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Wer sich auf Tickets für „König der Löwen“ gefreut hatte, wurde bei einer Lüneburger Agentur bitter enttäuscht. Foto: bol

Tickethändler ist Fall für den Staatsanwalt

Lüneburg. Es sollte ein schöner Ausflug nach Hamburg werden, dazu der Besuch eines Musicals. Johanne Knipper orderte Ende vergangenen Jahres online bei einer Lüneburger Ticketagentur einen Gutschein für 240 Euro. Erst lief alles gut. „Das Geld wurde abgebucht, ich habe auch einen Beleg erhalten“, berichtet die Frau aus dem Landkreis Rotenburg.

Doch als sie mit ihrem Mann die Karten für den „König der Löwen“ haben wollte, hatte sie keine Chance. „Ich habe angerufen und ewig in Warteschleifen gehangen, ohne dass jemand abnahm.“ Auf E-Mails habe es keine Antworten gegeben. Johanne Knipper ist nicht allein. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg ermittelt wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betruges, dort spricht man von „Tausenden Fällen“. Der Betreiber der Agentur war nicht zu erreichen.

Keine Tickets trotz Bezahlung

Wer ins Internet schaut, findet Berichte von Dutzenden Kunden, die sich in gleicher Weise hintergangen fühlen. Trotz Bezahlung erhielten sie keine Billets, auf Schreiben keine Reaktion, Anrufer erreichten niemanden.

Oberstaatsanwalt Frank Padberg sagt: „Es geht um etwa 3000 Fälle. Beträge wurden doppelt von Konten eingezogen, Tickets nicht geliefert. Man muss aber sagen, dass sich der Beschuldigte bemüht, den Schaden wiedergutzumachen.“ So seien Summen zurückgebucht worden. Im Sommer vergangenen Jahres sei dies allerdings in rund 1000 Fällen noch nicht geschehen. Das Verfahren richte sich gegen den Betreiber der Agentur und seine Frau sowie fünf ehemalige und aktive Beschäftigte. Es sei nicht absehbar, wann das Verfahren abgeschlossen werde: „Die Ermittlungen laufen noch.“

Die LZ hat die Agentur angerufen – und landete in einer Warteschleife. Die angegebene Internetseite ist nicht mehr zu erreichen. Über einen Umweg gab es dreimal die Bitte um einen Rückruf. Erfolglos. „Ich habe das weitergegeben“, sagte eine Mitarbeiterin am Mittwoch. Eine Handynummer ihres Chefs könne sie nicht nennen. Schließlich meldete sich eine Hamburger Anwältin, die mitteilte, weder ihre Mandanten noch sie nähmen Stellung.

Ex-Mitarbeiterin: Viele aufgebrachte Kunden

Eine ehemalige Mitarbeiterin, die namentlich nicht erwähnt werden möchte, sagte gegenüber der LZ, dass sie immer wieder aufgebrachte Kunden am Telefon gehabt habe und diese vertrösten sollte. Die Stimmung sei sehr gereizt gewesen. Auch mit ihrer Bezahlung habe es Probleme gegeben, daher habe sie das Unternehmen verlassen.

Johanne Knipper hat ihr Geld inzwischen wieder. Das gelang ihr durch eine beherzte Aktion. „Ich bin nach Lüneburg gefahren“, erzählt sie. Sie erreichte schließlich jemanden in dem Haus der Agentur. „Ich habe gesagt, dass ich nicht gehe, bis ich Karten oder Geld bekomme.“ Sie habe in einem „verwaist aussehenden Callcenter“ eine Stunde warten müssen. Dann sei ein junger Mann gekommen und habe versucht, sie zu beschwichtigen. Er habe gesagt, dass die Firma mit einem großen amerikanischen Anbieter zusammengegangen sei, daher habe es Probleme gegeben, man arbeite diese auf.

„Ich möchte andere warnen“

Die sich verschaukelt gefühlte Kundin hatte inzwischen festgestellt, dass die Summe für den Gutschein von rund 240 Euro dreimal von ihrem Konto abgebucht wurde, also 720 Euro. „Als ich mit der Polizei gedroht habe, hat der Mann telefoniert, ich habe dann 420 Euro ausbezahlt bekommen.“ Zur Polizei ging sie trotzdem: „Ich habe Anzeige erstattet und ein Aktenzeichen bekommen. Durch das Strafverfahren konnte meine Sparkasse das Geld zurückbuchen.“ Denn die Frist dafür sei eigentlich verstrichen gewesen: „Jetzt habe ich alles wieder. Aber ich möchte andere durch meinen Fall warnen.“

Von Carlo Eggeling