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Um bei den Leistungskursen auch in Zukunft noch ein breites Angebot gewährleisten zu können, möchte das Gymnasium Oedeme das Modell der „Stadtleiste“ nach Lüneburg holen. Es sieht vor, dass die Jugendlichen beispielsweise für den Lateinunterricht eine andere Schule ansteuern. Foto: t&w

Motiviert zum Abitur

Lüneburg. Französisch, Spanisch, Latein, Chemie, Physik, Musik, Werte und Normen, Religion, Philosophie, Sport und seit neuestem auch Erdkunde: Die Liste mit Fächern, die in der Oberstufe Gefahr laufen, nicht mehr angeboten werden zu können, ist lang. Der Grund: Weil mittlerweile auch in Sport, Informatik und einer dritten Fremdsprache Abiturprüfungen abgelegt werden können, die Schülerzahlen aber weitestgehend unverändert bleiben, kommen manche Kurse nicht zustande. Das hat zur Folge, dass sich die Jugendlichen entweder umorientieren oder gar die Schule wechseln müssen.

Das möchte das Gymnasium Oedeme verhindern: Eltern, Lehrer und Schulleiter haben sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Problematik auseinandergesetzt und an einer Lösung gefeilt. Sie heißt „Lüneburger Stadtleiste“.

Das Modell als solches, das bereits in Uelzen, Unna, Offenbach, Ahrensburg, Göttingen, vor allem aber in Oldenburg seit über 40 Jahren erfolgreich praktiziert wird und eine Kooperation von zehn Schulen in der Oberstufe beinhaltet, haben zwei Vertreterinnen des Schulelternrats am Montagabend im Forum vorgestellt.

Zuspruch von Schülern und Eltern

Eltern wie auch Schüler von anderen Lüneburger Gymnasien und Gesamtschulen waren der Einladung gefolgt, um sich zu informieren. Am Ende rührten nicht nur die Jugendlichen die Werbetrommel für eine Stadtleiste.

Es gibt auch viele Mütter und Väter, die die Initiative des Oedemer Gymnasiums begrüßen, weil sie sich für ihre Kinder eine größtmögliche Vielfalt in der Oberstufe wünschen.

„Ich habe drei Kinder, zwei von ihnen haben bereits ihr Abi-tur gemacht. Sie beide würden ihre Leistungskurse heute nicht mehr bekommen“, nennt Isabel Zinecker ihre persönliche Motivation, in Lüneburg für eine Stadtleiste zu kämpfen. Sie hat die Veranstaltung gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Sabine Richter geplant, die Mütter gehören dem Elternrat der Schule am Oedemer Weg an. Beide sind sich sicher: Jugendliche, die ihre Kurse nicht nach Interesse wählen können, gehen weniger motiviert durch die Oberstufe und schneiden am Ende vermutlich auch schlechter ab.

Doch was hat es mit der Stadtleiste überhaupt auf sich? „Es bedeutet, dass alle Gymnasien und Integrierten Gesamtschulen miteinander die Oberstufe gestalten, damit die Schüler das wählen können, was sie möchten“, sagt Zinecker, die auf einer Karte das Johanneum, die Wilhelm-Raabe-Schule, Herderschule und die Gesamtschulen in Kaltenmoor und Embsen als potenzielle Kooperationspartner markiert hatte. „Ziel ist es, dass alle Fächer in jedem Jahrgang zustande kommen und Schüler kein ungeliebtes Ersatzfach belegen müssen.“

Schulgesetz erlaubt Kooperation

Eine rechtliche Grundlage dafür bietet nicht nur die Oberstufenverordnung, sondern auch das Niedersächsische Schulgesetz: „Schulen können eine ständige pädagogische und organisatorische Zusammenarbeit vereinbaren, um Planung und Durchführung des Unterrichts (…) aufeinander abzustimmen, auf andere Weise die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen zu fördern oder ein differenziertes Unterrichtsangebot zu ermöglichen.“

Mit einem Fingerschnips ist die Stadtleiste aber keinesfalls umzusetzen, das wurde bei dem Infoabend auch deutlich. Sollte das favorisierte Oldenburger Modell hier eines Tages mit verschiedenen Kooperationspartnern realisiert werden, bräuchte es einheitliche Leistenpläne mit Doppelstundensystem, dementsprechend abgestimmte Unterrichts- und Pausenzeiten, ein gemeinsames Transportsystem, regelmäßige Treffen der Oberstufenkoordinatoren, einen abgestimmten Klausurplan, eine Einigung bei Terminen für Studienfahrten, Wahlen und Abiturprüfungen und vieles mehr.

Für niemanden verpflichtend

Auch führt kein Weg daran vorbei, dass die Jugendlichen ihre Pausen opfern müssen, um beispielsweise den Spanischkurs an einer Schule am anderen Ende der Stadt wahrnehmen zu können. Isabel Zinecker ist überzeugt: „Motivierte Schüler nehmen das in Kauf, weil sie es wollen.“ Die Stadtleiste sei ein zusätzliches Angebot und für niemanden verpflichtend. Ebenso könnten die anderen Schulen selbst entscheiden, wie viele Kurse sie innerhalb der Leiste anbieten möchten.

Sicher ist zum jetzigen Zeitpunkt nur: Das Gymnasium Oedeme wird bereits im kommenden Schuljahr mit dem Modell starten. Direktor Stefan Schulz appelliert an seine Kollegen: „Wir sollten das Kirchturmdenken in Lüneburg beenden und hier kooperieren. Wir sind offen für Anregungen, damit wir uns gemeinsam auf den Weg machen können.“

Von Anna Paarmann

Nachgefragt

So stehen die Schulen zum Modell

▶ IGS Lüneburg : Martin Meyer-Schütze, stellvertretender Schulleiter, stuft die Infoveranstaltung im Kreise der Elternschaft als ersten Gedankenaustausch ein. „Auf der Ebene der Schulleitungen wird es einen Austausch über Kooperationsmöglichkeiten geben. Ich sehe schon die Möglichkeit, im Bereich der Oberstufe zusammenzuarbeiten.“

▶ Johanneum : „Zu einem so komplexen Thema wie der Stadtleiste kann ich leider nicht in angemessener Weise ein kurzes Statement abgeben“, sagt Schulleiterin Ulrike Lindemann. Dabei seien „viel zu viele Faktoren“ zu berücksichtigen und zu bedenken.

▶ Wilhelm-Raabe-Schule : Schulleiter Thomas Wetzel ließ über Bianca Schöneich, Pressesprecherin der Landesschulbehörde, ausrichten, dass es bereits seit vielen Jahren eine Kooperation mit der Herderschule in einigen Fächern gäbe, er aber Möglichkeiten weiterer Kooperationen prüfen werde.

▶ Herderschule : Auf die Kooperation mit dem Gymnasium an der Feldstraße weist auch Direktor Thorsten Schnell hin. „Dadurch können wir auch Kurse in weniger stark angewählten Fächern anbieten, zurzeit in Französisch, Latein, Musik und Kunst. Das funktioniert gut, weil unsere Unterrichtszeiten zueinander passen und die Entfernung überschaubar ist.“ Diese Kooperation sei der Herderschule sehr wichtig, im Sinne der Schülerinnen und Schüler soll diese auch fortgesetzt werden. Unter geeigneten Bedingungen und in Abstimmung mit den Kollegen und Eltern seien aber weitere Kooperationen grundsätzlich möglich.

▶ IGS Embsen : „Das ist grundsätzlich eine tolle Idee“, sagt Andrea Langlet, Leiterin der Sekundarstufe II. Sie sieht in der Stadtleiste mehr Wahlmöglichkeiten für die Schüler und die Ausbildung individueller Stärken. „Es hilft dabei, Kurse vor dem Aussterben zu schützen.“ Gleichzeitig sieht sie aber in der dafür erforderlichen „Gleichschaltung“ der Schulen ein immenses Problem. „Selbst zwei Leisten abzustimmen, ist ein riesiger Aufwand. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Schulorganisation.“ ap