Dienstag , 17. September 2019
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Schäfer Clemens Lippschus mit einem einen Tag alten Lämmchen. Foto: t&w

Akkordarbeit im Schafstall

Schneverdingen. Zarte „Mäh“-Rufe ertönen aus allen Ecken des Stalls, kleine schwarz gelockte Lämmchen staksen unbeholfen durch das Stroh: In der Lüneburger Heide hat die Lammzeit begonnen.

Für den Schäfer Clemens Lippschus vom Verein Naturschutzpark (VNP) die sowohl schönste als auch anstrengendste Zeit des Jahres. „Momentan sind wir quasi rund um die Uhr im Stall und leisten, wenn es nötig ist, Geburtshilfe“, sagt der 28-Jährige. 20-Stunden-Tage seien die Regel. „Und wenn man denkt, dass man ins Bett gehen kann, geht es meistens gerade wieder los“, erzählt er. Allein in dieser Woche kamen bereits 120 Lämmer zur Welt. Dieser Tage wissen es die Schäfer beim VNP besonders zu schätzen, dass jeder von ihnen ein eigenes kleines Häuschen in Stallnähe bewohnen kann. In der Regel haben die Schäfer vier freie Tage im Monat, in der etwa zwei Monate andauernden Lammzeit gar keinen. Stress hin oder her, für Lippschus ist sein Beruf Berufung, er wollte nie etwas anderes machen: „Ich habe eher für meine Eltern erstmal Heizungsbauer gelernt, aber als es dann mit der Lehre hier klappte, ging für mich ein Traum in Erfüllung.“ Auch seine Freundin ist Schäferin beim VNP. „Gerade in so einer stressigen Phase wie jetzt ist das hilfreich, für jemand anderen wäre die enge Bindung zu meiner Herde sicher schwer nachzuvollziehen“.

Am Anfang sind sie sehr verspielt

Nach der Geburt kommen die Lämmer in eine Einzelbox, ein bis zwei Tage erfolgt dann eine Mutter-Kind-Überwachung, die Tiere werden mit Vitaminen aufgepäppelt, gegebenenfalls kastriert. Etwa sechs bis acht Wochen nach ihrer Geburt laufen die Tiere das erste Mal für ein paar Stunden mit der Herde mit, um sie langsam in die Heidepflege „einzuarbeiten“. „Am Anfang sind sie sehr verspielt, werden schnell müde, schlafen mal in der Sonne ein oder laufen weg“, berichtet Lippschus. „Das ist auch nochmal eine stressige Zeit, in der man sehr aufmerksam sein muss.“ Der Einsatz der Schafe in der Heide ist unverzichtbar, nur durch ihren ständigen Verbiss von aufkommenden Gehölzen, Gräsern und Kraut kann sie als Kulturlandschaft erhalten bleiben. In jeder der sechs Schafherden des VNP liegt der Ziegenanteil bei mindestens fünf Prozent, weil diese das Gehölz besser zerbeißen als Schafe.

Vier bis sieben Monate bleiben die Jungtiere bei ihren Müttern, dann werden sie verkauft oder geschlachtet. Geschlachtet wird in der Region, die Produkte vermarktet der VNP dann selbst in den eigenen Gaststätten. Zur Stammbesetzung der sechs Schafherden des Vereins zählen etwa 2500 bis 2700 Köpfe, jährlich kommen hier rund 2500 Lämmer zur Welt. Dieses Jahr werden es voraussichtlich weniger sein als sonst. Grund dafür ist die schlechte Futtersituation zur Deckzeit. Dr. Barbara Guckes, Koordinatorin für Schafhaltung: „Wir hatten einen sehr schlechten Sommer, mussten für 170.000 Euro Futter zukaufen. Deshalb haben wir auch viele Lämmer vor der Zeit schlachten lassen, dadurch sind die Herden sehr verjüngt worden.“ Etwa 20 bis 25 Prozent der weiblichen Lämmer behält der VNP regelmäßig für die Nachzucht.

Von Lea Schulze