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Der Lehrplan als größtes Gift für die Neugier? Richard David Precht beurteilt die aktuelle Bildungspolitik sehr kritisch. Foto: t&w

Hardware-Antworten auf Software-Fragen

Lüneburg. Richard David Precht vergleicht die Digitalisierung gerne mit einer neuen industriellen Revolution: Vor mehr als zweihundert Jahren wurde die Hand des Menschen durch Maschinen ersetzt, jetzt ist es das Gehirn, sagte der Philosoph in der Lüneburger Uni bei einer Diskussion über die digitale Revolution und die damit einhergehenden Folgen für die Bildung. Die schlechte Nachricht: Roboter und intelligente Computerprogramme werden in Deutschland und anderen Industrieländern Millionen Arbeitsplätze vernichten. Die Humanität lasse sich nicht ersetzen. Schon gar nicht in der Bildung.

Mit Precht saßen die Geigerin des Frauen-Quartetts „Salut Salon“, Angelika Bachmann, der Lüneburger Künstler Andreas Peschka, der Leuphana-Professor für Bildung und nachhaltige Entwicklung, Matthias Barth, sowie der Student Pascal Herm und die Schülerin Emma Brinkmann in der Gesprächsrunde. Durch den Abend führte der Erziehungswissenschaftler Reinhard Kahl vom Archiv der Zukunft.

Der Mensch bleibt in der Lehre unverzichtbar

Aufatmen konnten vor allem die Lehramtsstudenten im Publikum, die laut Precht keine Angst um ihren Job haben müssten. In China teste man gerade Roboter, die die Erziehung im Kindergarten übernehmen könnten. Diese könnten zwar individueller auf die Kinder eingehen, doch das Entscheidende fehle ihnen: das Menschliche. Dennoch wird die Digitalisierung die Bildung verändern. Wie die Bundesregierung damit im Moment umgeht, sieht die Runde kritisch.

In einem Punkt waren sich alle einig: Das Problem-Lösung-Denken, das in der Bildungspolitik betrieben werde, sei höchst problematisch. Auf das „Problem“ Digitalisierung werde mit einem fünf Milliarden schweren Digitalpakt reagiert, der Whiteboards und Laptops in die Schulen bringen soll. „Wir beantworten eine Software-Frage mit einer Hardware-Antwort“, sagt Precht. „Wir sollten lieber darüber diskutieren, was sich im Unterricht abspielt.“ Im deutschen Schulsystem sei von Anfang an klar, was am Ende rauskommen soll. Das lege der Lehrplan für alle fest. So würden kreative Gedanken, die sich weder als richtig noch als falsch beurteilen ließen, nicht gefördert. „Das ist das größte Gift für Neugier.“

Bei der Musik gebe es kein „Um zu“

Ein Beispiel für ein kreatives Lernen zeigt Geigerin Angelika Bachmann, die für ihr Engagement in der musikalischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bereits mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde: „Ich schätze es sehr, dass ich mich durch die Musik ausdrücken kann. Das will ich auch anderen Kindern auf der Welt ermöglichen.“ Bei der Musik gebe es kein „Um zu“, keinen Zweck, der verfolgt würde. „In der Kunst gibt es kein besser und schlechter, es geht vielmehr um die Tätigkeit an sich. Dass Musik machen gut tut.“

Auch Andreas Peschka setzt sich für alternative Lernmethoden ein. An der IGS Embsen unterrichtet er das Fach Kunst anders, als es der Lehrplan vorgibt. „Ich gebe den Kindern bloß ein Thema vor. Was sie daraus machen, können sie ganz allein entscheiden.“ Durch die Freiheit werde der Raum für kreative ­Ideen offengehalten. Und er geht noch weiter: „Das, was im Kunstunterricht möglich ist, ist auch in anderen Fächern umsetzbar.“ In Deutsch könne man Kinder viel häufiger einfach mal drauflosschreiben lassen.

Das Ausweichen stärkt die Rechtspopulisten

Für Student Pascal Herm ist der Digitalpakt noch auf eine andere Art problematisch: „Damit steuert die Regierung gegen den geplanten Kohleausstieg 2038.“ Die vielen technischen Geräte für die Schulen „verbrauchen nämlich enorm viele Ressourcen in Form von Strom. Die fünf Milliarden hätte man lieber woanders reinstecken sollen. In die Bildung zum Beispiel.“ Dem stimmte Schülerin Emma Brinkmann zu, die es Greta Thunberg gleichtut und freitags für das Klima auf die Straße geht: „Die Politik tut viel zu wenig für den Klimaschutz.“ Das sei unverantwortlich, insbesondere gegenüber jungen Menschen.

Das sieht auch Precht so: „Politiker sprechen ökologische Prob­leme ungern an, weil sie Angst haben, Wahlen zu verlieren.“ Eine Gefahr dabei sei, dass Rechtspopulisten, die holzschnittartige Lösungen anbieten, dadurch gestärkt würden.

Matthias Barth bilanzierte am Ende: „Es sollte nicht immer nur geschaut werden, wo etwas repariert werden muss, sondern lieber, wo Innovationen nötig sind.“

Von Anna Hoffmann