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Neonazi-Aussteiger
Manuel Bauer berichtete von seinem Werdegang als Neonazi – und wie er es geschafft hat, der Szene den Rücken zu kehren. Heute hilft er anderen, die auch aussteigen wollen. (Foto: t&w)

Das Denken der Neonazis

Dahlenburg. Blauer Pullunder, kariertes Hemd, die Ärmel aufgekrempelt – Typ „netter Nachbar“: Manuel Bauer begrüßt freundlich lächelnd die Zuhörer im Festsaal der Schule Marienau – mehr als 100 Schülerinnen und Schüler sowie Lehrer. Auch einige Eltern sind gekommen. Doch der Mann, der da vorne am Rednerpult spricht, war in seinem früheren Leben alles andere als ein „netter Nachbar“. Der heute 40-Jährige war ein Neonazi, hat Ausländer zusammengeschlagen sowie die Wehrsportgruppe „Racheakt“ und den „Bund Arischer Kämpfer“ gegründet. „Pistole“ wurde er damals genannt.

Heute hat Bauer mit rechtem Gedankengut nichts mehr im Sinn. Der alleinerziehende Vater einer kleinen Tochter hat der rechten Szene vor vier Jahren den Rücken gekehrt. Statt rechte Parolen zu brüllen, ist der Aussteiger jetzt als Aufklärer unterwegs. Wenn einer berichten kann, wie rechte Ideologie verfängt und sich in den Köpfen der Menschen festsetzt, dann der gebürtige Sachse.

Heikle Mission

Nicht nur für Bauer ist das eine heikle Mission, sondern auch für Schulleiterin Heike Elz. In ihrer Begrüßung ruft die Pä­dagogin die Geschichte der Schule Marienau in Erinnerung. Einer Schule, die von dem jüdischen Reformpädagogen Max Bondy und seiner Frau Gertrud gegründet worden war. „Das Bewusstsein des Gründer-Ehepaares tragen wir in uns“, sagt Elz, „wir stehen für Toleranz, für Vielfältigkeit, für Weltoffenheit.“ Werte also, die Bauer früher beiseite gewischt hätte. Es brauchte seine Zeit – und den Aufenthalt im Gefängnis – bis der Ex-Neonazi erkannte, dass er einer zerstörerischen Ideologie folgte. Umso mehr erkennt die Schulleiterin Bauers heutiges Engagement an: „Ich habe unglaubliche Hochachtung vor Ihrem Lebenslauf!“

15 Jahre war Bauer nach eigenem Bekunden in der rechten Szene aktiv. Erst vor wenigen Jahren habe er den Ausstieg geschafft. Mithilfe der Organisation „Exit“. Heute hilft Bauer anderen Aussteigewilligen, den Absprung zu schaffen.

Überfall auf türkische Hochzeit

Der 40-Jährige schont sich nicht, als er über sein früheres Leben berichtet, schildert brutal ehrlich seine Taten: Er habe zwar im Knast dafür gebüßt, aber das mache ihn nicht frei von Schuld: „Es plagen mich noch heute viele Schuldgefühle“, sagt Manuel Bauer – „es gibt Dinge, die ich mir selbst niemals verzeihen kann und werde“.

So wie den Überfall auf die türkische Hochzeit in Sachsen-Anhalt: Mit Fäusten und Knüppeln hätten er und seine damaligen „Kameraden“ darauflos geprügelt, Mobiliar, Knochen und Kiefer zertrümmert.

Dass Neonazi Bauer auch ausländische Frauen zusammenschlug, selbst Schwangeren in den Bauch sprang, „bis das Blut bei der Frau aus der Nase kam“, für den 40-Jährigen war das damals nichts, worüber man sich Gedanken machte: „Für Neonazis sind Ausländer, also auch ausländische Frauen, nichts anderes als ‚Vieh‘. Also behandelt man sie auch als solches“, sagt Bauer.

Sogar die eigenen Eltern geschlagen

Selbst seine Eltern habe er zusammengeschlagen – „weil ich sie als ‚Zivilversager‘ gesehen habe, die mir den Umgang mit Freunden aus der Szene verbieten, meine Waffen wegnehmen und meine Fahne einziehen wollten“.

Bauer bildete in seiner Neonazi-Zeit militante Rechtsextreme aus, brachte ihnen das Schießen bei, „ wir drillten uns gegenseitig im Kampfsport“, sagt er weiter. Warum? „Weil wir glaubten, mit Beginn der Flüchtlingskrise uns vor den ‚Kanaken‘ und ‚Kameltreibern‘ schützen zu müssen.“ Ob Schwarze, Asiaten, oder Menschen aus dem arabischen Raum – für Bauer waren das damals alles Menschen zweiter Klasse. „Vieh“ eben!“

„Ich will nicht niedlich und harmlos über die Szene reden. Weil die Szene nicht niedlich und harmlos ist. “ – Manuel Bauer , Ex-Neonazi

In den Reihen der Schüler sitzen auch Jugendliche aus China, Südkorea, Mexiko oder der Türkei, die in Marienau die Schule besuchen. Es sind Worte, die ihnen besonders weh tun müssen.

„Ich rede jetzt im Jargon der Nazis“, erklärt Bauer: „Ich will nicht niedlich und harmlos über die Szene reden. Weil die Szene nicht niedlich und harmlos ist.“

Sogenannte Nipster

Und dann zeigt er auf, wie sich die rechte Szene dem Gesellschaftswandel anpasst: „Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel… das war einmal“, sagt Bauer. Er kenne Neonazis, die gegen Massentierhaltung seien, sich vegetarisch, ja sogar vegan ernähren würden. So genannte Nipster.

Neonazis würden sich heute bestens in den sozialen Netzwerken auskennen, dort versuchen, Leute auszuspähen und zu re­krutieren. Ihnen würden Identifikationsangebote gemacht, soziale Zugehörigkeit vermittelt und Antworten auf drängende Fragen suggeriert.

Und wie begegnet er seinen ehemaligen Gefährten heute? „Auch Nazis sind Menschen“, sagt Bauer – „nur eben dumme Menschen!“ Er scheue das Gespräch mit ihnen nicht. „Das ist Demokratie,“ sagt er – „für die lohnt es sich zu kämpfen!“

Von Klaus Reschke