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Jungaale
Marcus Liebe (l.) und Sascha Kößler (r.) von den Angelfreunden Elbe setzen mit Fischer Eckhard Panz an der Buhne in Hohnstorf Jungaale in die Elbe. (Foto: stb)

Mehr als eine halbe Million Jungaale für die Elbe

Hohnstorf/Elbe. Nach dreitägiger Gefangenschaft und einer rund 1500 Kilometer langen Reise in Bottichen im Laderaum eines Transporters erhielten mehr als eine halbe Million Jungfische gestern ihre Freiheit zurück. Vor zwei Tagen wurden sie an der französischen Atlantikküste bei Nantes aus dem Meer gefischt und dann an die Elbe im Landkreis Lüneburg verfrachtet.

Mitglieder des Anglerverbandes Niedersachsen, des Landessportfischerverbandes Schleswig-Holstein und Elbfischer Eckhard Panz aus Hohns­torf übergaben der Elbe insgesamt 532 000 kleine, etwa zehn Zentimeter lange Aale bei einer Besatzaktion zwischen dem alten Hafen in Wendewisch und den neuen Buhnen in Avendorf. Weitere dieser im Schnitt jeweils nur 0,3 Gramm schweren Glasaale kamen oberhalb des Schiffshebewerkes Scharnebeck ins Wasser des Elbe-Seitenkanals. Das sind zusammen fast 200 Kilogramm Glasaale.

Gut angelegtes Geld

Der Anglerverband Niedersachsen lässt sich den Aalbesatz 38 000 Euro kosten. Die EU fördert das Vorhaben mit 60 Prozent. „Außerdem haben wir für das Projekt eine Spende von 15 000 Euro von Aalhändlern und Züchtern erhalten“, sagt Ralf Gerken, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Anglerverband in Hannover. Gut angelegtes Geld finden er und die anderen Teilnehmer der Aktion in Hohnstorf.

Denn noch bis weit ins 20. Jahrhundert war der Europäische Aal eine der häufigsten und wirtschaftlich bedeutendsten Fischarten. Doch seit 1980 sind die Bestände drastisch eingebrochen, bei Jungaalen um mehr als 90 Prozent. Diesen Verlust haben an der Elbe nicht nur die Hobby-Angler zu spüren bekommen, sondern auch Berufsfischer wie Eckhard Panz. Für sie ist der Aal, weil als Speisefisch begehrt, immer noch Brotfisch, beschert zudem die höchsten Einnahmen.

„Im vergangenen Jahr habe ich nur noch 800 Kilogramm Aal in der Elbe gefangen. Vor zehn Jahren war es noch das Zehnfache. Inzwischen hole ich mit meinen Aalreusen fast nur noch Wollhandkrabben aus dem Fluss“, sagt der Hohnstorfer.

Überfischung ist nicht das Problem

Er glaubt nicht, dass dieser heftige Aderlass in der Elbe auf die Überfischung beim Aal zurückzuführen ist. „Wir sind hier auf unserem 200 Kilometer langen Flussabschnitt nur noch fünf Berufsfischer. Im 19. Jahrhundert gab es 1300 und alle haben Aal gefangen“, erzählt er. Panz macht für den drastischen Einbruch andere Faktoren verantwortlich, wie Parasitenbefall, Salzeinleitungen in die Flüsse, Querbauten, die den Fischzug behindern, und Kühlanlagen von Kraftwerken, die neben viel Wasser auch Abertausende Fische aus den Flüssen saugen und töten. Panz: „Der Klimawandel spielt auch eine Rolle. Der Golfstrom hat sich so verändert, dass die Aale nicht mehr an den europäischen Buchten ankommen, sondern in Richtung England abdriften.“

Milliarden Glasaale wurden darüber hinaus Jahr für Jahr als Delikatesse nach Asien exportiert, bis zum Ausfuhrverbot der EU im Jahr 2011. „Doch dieses wird durch Schmuggler unterwandert“, weiß Gerken. „Das Geschäftsmodell der Schmuggler ist lukrativer als das für Elfenbein und Kokain“, sagt er. Glasaale würden nach Asien geschmuggelt, weil etwa in China die Bestände durch Überfischung so gut wie ausgerottet seien. „Der Gesamtwert der geschmuggelten Aale beläuft sich auf 2,3 Milliarden Euro.“

Hintergrund

Fisch lässt sich nicht züchten

Das Problem beim Aal ist, dass er sich in Gefangenschaft nicht vermehrt. Die europäischen Aale laichen in mehr als 200 Metern Tiefe in der Sargassosee im Atlantik vor der amerikanischen Ostküste. Sind sie geschlüpft, driften die Larven im Golfstrom bis an die Küsten Europas. Als ein- bis dreijährige Glasaale steigen sie in großen Schwärmen in Flüsse und Bäche auf. Fünf bis 20 Jahre führen sie dort ein Leben im Verborgenen. Mit Eintreten der Geschlechtsreife wandern die Tiere zurück an ihren Geburtsort und sterben nach der Eiablage.

Trotz intensiver Forschung ist es bis heute nicht gelungen, Aale in Gefangenschaft zu vermehren. „Also muss der Besatz weitergehen, damit es in der Elbe weiterhin Aale gibt“, sagt Fischer Panz. Und so ist die nächste Aktion bereits für Dienstag, 12. März, in Bleckede geplant. Sie wird von der Gemeinschaftsinitiative Elbfischerei durchgeführt und von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen koordiniert.

Von Stefan Bohlmann