläge zur Verbesserung

  • Keine Polyester-, sondern Baumwollkissen kaufen, das gilt auch für Gardinen, Handtücher und Bettwäsche.
  • Kleine Läufer, Bilder oder Accessoires kosten nicht viel, können aber einen Raum ganz schnell auch mal anders aussehen lassen.
  • Wirkt ein Raum eher kalt, dann helfen farbige Akzente. Sandfarbene Flächen oder auch ein gedecktes Grün passen zum Beispiel gut zu Holz. Aber: Je intensiver der Farbton, desto kleiner wirkt das Zimmer.
  • Auf indirekte Beleuchtung zurückgreifen, ein Hingucker kann auch schon ein Bild sein, das hinterleuchtet wird.
  • Selbstgeschossene Bilder aus der Region schaffen Verbundenheit, ebenso können sie aber zum Beispiel auch die Geschichte des Hofs erzählen, auf dem jemand nächtigt.

Von Anna Paarmann