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Am Donnerstagabend wurden im Café Finke in der Finkstraße hinter Karstadt noch eifrig Plakate gemalt. (Foto: t&w)

Morgen, Schüler, wird’s was geben

Lüneburg. Diesmal soll es richtig groß werden: Am morgigen Freitag gehen auf der ganzen Welt Schüler, Studenten und Aktivisten auf die Straße und bestreiken die Schule, so, wie es Greta Thunberg in Schweden vorgemacht hat. Kundgebungen soll es in weit mehr als 1000 Städten geben, allein 180 davon in Deutschland, schreiben die Aktivisten der Bewegung „Fridays for Future“. In Lüneburg haben die Veranstalter 500 Teilnehmer für den kommenden Freitag angemeldet, Start ist um 11 Uhr auf dem Marktplatz. Von da aus geht es durch die Innenstadt, am Lambertiplatz und Clamartpark vorbei mit einer Zwischenkundgebung Am Sande und wieder zurück zum Markt.

Zwar gehen in Deutschland schon seit Monaten viele Schüler für ein Umdenken in der Klima-Politik regelmäßig auf die Straße – mal in Form einer kleineren Mahnwache, mal in Form eines großes Demonstrationszuges. „Aber die Ortsgruppen hatten in ihren Aktionen unterschiedliche Rhythmen“, sagt Moritz Meister aus dem Organisations-Team der Lüneburger „Fridays-For-Future“-Gruppe. Daher habe man sich entschlossen, an einem Datum weltweit dem Ärger Ausdruck zu verleihen, sagt Meister.

Studenten als Mitorganisatoren

Mit seinen 27 Jahren ist der Student der Leuphana zwar deutlich älter als ein Großteil der Demonstranten, setzt sich aber dennoch für die Schüler-Demos ein. „In Städten mit einer großen Studierendenszene werden die ‚Fridays-for-Future“-Demos häufig von Studenten mitorganisiert“, sagt er. Er und seine Mitstreiter hatten die letzten Tage und Wochen alle Hände voll zu tun, um für die große Demo am Freitag zu mobilisieren. Dafür hängten sie Plakate auf, verteilten Flyer in der Stadt und in den Schulen, malten Transparente und veröffentlichten Ankündigungen auf ihren digitalen Kanälen wie Facebook oder Instagram. „Ein Videoclip von uns wird sogar im Scala-Kino vor den Filmvorstellungen gezeigt“, sagt Meister.

Unterstützung erfahren die jungen Aktivisten mittlerweile reichlich: So haben Stadtjugendring und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) schon angeboten, Auslagen wie den Druck von Plakaten zu erstatten. Die nötige Bühnentechnik am Freitag wird durch Spenden finanziert. Auch solidarisieren sich Lüneburger Kaufleute mit der Bewegung: Der Spieleladen „Fips“ etwa kündigte über Facebook an, am Freitag während der Demo für 45 Minuten den Laden zu schließen, das Licht auszuschalten und am Protestmarsch teilzunehmen.

Was passiert, wenn nichts passiert?

Bei all dem Erfolg, den die Bewegung mittlerweile hat, bleibt die Frage, wie es in Zukunft weiter gehen soll. Die Aufmerksamkeit, die den Jugendlichen aktuell zuteil wird, kann schnell verfliegen – die Ziele vielleicht unerfüllt bleiben. Dessen sind sich die Organisatoren der „Fridays for Future“-Proteste wohl auch bewusst. Unter anderem werde deshalb derzeit bundesweit ein Grundsatzprogramm mit Forderungen erarbeitet, welches demnächst veröffentlicht werden soll, sagt Meister. Ein Hauptpunkt darin: Die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, so, wie es das Pariser Klimaschutzabkommen vorsieht.

Ferner wollen die Aktivisten Lösungen aufzeigen, wie dieses Ziel durch Veränderungen in verschiedenen Sektoren wie Landwirtschaft, Verkehr oder Energiegewinnung umgesetzt werden kann. Und beweisen, dass sie eben mehr können als demonstrierend durch die Stadt zu ziehen, etwa durch Mitmach-Aktionen: „Geplant sind unter anderem Aufräum-Maßnahmen im öffentlichen Raum“, sagt Moritz Meister, deren Ergebnisse in Vorher-Nachher-Bildern festgehalten werden sollen.

Doch die Lüneburger Organisatoren der „Fridays for Future“-Demonstration fiebern jetzt vor allem dem morgigen Tag entgegen. Moritz Meister ist sich sicher: „Demonstrationen bleiben unser Kerngeschäft.“

Unterricht statt Demo

Schulen forcieren das Thema Umweltschutz

Lüneburg. Freitag mittags leeren sich auch in Lüneburg immer häufiger die Klassenzimmer, für den Klimaprotest verpassen die Schüler den Unterricht. Das dürfen sie nicht, stellt die Landesschulbehörde klar. „Grundsätzlich rechtfertigt die Teilnahme an Demonstrationen nicht das Fernbleiben vom Unterricht und somit auch keine Beurlaubung“, heißt es in einer Erklärung dazu. Man müsse immer abwägen zwischen Schulpflicht und Demonstrationsrecht, sagt Sprecherin Bianca Schöneich. Eine Ausnahme gelte, wenn das Anliegen der Demonstration nicht ebensogut außerhalb der Schulzeiten verfolgt werden könne. Allerdings: „Die Entscheidung über die Beurlaubung erfolgt … durch die Schulleitung.“

Und die macht sich Gedanken. Die meisten Schulen sperren sich zwar gegen eine Beteiligung ihrer Schüler an den Demos, dafür sollen aber andere Wege gefunden werden, das Thema „Klimaschutz“ zu behandeln. Die LZ stellt einige Beispiele vor:

Am Gymnasium Oedeme etwa haben die Fridays-for-Future-Streiks gleich mehrere Projekte angestoßen, die jetzt in Planung sind. Schulleiter Stefan Schulz zufolge wurde eine Projektgruppe aus Schülern und Lehrern gegründet, die sich mit der Nachhaltigkeit an der Schule befasst. Mülltrennung, umweltfreundliche Leuchtquellen und wiederverwendbare Becher sind Punkte, an denen die Gruppe mit Verbesserungsvorschlägen ansetzen möchte. In Planung sind in Oedeme außerdem Ausstellungen an beiden Standorten der Schule, ein Spendenlauf in Kooperation mit „Viva con Aqua“ und eine AG, die sich ab nächstem Schuljahr mit dem Thema „Klimaschutz“ beschäftigen soll.

Am Lüneburger Johanneum sind die Lehrer von der Schulleitung angehalten, Schülern, die sich in dieser Form politisch engagieren, vorzuschlagen, die Themen, die ihnen wichtig sind, in Form eines Referats im Geschichts- oder Geographieunterricht ihrer Klasse zu präsentieren. Die Schulleiterin Ulrike Lindemann weiß zumindest von einem Beispiel, in dem es so zu einem aus ihrer Sicht „sehr erfreulichen Vortrag“ kam.

Die Rudolf-Steiner-Schule ermöglicht ihren Schülern die Teilnahme an den Demos. Voraussetzung ist eine schriftliche Entschuldigung und vor allem, dass verpasste Inhalte selbstständig nachgearbeitet werden.

Nur gucken, nicht mitlaufen gilt morgen für eine besondere Delegation der Realschule Bleckede: Einmalig dürfen die Klassensprecher der 13 Klassen die Demonstration beobachten, begleitet von Lehrern, sagt Schulleiter Ulf Gerkensmeyer, aber nicht an ihr teilnehmen. „Sie erkunden die Versammlung für ihre Mitschüler und bekommen einen Beobachtungsbogen, den sie ausfüllen sollen.“ Dabei sollen sie Informationen sammeln, wie sie und ihre Klassenkameraden sich selbst am Umweltschutz beteiligen können. In ihren Klassen werden sie von der Demo berichten. rs/row

Von Robin Williamson

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https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/2438152-wenn-politik-wichtiger-ist-als-schule