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Das Symbolfoto zeigt eine Alkoholkontrolle im Straßenverkehr. Die Lüneburgerin Valentina Bechtold brauchte insgesamt sieben Jahre, um den ihr abgenommenen Führerschein erneut zu ergattern. Foto: benjaminnolte - stock.adobe.com

Führerschein weg – und nun?

Lüneburg. Valentina Bechtold schrammte beim Rangieren mit ihrem Wagen gegen ein anderes Auto. „Ich habe das gar nicht gemerkt“, sagt die 52-Jährige. Kein Wunder. Als die Polizei zum Hausbesuch kam, pustete sie zwei Promille. Den Führerschein musste sie abgeben. Doch inzwischen darf sie wieder mit ihrem Opel fahren – nach sieben Jahren. Darauf ist sie stolz, denn es war ein langer Weg. Geholfen hat der Lüneburgerin mit russischen Wurzeln dabei ein Angebot der Drogenberatungsstelle drobs, ein Kursus, der auf die Medizinisch-psychologische Untersuchung vorbereitet. Die MPU gilt im Volksmund als „Idiotentest“, den man absolvieren muss, wenn man seinen Führerschein zurückhaben möchte. Nun startet ein neues Seminar.

Kursus bereitet auf „Idiotentest“ vor

Alkohol war für Valentina Bechtold ein ständiger Begleiter. Wodka, Wein ohne Ende. Sie lag betrunken im Wohnzimmer, hing überm Klo, weil sich der Magen umdrehte. Die Mutter dreier Kinder erzählt, dass sie kein einfaches Leben hatte, die jüngste Tochter kam herzkrank zur Welt, musste zigmal operiert werden. In derselben Zeit starb ihr Mann. Sie sei für sich selber, aber auch für Familie und Freunde eine Zumutung gewesen.

„Ich habe in zwanzig Jahren vier lange Therapien gemacht“, sagt sie. „Dreimal bin ich rückfällig geworden. Ich war trotzig, ich wollte nicht wahrhaben, dass der Alkohol mein Leben bestimmt.“ Als sie 2016 für knapp vier Monate ins Fachkrankenhaus Hansenbarg in Hanstedt geht, macht es Klick. Man müsse sich eingestehen, dass das Leben aus Lügen bestehe, das sei ihr klar geworden: „Da sitzt ein Psychologe vor dir und durchleuchtet dich wie mit einem Ultraschallgerät.“

drobs half, sich der Sucht zu stellen

Weil sie ihren Führerschein wiederhaben wollte, ging sie schließlich zum MPU-Seminar „Lieber schlau als blau“ der drobs an der Heiligengeiststraße. Sie habe dort verstanden, dass sie ehrlich sein müsse. In zehn Sitzungen lernen Teilnehmer, wann aus einer Gewohnheit eine Abhängigkeit wird, warum sie sich berauschen, was das mit Verstand und Körper macht, wie man es vermeiden kann, zu viel zu trinken und wie man sich schließlich dem Test stellt.

Valentina Bechtold hat ihr Leben umgekrempelt. Die gelernte Köchin besucht regelmäßig eine Selbsthilfegruppe, sie macht eine Ausbildung als Suchtkrankenhelfer. Denn sie hat ein Anliegen: „Viele Russlanddeutsche verstehen nicht, worum es in den Seminaren geht.“ Zum einen, weil in ihrer alten Heimat Trinken nur mit der Halbliterfraktion auf Parkbänken in Verbindung gebracht wird, doch Alkoholkrankheit könne jeden treffen: Ärzte, Handwerker, Polizisten, Arbeitslose, Frauen, Männer. Der andere Punkt ist die Sprache. Da sie natürlich Russisch spricht, könne sie dieses Hindernis überwinden.

Die Lüneburgerin weiß, dass die Sucht ein ewiger Begleiter mit einer ständigen Versuchung bleibt: „In jedem Supermarkt stehen Flaschen.“ Und wenn es im Leben nicht gut läuft, ist der kleine Teufel im Kopf, der flüstert: „Mit einem Schluck wird‘s besser.“ Wird es nicht: „Wenn das kommt, verlasse ich den Ort. Ich bin zum Beispiel umgezogen, um aus den Erinnerungen rauszukommen.“

Alles klingt nach einem Neuanfang, und sie ist sicher, dass sie den hinbekommt. Auch weil sie wieder Auto fahren kann. Sie erinnert sich gut an die erste Tour mit ihrer Familie, eigentlich etwas Alltägliches, es ging zum Einkauf. Doch für sie bedeutet es eine „große Freiheit“.

Der nächste Kursus zur Vorbereitung der MPU bei der drobs beginnt am Dienstag, 23. April, 17.30 Uhr, und dauert zehn Wochen. Anmeldung unter (04131) 684460.

Von Carlo Eggeling

Hintergrund

Wer muss zum Test?

Der Landkreis erklärt, wie es läuft: Wer mit einem Alkoholspiegel von 1,1 Promille am Steuer unterwegs ist, begeht eine Straftat – bei einem Unfall ist dies schon ab 0,3 Promille der Fall. Dann kommt das Gericht ins Spiel und entzieht den Führerschein, der dann bei der Führerscheinstelle abgegeben wird. Um den Führerschein zurückzubekommen, muss der Betroffene einen Antrag stellen. Die Führerscheinstelle überprüft dann seine Eignung. Wer wiederholt aufgefallen ist oder mehr als 1,6 Promille hatte, muss zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU).

Über die Polizei bekommt die Führerscheinstelle von jedem Drogenauffälligen Kenntnis und überprüft dann seine Eignung oder entzieht gleich den Führerschein. Übrigens: Im Straßenverkehr auffällig sein kann man auch als Radfahrer oder Mofa-Fahrer – sowohl mit Alkohol als auch mit Drogen. Wer hierbei erwischt wird, muss ebenfalls mit der Überprüfung seiner Kraftfahreignung rechnen – das kann auch den Führerschein kosten. Ganz wichtig bei Alkohol und Drogen: Betroffene müssen ihre Abstinenz nachweisen, um ihre Angaben bei der MPU zu untermauern. Es reicht nicht dort hinzugehen und zu sagen, man habe den Konsum eingestellt.