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1991 gingen Tausende Schüler auf die Straße, um für das Ende des Golfkriegs zu demonstrieren. Konsequenzen in der Schule mussten die Jugendlichen nicht fürchten. (Foto: A/jj)

Wenn Politik wichtiger ist als Schule

Lüneburg. Große Gruppen an Schülern und Studenten ziehen unter der Woche, mitten am Tag durch die Straßen Lüneburgs. Sie haben Transparente dabei und verschaffen sich in Sprechchören Gehör. Es ist jedoch nicht Freitag und das Anliegen der jungen Menschen ist in diesem Fall auch nicht der Klimaschutz. „Wir wollen Frieden“ lautet vielmehr die Parole.
2000 Jugendliche demonstrierten im Januar 1991 in Lüneburg gegen den Golfkrieg. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der USA mit ihren Verbündeten und dem Irak veranlassten viele junge Menschen in Deutschland zu Protest. Sie sahen in der amerikanischen Invasion in erster Linie eine Sicherung der westlichen Wirtschaftsinteressen.

Mit Schwierigkeiten in der Schule mussten Schüler, denen das Demonstrieren wichtiger war als der Unterricht, nicht rechnen. Der damalige niedersächsische Kultusminister Rolf Wernstedt vertrat die Ansicht, in diesem besonderen Fall müsse nicht mit gewöhnlichem Maßstab geurteilt werden. Die Demos seien „hinnehmbar“. Und auch aus der Schulabteilung der damaligen Bezirksregierung hieß es: „Die Situation ist so außergewöhnlich, dass wir tolerieren, wenn Schüler demonstrieren.“

Golfkrieg war eine „andere Situation“

Darauf angesprochen, wieso die Behörden 1991 im Gegensatz zu den heutigen „Fridays for Future“-Demos Toleranz haben walten lassen, heißt es von der niedersächsischen Landesschulbehörde: „Die damaligen Demonstrationen entstanden spontan und sind daher anders zu bewerten als die Klima­streiks.“ Das Thema Umweltschutz sei ein Thema, „das nicht so adhoc auf die Tagesordnung gekommen ist“ wie die Entwicklungen im Golfkrieg.

Zwölf Jahre später kam es erneut aufgrund eines Kriegs im Nahen Osten zu Schülerdemos. Die Schüler waren eine Generation jünger, der amerikanische Präsident auch, im Zentrum des Kriegs stand wieder der Irak. Angebliche Massenvernichtungswaffen waren der Anlass für die Invasion einer von den USA und Großbritannien geführten Koalition in den Irak. Und wieder trieb der Krieg junge Menschen auf die Straße, die dieser Geschichte widersprachen. Diesmal sahen Land und Schulen die Proteste unter der Woche jedoch weniger entspannt. Während die Wilhelm-Raabe-Schule die Teilnahme an der kurzfristig organisierten Demonstration im März 2003 tolerierte, mussten die Schüler der meisten anderen Schulen unentschuldigte Fehlstunden in Kauf nehmen.

Heute stellt sich erneut die Frage, wie Schulen mit Demonstrationen in der Schulzeit umgehen. Lehrer und Schulleitungen begrüßen vielfach das Engagement ihrer Schüler für „Fridays for Future“. Dass dafür Unterricht ausgelassen wird, trifft dagegen vielerorts auf weniger Begeisterung. rs/row