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Die Plane unter dem Giebel liegt noch frei und ist dem Sturm schutzlos ausgeliefert. Einbauen dürfen die Arbeiter aber noch den Luftwäscher. Das ist der große an einen Container erinnernde Behälter links im Bild. Bleibt er an seinem jetzigen Platz, droht er durch Unterspülung abzustürzen. Foto: t&w

Handwerker sind abgerückt

Ellringen. Dr. Conrad Welp steht am Fenster des Besprechungsraumes und blickt hinüber auf die andere Straßenseite. „Das tut schon in der Seele weh“, sinniert der BHZP-Geschäftsführer. Auf der gegenüberliegenden Großbaustelle sollte eigentlich eifrig an der Zukunft des Unternehmens gearbeitet werden. Stattdessen herrscht gespenstische Ruhe. Keine Baufahrzeuge, keine Handwerker. Nur der gerade aufziehende Sturm rüttelt kräftig an den fast fertigen Stallanlagen und zeigt seine zerstörerische Kraft.

Eine Plane ist schon eingerissen und Welp sagt: „Das müssten wir eigentlich auch noch wetterfest machen. Wenn Regenwasser eindringt, wird auch die dahinterliegende Dämmwolle nass.“ Und das ist etwas, was Welp und seine Kollegen überhaupt nicht gebrauchen können. Jetzt, da die Handwerker die Baustelle ungeplant räumen mussten, weil der Landkreis die vorzeitige Baugenehmigung aufgrund eines Urteils des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg ausgesetzt hat. Das Wort „Baustopp“ hört der BHZP-Geschäftsführer in diesem Zusammenhang nicht so gerne.

Nur noch die Sicherung der bereits errichteten Bausubstanz ist in Absprache mit dem Landkreis zulässig. Aber was ist Bausicherung und was gilt schon als Fertigstellung? Diese Frage ist schwierig zu beantworten, wie der Sturm an diesem Morgen beweist.

BHZP – die vier Buchstaben stehen für Bundes Hybrid Zucht Programm – eine Tierzuchtanlage für Schweine. Seit mehr als 36 Jahren schafft das BHZP die züchterischen Grundlagen für die deutsche Schweinehaltung und entscheidet, wie fett oder mager, wie stressresistent oder -anfällig, wie groß oder klein die Schweine auf den Bauernhöfen im Land sind.

Schweine mögen Musik der Gruppe „Queen“

1983 hat sich die BHZP in Ellringen angesiedelt, auf einem ehemaligen Bauernhof. „Unser Unternehmen ist in besonderem Maße in der bäuerlichen Landwirtschaft verankert“, sagt Dr. Elisabeth Gerstenkorn. Die BHZP-Mitarbeiterin ist stolz auf das, was sie und ihre Kollegen täglich leisten. „Unser Vermehrungsbetrieb ist nach Bioland und Naturlandrichtlinien zertifiziert.“ Beim Tierschutz und Tierwohl setze man nationale und internationale Maßstäbe. „Wir führen zusammen mit Universitäten wissenschaftliche Projekte durch“, erläutert Gerstenkorn. In Ellringen wollen die BHZP-Mitarbeiter herausfinden, was zu tun ist, damit sich die Borstentiere sauwohl fühlen.
Dazu wird auch Sensortechnik eingesetzt: „Raten Sie mal, welche Musik Sauen lieber hören“, fragt Gerstenkorn, „Rondò Veneziano oder Rockmusik von Queen?“ Zwischen beiden Musikrichtungen können die Tiere entscheiden, wenn sie mit dem Rüssel den jeweiligen Buzzer drücken. Klarer Gewinner: die Rockmusik.

Dass Gegner die BHZP-Anlage als Schweinefabrik , Mastanlage oder Schweinemastanstalt diffamieren, trifft Welp. Und überhaupt kein Verständnis hat er dafür, dass BHZP-Mitarbeiter Angriffen und Beleidigungen ausgesetzt sind. “Unsere Mitarbeiter werden eingeschüchtert“, so der Geschäftsführer, „ihre Autos und das BHZP-Gebäude mit roter Sprühfarbe beschmiert.“

Auch den Vorwurf, die Tiere der BHZP seien in dunklen Ställen auf engstem Raum eingepfercht, können Welp und Gerstenkorn nicht nachvollziehen. „Gerade dann müssten doch die Baugegner die Neubauten begrüßen“, sagt der BHZP-Geschäftsführer, seien die neuen Ställe erst einmal fertig, hätten die Tiere deutlich mehr Platz. „Die neuen Stallungen haben großdimensionierte Fenster für mehr natürliches Licht“, sagt Gerstenkorn und fügt hinzu: „Mittels eines Abluftwäschers wird die Abluft aus dem Stall gefiltert, sodass trotz einer höheren Anzahl an Tieren weniger Emmisionen im Vergleich zum Altbau emittiert werden.

Zeitplan ist nicht mehr zu halten

Die Gegner des Großvorhabens ficht das nicht an: „Die Anlage gehört nicht nach Ellringen, sondern als industrielle Stallanlage in ein Industriegebiet“, halten sie dagegen.

Dass die BHZP letztlich gerichtlich dazu verpflichtet werden könnte, die Anlage zurückzubauen, glaubt Welp trotzdem nicht. Auf entsprechende Nachfrage antwortet der BHZP-Geschäftsführer mit einem deutlichen „Nein!“

„Wir haben das Urteil des Oberverwaltungsgerichts genau analysiert, werden die angesprochenen Fehler sauber abarbeiten“, erklärt Welp. Nur eines steht jetzt schon fest: Ende des Jahres ist die Anlage nicht betriebsbereit wie ursprünglich geplant.

Von Klaus Reschke