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Senkungen Lüneburg
Das Haus von Angelika Frank in der Altstadt ist unterspült, sie vermutet einen Zusammenhang mit Senkungen und Bauvorhaben in der Nachbarschaft. Handwerker haben den Erker mit Beton unterfüttert und das Mauerwerk mit Bolzen und Harz gefestigt. (Foto: ca)

Der Absacker

Lüneburg. Alles fing mit einem Rauschen an. Angelika Frank sagt: „Ich wusste nicht, wo es herkam. Ich habe alles durchgeguckt, auch bei den Nachbarn haben wir geschaut.“ Nichts. Als sie bei der Avacon anrief, habe man ihr gesagt, sie möge doch nach ihrer Abzugshaube schauen: „Ich habe keine.“ Der Grund liegt im Untergrund: Wasser hat ihr Haus Auf dem Meere unterspült, tagelang. Sie hatte Glück, dass Mauerwerk und Boden nicht nachgaben.

Das unheimliche Rauschen im Boden

Die eigentliche Ursache des Schadens dürfte etwas mit den Senkungen in der Altstadt zu tun haben. Dort gibt der Boden auch nach Jahrhunderten trotz des 1980 eingestellten Salzabbaus der Saline jedes Jahr ein wenig nach. Das weiß jeder im Viertel, auch Angelika Frank, die hier seit 35 Jahren zu Hause ist.

Haus stammt aus dem 15. Jahrhundert

Die 64-Jährige erzählt die Geschichte so. Nachdem sie sich an die Stadt und den Wasserversorger gewandt hatte, „standen plötzlich zehn Leute vorm Haus“: Man habe ihr gesagt, dass der Kanal sich abgesenkt und dabei das Trinkwasserrohr ihres Gebäudes beschädigt habe. Das Rauschen war das Geräusch eines stetigen Flusses unter ihrer Diele, mutmaßlich rund zwei Meter weit.

Es geht um eine Haltungsfrage: Die Bleibe von Angelika Frank, deren Geschichte laut Denkmaltopographie bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, besitzt kein Fundament und an dieser Stelle keinen Keller. „Mein Glück ist, dass es ein Fachwerkhaus ist.“ Die Konstruktion habe gehalten. Allerdings ist das Haus in Bewegung: „Die Fenster habe ich nur mit einem Kuhfuß aufbekommen, sie sind verzogen.“ Auch an Nachbarhäusern sei es zu Schäden gekommen.

Erschütterungen als Ursache?

Wie tückisch sich die Erde in diesem Gebiet rund um den Salzstock verhält, zeigte sich an der Egersdorffstraße. Dort rissen Handwerker vor drei Jahren ein schiefstehendes Haus ab, Einsturzgefahr. Als man dem Gebäude ein neues Fundament schaffen wollte und einen zugeschütteten Keller ausgrub, entdeckten Arbeiter einen kleinen Fluss im Erdreich.

Angelika Frank vermutet einen Zusammenhang mit diesen Arbeiten und der Sanierung des gegenüber gelegenen ehemaligen Schulamtes, aus dem nun ein Hotel und eine Destille wird. Auch dort habe es eine Neugründung und möglicherweise Erschütterungen gegeben. Schließlich liege der Bereich an der sensiblen sogenannten Abbruchkante. In den 50er- und 60er-Jahren fielen reihenweise senkungssgeschädigte Häuser.

Bauamt sieht keinen Zusammenhang

Aus dem Bauamt heißt es über die Pressestelle der Stadt dazu: „Eine Kausalität zwischen den Bauarbeiten bei dem Gebäude Egersdorffstraße 1 a und den Schäden Auf dem Meere ist eher unwahrscheinlich. Das ehemalige Schulamt liegt nach Erkenntnissen des Landesbergbauamtes außerhalb der vermutlichen Salzstockhochlage. Zwar ist die genaue Abgrenzung des Salzstockes nicht abschließend, aufgrund des Höhenversprungs auf diesem Gelände ist diese Annahme jedoch wahrscheinlich zutreffend. Die bisher durchgeführten Arbeiten haben sich hauptsächlich im Bestand bewegt, und es sind bei der Bauaufsicht gegenwärtig keine durchgeführten Maßnahmen bekannt, die sich auf die Grundwasserneubildung durch einen Zufluss aus der vorgenannten Baustelle auswirken könnten.“

Mit Erdfällen bleibt zu rechnen

Angelika Frank, die seit gut drei Wochen kein Wasser hat, bei der Arbeit duscht und Wasserkanister für den Kaffee in ihr Haus schleppt, hofft, dass bald alles wieder in Ordnung ist. Fachleute haben Leitungen geflickt und unterfüttern ihr Haus.

Ob sie und ihre Nachbarn Ruhe haben, bleibt offen. Von der Stadt heißt es: „Leider ist es so, dass Gebäudeeigentümer im Erdfall- und Senkungsgebiet jederzeit mit dem Eintreten von Erdfällen und einer Zunahme von Senkungen und somit auch Eintreten von Schäden rechnen müssen.“

Senkungen plagen Lüneburg seit Jahrhunderten

Der unheimliche Untergrund

Rund 300 Messpunkte zeigen, wo und in welchem Umfang der Boden nachgibt. Der Straßenname Auf dem Meere geht auf einen Erdfall um 1013 zurück: Die Erde tat sich auf und es schäumte wie im Meer, heißt es in alten Annalen. Der Untergrund bewegt sich; nach oben, weil Salz und das damit verbundene Gipsgestein weiter nach oben wandern. Nach unten geht es durch Ausspülungen und eben den nach 1000 Jahren 1980 eingestellten Salzabbau der Saline. An der Frommestraße mussten noch vor wenigen Jahren Häuser abgerissen werden, nach 1945 waren es weit über 100 Gebäude, die dem „Senkungsteufel“ zum Opfer fielen. Gebeutelt sind Anwohner des Ochtmisser Kirchsteigs, dort verschärft sich der Abwärtstrend – Häuser stehen immer schiefer.

Von Carlo Eggeling