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Petra Andreas-Siller (l.) und Susanne Kitchenham demonstrieren gemeinsam mit den Schülern für mehr Klimaschutz. (Foto: t&w)

„Omas sind heute anders“

Lüneburg. Es ist ein Bild, das viele Passanten und Mit-Demons­tranten zum Schmunzeln bringt: Mit freundlichem Gesichtsausdruck stehen Susanne Kitchenham und Petra Andreas-Siller auf dem Lüneburger Marktplatz; dass sie nicht mehr die Jüngsten sind, sieht man ihnen – mit Verlaub – an. Beide halten Schilder in ihren Händen, drei Wörter stehen darauf: „Omas gegen Rechts“. An diesem Tag beteiligen sie sich an einer der „Fridays for Future“-Demonstrationen, auch bekannt als „Schulstreik für das Klima“. Die beiden wollen die jungen Leute bei ihrem Protest gegen die Klimapolitik unterstützen. „Solidarität“ steht angeheftet am unteren Teil ihres Schildes.

„Omas gegen Rechts“ ist eine Bewegung, die vor wenigen Jahren in Österreich gegründet wurde und mittlerweile nach Deutschland herübergeschwappt ist. In der Bundesrepublik gibt es mittlerweile zahlreiche Ableger, seit Ende Januar auch eine in Lüneburg. „Das hängt mit dem Erstarken der rechten Kräfte zusammen“, erklärt Kitchenham ihr Engagement. „Das macht mir große Sorgen.“ Sie selbst, Jahrgang 1944, erinnert sich gut daran, worin das enden kann: Ihre Tante sei in Hadamar von den Nazis ermordet worden im Rahmen der „Euthanasie“. Und sie kenne den Anblick einer zerstörten Stadt, weiß noch, wie sie als junges Mädchen an der Hamburger U-Bahn-Station „Dehnhaide“ in ein Trümmermeer schaute. „Ich empfinde es daher als Pflicht für meine Kinder und Enkelkinder, für eine lebenswerte Zukunft zu demonstrieren.“ Dabei geht die fünffache Großmutter auch Seite an Seite mit ihren eigenen Enkeln auf die Straße.

Einsatz für den Erhalt der sozialen Standards

Ihre Mitstreiterin Petra Andreas-Siller sieht das ähnlich. Ein gesellschaftlicher Rückschritt drohe, zum Beispiel durch das ex­trem konservative Frauenbild, das die AfD vertrete. „Wir müssen doch die sozialen Standards erhalten, für die wir und unsere Eltern gekämpft haben!“ Dabei geht es den beiden Bienenbüttlerinnen um viele Themen: Kampf gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, für Frauenrechte und die Forderung nach einem Umdenken in der Klimapolitik.

Den Slogan „Omas gegen Rechts“ finden die beiden praktisch, um ein modernes Bild einer Großmutter in die Gesellschaft zu tragen. „Omas wurden früher manchmal nicht für voll genommen“, sagt Susanne Kitchenham. Doch Omas heute sind anders, ergänzt Petra Andreas-Siller. Viele seien hochgebildet, arbeiten noch und können zudem noch aus ihrer Lebenserfahrung schöpfen. „Man ist mit 67 eben nicht mehr uralt“, sagt die 67-jährige Petra Andreas-Siller, die gerade erst Großmutter geworden ist. Und doch machen die Schilder mit „Omas gegen Rechts“ sehr deutlich den Unterschied der Generationen sichtbar. Das hat auch Vorteile: „Die meisten verbinden mit Großeltern etwas Positives und sind sehr aufgeschlossen.“

Die Lüneburger Gruppe ist noch jung, gründete sich erst am 23. Januar. „Doch mittlerweile sind wir schon 15“, sagt Petra Andreas-Siller nicht ohne Stolz. Auf drei Demonstrationen waren sie bereits vertreten, weitere sollen folgen – zum Beispiel am 8. März zum Weltfrauentag oder am 15. März bei „Fridays for Future“. An jedem dritten Mittwoch im Monat treffen sich die „Omas“ im Mosaique-Haus der Kulturen an der Katzenstraße um 19 Uhr, das nächste Mal am 20. März.

Von Robin Williamson