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Mindestens 800 Stoffe müssen laut Elke Kiehn in einem sogenannten Charm Quilt vernäht werden. Die Brietlingerin hat sogar 1300 Stoffe verarbeitet. „Jede Patchworkerin macht das nur einmal im Leben“, sagt die 67-Jährige. Foto: t&w

Sie hat sie alle umgarnt

Brietlingen. Stoffe zu zerschneiden, um anschließend die Einzelteile in mühevoller Arbeit wieder zusammenzunähen: Für ihr Hobby erntet Elke Kiehn mitunter Kopfschütteln, sogar in der eigenen Familie. „Mein Sohn sagt immer, es schadet nicht, ein bisschen bekloppt zu sein“, sagt die 67-jährige lachend. „Er ist Zimmermann und würde nie Holz auseinandersägen und es dann wieder zusammensetzen.“

Doch auch wenn sich die Brietlingerin hin und wieder Spott anhören muss, gibt es für sie nichts Schöneres als Patchwork. Jetzt hat Elke Kiehn ihre Leidenschaft auf die Spitze getrieben und einen sogenannten Charm Quilt genäht: Sechs Jahre lang fügte sie per Hand 1300 etwa billardkugelgroße Sechsecke zu einer riesigen, kunterbunten Decke zusammen. Die Besonderheit: Kein Stoff kommt darin zweimal vor.

Als Motiv ist von der Kuh bis zum Maiglöckchen alles dabei.

Elke Kiehn sitzt unter einem Hängeregal voller Tonkrüge, die mehr als zwei Meter lange Flickendecke hat sie vor sich auf dem niedrigen Sofatisch ausgebreitet. Immer wieder deutet sie auf verschiedene Motive: „Sehen Sie, auf diesem Stoff sind Maiglöckchen, hier ist eine Kuh, mein Lieblingstier, dort ist Holz.“ Die Augen der 67-Jährigen leuchten, am liebsten würde sie zu jedem Stoffschnipsel eine Geschichte erzählen. Für den LZ-Termin hat sie sogar einige Papierschablonen vorbereitet, um zu demonstrieren, wie die Hexagone, also die Sechsecke, entstehen.

„Stoffe haben auf mich schon immer eine Faszination ausgeübt“, sagt Elke Kiehn. „Meine Mutter hat Oberbekleidung genäht, als Kind musste ich ihr manchmal assistieren. Ich liebte es, die Stoffe zu sehen und sie zu fühlen.“ Die Brietlingerin streicht gedankenversunken über ihr neuestes Werk. Das Patchworken entdeckte Kiehn vor rund 40 Jahren, ein Kurs an der Volkshochschule Scharnebeck brachte sie auf den Geschmack.

„Damals gab es noch keine Patchworkläden, ich habe mit den Kleidungsresten meiner Tochter angefangen“, erzählt sie. Heute ist die 67-Jährige ein richtiger Profi, bestellt ihre Stoffe im Internet, wälzt Bücher über die zahlreichen Patchworktechniken und fährt mit ihrer Cousine einmal im Jahr zur „Creativa“ in Dortmund. Längst ist das Flickwerk zu ihrem liebsten Hobby geworden, das Nähen hat beinahe heilende Kräfte.

Ausgleich zum Job als Krankenschwester

„Ich war von Beruf Krankenschwester und brauchte einen Ausgleich für all die schweren Sachen, die man so sah“, erklärt sie. Auch wenn Elke Kiehn inzwischen Rentnerin ist, das Patchworken als Ausgleich ist ihr geblieben. Wann immer die 67-Jährige Sorgen hat oder eine Auszeit vom Alltag braucht, setzt sie sich zum Arbeiten aufs Sofa oder zieht sich in ihr Nähzimmer zurück, das auf der Westseite ihres alten Bauernhauses liegt. Wenn die Abendsonne auf ihre geliebten Stoffe scheint und sie die Gewebe durch ihre Hände gleiten lassen kann, dann entstehen die schönsten Kreationen.

Ihr aktuelles Werk, den Charm Quilt aus 1300 Stoffen, wird Elke Kiehn nun nach Nürnberg schicken, wo er gequiltet wird. Das heißt, er erhält zwei weitere Lagen auf der Unterseite. Wenn das geschehen ist, ist die Zierdecke fertig – doch für die Brietlingerin beginnt damit die Arbeit von Neuem. „Ich habe so viele Stoffe übrig…“, sagt sie und lacht.

Von Emilia Püschel