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Auch die rotbunten Husumer Schweine haben auf dem Hof Handorf ein neues Zuhause gefunden. Foto: t&w

Glücksschweine

Handorf. Das Schwein an sich ist auch im fortgeschrittenen Alter ein Spielkalb. Wenn man ihm den Raum dazu lässt. Auf dem Handorfer Hof haben die derzeit 37 Bewohner viel Fläche und Zeit – um zu fressen, zu wühlen und zu baden, zu schlafen, zu spielen und dabei zu wachsen. Am Ende nutzt es ihnen aber auch nichts: Sie werden geschlachtet.

Seit 2016 besteht die Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit ihren Geschäftsführern Malte und Tim Luhmann sowie Marco Albers und sie verfolgt ein ganz spezielles Ziel: „Wir wollen Produkte aus der Region für die Region erzeugen, dabei nachhaltig wirtschaften und einen Beitrag zum Artenschutz leisten“, erklärt Malte Luhmann. Das, was am Schmiedekoppelweg im Ortskern sowie auf einer Weide am Dorfrand quiekt und spielt, sind keine gewöhnlichen Hausschweine: Es sind alles Exemplare alter, heute seltener Rassen.

„Sie wachsen sehr langsam“

Die dunklen amerikanischen Durocs haben hier ebenso ein Domizil gefunden wie das schwarz-weiße Angler Sattel- und das Rotbunte Husumer Schwein, auch Dänisches Protestschwein genannt, denn sie haben viel gemeinsam: „Sie sind sehr robust, eignen sich besonders gut für die Freilandhaltung und geben bestes Fleisch“, sagt der Marketing- und Vertriebsleiter zufrieden, „sie wachsen eben sehr langsam.“

Was für die moderne Schweinemast von Nachteil ist, bietet den drei Freunden eine Marktlücke: „Die Hybriden werden in der Regel nach vier bis fünf Monaten geschlachtet“, weiß Malte Luhmann, „haben dann relativ fettarmes Fleisch mit langweiligem Geschmack. Das ist bei uns anders.“ Durch viel Bewegung, verbunden mit mindestens der doppelten Lebenszeit, bilde sich Fett im Muskelgewebe, „das dient als Geschmacksträger und macht das Produkt unvergleichbar gut“.

Der kulinarische Genuss war es, der aus einer Schnapsidee ein Wirtschaftsunternehmen machte: „Mein Bruder hatte sich den Hof 2015 gekauft und ein Nutzungskonzept gesucht“, erklärt der Handorfer Malte Luhmann, der als einziger der drei Jungunternehmer in Vollzeit im Betrieb tätig ist, „in den Nachwehen der Einzugsparty haben wir mit unseren Freunden beschlossen, vier Ferkel zu kaufen und dann Monate später einen gemeinsamen Schweine-Festschmaus zu veranstalten. Der Geschmack hat uns derart überzeugt, dass wir ihn auch mit anderen teilen wollten.“

„Wir wollen uns mit der Region vernetzen“

Das ist gelungen: In einem provisorischen Verkaufsraum bieten sie sonnabends von 10 bis 12 Uhr ihre Produkte an. „Wir lassen die Tiere in Bad Bevensen schlachten und in Kirchgellersen weiterverarbeiten.“ So gibt es neben Schnitzel und Kotelett auch Mettwurst, Grützwurst oder Leberwurst im Glas. „Oink“ heißt die Eigenmarke treffend – und ist auch an anderer Stelle erhältlich: „Wir wollen uns mit der Region vernetzen“, erklärt Luhmann, „so beziehen wir Kraftfutter für die Tiere in der Bardowicker Mühle, und die bietet unsere Erzeugnisse an.“

Vernetzen ist auch das Schlagwort für die Zukunft: So will das Trio nicht nur einen modernen Hofladen errichten, sondern zugleich zu einem Treffpunkt für die Menschen werden. „Hier sollen sich Jung und Alt treffen, um sich über Gutes auszutauschen und es mit anderen zu teilen.“ Zudem sollen Kinder weiteren bedrohten Rassen begegnen können und Touristen einen Ort zum Verweilen erhalten. Rund 220.000 Euro sind dafür veranschlagt, eine Förderung bereits bewilligt. Wann die Umsetzung erfolgt, ist aber offen: „Wir warten auf die Baugenehmigung“, so Luhmann.

Von Ute Lühr

Hintergrund

Protestschwein

Kennzeichen des Rotbunten Husumer Schweins sind die rötliche Grundfarbe und die breiten weißen Querstreifen sowie der Ansatz eines weißen Längsstreifens. Gezüchtet wurde die heute bedrohte Haustierrasse Ende des 19. Jahrhunderts, als es den in Nordfriesland lebenden Dänen verboten war, die dänische Flagge zu hissen. Aus Protest gegen dieses Verbots züchteten sie die Schweinerasse mit der markanten Farbgebung, damit sie dennoch Flagge zeigen konnten. Deshalb heißt die Rasse auch Dänisches Protestschwein.