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Ideen für ein besseres Leben

Lüneburg. Die Fastenzeit, die am Aschermittwoch, 6. März, beginnt, ist die Vorbereitung auf das wichtigste Fest der Christenheit: die Auferstehung von Jesus Chr istus – Ostern. Sie steht in der Kirche für theologische Begriffe wie Buße, Reue und Umkehr. Erinnern soll die insgesamt 40 Tage andauernde Fastenzeit an das ebenso lange Fasten Jesu Christi in der Wüste. Christen, aber auch viele andere, nehmen die Fastenzeit zum Anlass, um bewusst zu verzichten. Viele denken bei diesem Verzicht ans Essen, an Zigaretten und alkoholische Getränke. Doch es gibt auch andere Möglichkeiten, etwa das „Klimafasten“, dem der Evangelisch-lutherische Kirchenkreis Lüneburg in der Fastenzeit unter dem Motto „Zeit fürs gute Leben“ eine sechsteilige Veranstaltungsreihe widmet.

„Es ist ein tiefer Graben zwischen uns und der Schöpfung entstanden“

„Es geht nicht mehr um das Fasten von etwas, sondern für“, sagt Superintendentin Christine Schmid: „Für die Bewahrung der Schöpfung. Und da ist eine Umkehr bitter nötig. Der menschliche Auftrag ist es, die Welt zu erhalten und vor Schaden zu bewahren. Stattdessen aber betrieb er in den vergangenen 200 Jahren einen Raubbau.“ Pastorin Barbara Grey, die die Reihe organisiert hat, ergänzt: „Es ist ein tiefer Graben zwischen uns und der Schöpfung entstanden.“

Welch verheerende Spuren der Umgang des Menschen mit der Natur hinterlassen haben, zeigen Bilder aus dem All etwa von den abgeholzten Teilen des Urwalds in Brasilien, der Dürre in Europa im Sommer 2018 oder den Folgen der Waldbrände in Kalifornien. Zur Weltklimakonferenz 2018 in Kattowitz schickte der deutsche Astronaut Alexander Gerst eine Videobotschaft aus dem All: „Von hier oben sehe ich die Schönheit der Welt, ihre Verletzlichkeit und die Spuren, die der Mensch hinterlässt. … Auf dieser kleinen blauen Kugel im schwarzen Weltraum ist alles endlich. Wir haben nur diesen einen Planeten. Lasst uns nicht vergessen: Heute haben wir es in der Hand, wie unsere Erde in der Zukunft aussehen wird.“

Motto der Diskussion: Weniger ist mehr

Das Osterfest steht für den Sieg des Lebens über den Tod, und die Fastenaktion 2019 für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit gibt laut Barbara Grey alltagsnahe, gute Ideen für ein besseres Leben. Sie selbst wird zum Auftakt mit einem Team am Freitag, 8. März, um 19.30 Uhr im Gemeindehaus Vögelsen eine lockere Einstimmung ins Klimafasten geben, wobei es Gespräche und Musik der Band Jukebox Unplugged gibt. Für den 29. März verspricht sie dann unter dem Diskussionsmotto „Weniger ist mehr“ Überraschungsgäste in der Zehntscheune Lüne, die laut Grey Verzicht vorleben: „Sie leben in kleineren Wohnungen, sie arbeiten bewusst weniger, um mehr Lebenszeit zu für sich und ihre Familien zu haben, sie kaufen nicht nur anders, sondern auch bewusst weniger ein.“

Bei den vier weiteren Abenden stellen zunächst Referenten ihre Ideen vor, über die danach in lockerer Runde gesprochen wird. Die Reihe entstand in einer Kooperation von Kirchenkreis, der Evangelischen Frauenarbeit im Kirchenkreis und der Evangelischen Erwachsenenbildung Niedersachsen.

Von Rainer Schubert

Das Programm

Eine Woche Zeit…

Die unabhängig voneinander gestalteten sechs Abende vom 8. März bis zum 12. April finden jeweils freitags von 19.30 bis 21 Uhr bei freiem Eintritt an wechselnden Orten im Kirchenkreis Lüneburg statt. Neben dem Austausch über eigene Fastenerfahrungen und -ideen führt ein Impulsreferat in das Thema der kommenden Woche ein. Hier die Termine, Themen und Referenten:

▶ 8: März: So viel ich brauche…, Barbara Grey und Team, Band: Jukebox Unplugged
Gemeindehaus Vögelsen, Schulstraße 6
▶ 15. März: Eine Woche Zeit … für anders unterwegs sein, Prof. Dr. Volkher Weißermel
Gemeindesaal St. Nicolai, Lüneburg, Lünerstraße 15
▶ 22. März: Eine Woche Zeit … für achtsamen Umgang mit Vögeln und Insekten, Dr. Wolfram Eckloff
Gemeindehaus Bleckede, Gartenstraße 2
▶ 29. März: Eine Woche Zeit … für „Weniger ist mehr“, Barbara Grey
Zehntscheune Lüne, Lüner Kirchweg 4
▶ 5. April: Eine Woche Zeit … für saisonales Einkaufen und achtsames Ernähren, Hannelore Köhler
Kreuzkirche Lüneburg, Röntgenstraße 34
▶ 12. April: Eine Woche Zeit … für ein plastikfreies Leben, Judith Sievers
St. Stephanus Lüneburg.

Anders unterwegs sein

Referent Dr. Volkher Weißermel aus Vögelsen, FB Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, sagt: Der Verkehr ist in den Fokus der Diskussionen um den Klimaschutz gerückt. Die Menge der Autos erzeugt zu viel klimaschädliche Abgase. Aber die Wenigsten können sich mal eben ein Elektroauto leisten. Trotzdem müssen wir mobil bleiben, besonders im Alltag. Und jetzt Klimafasten auch bei meinen Mobilitätsgewohnheiten? Geht doch gar nicht! Geht doch! Fasten bedeutet ja nicht, ganz auf die eigene Mobilität zu verzichten. Die Idee des Klimafastens möchte zunächst einmal zum Nachdenken anregen. Welche unüberlegten Gewohnheiten in meiner Mobilitätspraxis haben sich bei mir eingeschlichen? Welche Wege könnte ich ebenso gut anders zurücklegen als mit dem Auto? Ließe sich die eine oder andere wiederholte Fahrt mit meinem Bedarf an Fitnesstraining kombinieren und somit besser zu Fuß oder per Fahrrad erledigen? Wozu mit dem Auto zum Fitnessstudio fahren, um dann dort auf dem Laufband zu trainieren?

Insekten lieben Blütenreiches

Der Biologe Dr. Wolfram Eckloff ist ehemaliger Leiter des Lübecker Museums für Natur und Umwelt und spricht über den achtsamen Umgang mit Vögeln und Insekten: Es ist leiser geworden in der Natur. Die Insekten in Feld und Garten haben massiv abgenommen und mit ihnen die Singvögel. Die wichtigste Maßnahme, dies zu ändern, besteht darin, die grauen und grünen Wüsten im Siedlungsbereich in blütenreiche Gärten und Wiesen umzuwandeln. Auch viele öffentliche Grünflächen und Wegränder könnten farbenfroher werden. Eine besondere Gruppe der Insekten, die blütenbestäubenden Wildbienen (in Deutschland ca. 560 Arten), sind wie die räuberisch lebenden Grabwespen (ca.260 Arten) auf besondere Nistgelegenheiten angewiesen: Die meisten bewohnen selbst gegrabene Röhren im Boden. Dazu suchen sie besonnte sandige Stellen auf. Die dichte Grasnarbe gedüngter Wiesen und Rasenflächen können sie nicht besiedeln. Deshalb der Tipp: Helfen Sie den im Boden nistenden Wildbienen durch nicht oder nur locker bewachsene Bodenstellen, Sandhügel und kleine Abbruchkanten.

Macht der Verbraucher

Hannelore Köhler, Referentin im Frauenwerk der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, sagt zum Thema Ernährung: Hat die Art, wie wir uns ernähren, Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht und auf den Klimawandel? Ja, hat sie. Durch die Art, wie wir uns ernähren und wie wir konsumieren, tragen wir entweder etwas zur Lösung des Problems bei oder zu seiner Verschärfung. Wo kommen beispielsweise unsere Lebensmittel her? Wie viele Transportkilometer haben sie auf dem Buckel, bevor sie auf unserem Tisch landen? Die berühmten Erdbeeren und Weintrauben im Februar sind jedenfalls geeignet, das Problem massiv zu verschärfen. Was wächst eigentlich wann in unserer Region? Wissen wir das überhaupt noch? Und wie kommen wir an regionale Lebensmittel?
Natürlich müsste politisch noch viel mehr geschehen, als das zurzeit der Fall ist, aber gerade beim Thema Ernährung kommt es auch sehr auf unser persönliches Verhalten an. Wir haben als Verbraucher viel mehr Macht, als wir denken. Wenn wir Ideen entwickeln, was wir persönlich tun können, kommen wir der Bewahrung von Gottes Schöpfung mit jedem Schritt ein bisschen näher.

Weg mit dem Plastik

Judith Sievers ist Studentin der Umweltwissenschaften, sie sagt: Überall in unserem Leben taucht Plastik auf, sogar in der Zahnpasta. Jeder kann auf Plastik verzichten und dabei noch Geld sparen und gesünder leben. Beim Herstellen von Zahnpasta etwa lernt man gleich noch etwas über die eigenen Vorlieben und beim Shopping auf dem Wochenmarkt etwas über die eigene Stadt. Auch vor 100 Jahren wurde noch kein Plastik gebraucht. Diese Lebensweise muss nur wieder neu gelernt und geupdatet werden. Für ein paar Situationen müssen wir uns nur ins Gedächtnis rufen, an den Stoffbeutel zu denken und den 2Go-Becher einzupacken. Ich möchte Tricks verraten, die sich leicht für jeden umsetzten lassen und mit denen man die eigenen Gewohnheiten überlistet. Dann gibt es andere Fälle, in denen eigene Rezepte und auch ungewöhnliche Kochzutaten wie Natron, Kastanien oder Bienenwachs helfen können. Schlussendlich sind es die wenigsten Bereiche, in denen wirklich verzichtet wird, vielmehr wird das Plastik ersetzt. Und sobald man sich mit den Details von Müllverbrennung, Weichmachern und Mikroplastik im Meer auseinandergesetzt hat, fällt einem dieser Verzicht auch gleich viel leichter.