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Auf dem Marktplatz formierten sich die Teilnehmer der Demo zu drei großen Fs: "Fridays for Future". (Foto: t&w)

Mehr als 2000 kommen zum „Klimastreik“ nach Lüneburg

Lüneburg. Dass es kein gewöhnlicher Freitag für die Lüneburger Innenstadt wird, war schon morgens klar: Während auf dem Marktplatz Techniker eine Bühne aufbauten, zogen dutzende Schüler durch die Straßen – mal nur in Kleingruppen, mal als ganzer Klassenverband. Alle bepackt mit Rucksack und selbstgeschriebenen Plakaten: „Rettet das Klima“ steht auf einigen, „Wir wollen kein Plastikmeer“ auf anderen. Sie sind in das Stadtzentrum gekommen, um an der bisher größten „Fridays for Future“-Demonstration Lüneburgs teilzunehmen.

Eine von 1700 Städten weltweit

Seit einigen Monaten schon protestieren vor allem Schüler bei diesen auch „Schulstreik“ genannten Aktionen gegen die aktuelle Umweltpolitik und für den Ausstieg aus der Kohleenergie – in einer Zeit, in der sie eigentlich Schulunterricht hätten. Angefangen damit hat im vergangenen Jahr die 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg in Stockholm, gestern sollen nach Medienberichten in fast 1700 Städten weltweit insgesamt Hunderttausende auf die Straße gegangen sein.

Allein nach Lüneburg pilgerten insgesamt mehr als 2000 Demonstranten – die Veranstalter rechneten mit 500, hofften auf vielleicht 1000. Der Wetterbericht ließ erst böses erahnen, sagte viel Regen bei niedrigen Temperaturen voraus. Warm wurde es zwar nicht, doch blieb es lange trocken, und die Massen strömten auf den Marktplatz. Längst sind die Schüler nicht mehr alleine: Ihnen angeschlossen haben sich Studenten, Politiker, Eltern, Großeltern und auch Lehrer. Wie etwa Astrid Münder von der Oberschule am Wasserturm. Sie ist mit ihrer Klasse auf der Kundgebung am Marktplatz dabei. „Auch wenn Politiker es gerne Schwänzen nennen – die Schüler treten hier für etwas ein. Und zwar ihre Zukunft.“ Fehlstunden bekommen ihre Schützlinge jedoch nicht eingetragen – die Teilnahme an der Demo ist mit der Schulleitung abgesprochen.

Uelzener ziehen nach Lüneburg

Auch in Uelzen wollten Schüler gestern demonstrieren gehen. Allerdings scheiterte das Vorhaben daran, dass sich niemand Volljähriges fand, die die Demonstration hätte anmelden können, sagt der Uelzener Sprecher Johannes Flügge. Man disponierte um: 150 Schüler setzten sich in den Zug nach Lüneburg, um hier die Aktion zu unterstützen.

Noch einen Schritt weiter geht der Musiklehrer Frank Ebeling: Mit seinen Neuntklässlern von der Oberschule Winsen hat er zwei Lieder einstudiert, „Bella Ciao“ und „Yesterday“, beide Songs passend umgedichtet für die Demonstration. Auf der Bühne am Marktplatz wird die Gesangsgruppe mit Gitarrenbegleitung dafür gefeiert. Auch hier gilt: Exkursion, Eltern und Schulleitung wissen Bescheid. „Wir haben den legalen Weg eingeschlagen“, sagt er.

Ebenfalls auf Schulausflug sind die Klassensprecher der Realschule Bleckede. Allerdings nehmen sie nicht wirklich an der Demonstration teil, sondern haben eine Mission: „Wir gucken hier nur zu“, sagt die Schülerin Maureen Senkbeil, „und berichten dann unseren Klassen davon.“ Dafür müssen die Schülervertreter einen Bewertungsbogen der Schule mit Fragen ausfüllen. Etwa, ob es Demonstration Hinweise gibt, was jeder einzelne für den Umweltschutz tun kann. Auf Maureens Bogen steht unter anderem: Weniger Fleisch essen. Und: Plastik vermeiden!

Mehr als 2000 Schüler, Studenten, Eltern, Lehrer, Großeltern, Politiker und Aktivisten nahmen an Lüneburgs bisher größter „Fridays for Future“-Demonstration teil. (Foto: t&w)
Nach den ersten Reden und Musikbeiträgen will die immer weiter anwachsende Truppe aus Demonstranten sich auf den Weg durch die Lüneburger Innenstadt machen, am Lambertiplatz vorbei, entlang der Wallstraße bis zum Sande. Trotz der mittlerweile schwer überschaubaren Menge klappt das ganz gut, der Tross macht sich zügig auf den Weg. Dabei hinterlässt er – auch auf Anweisung der Moderatoren – den Platz vor dem Rathaus absolut sauber.

Schweigefuchs hilft bei Technik-GAU

Am Sande stoßen die Organisatoren dann doch an ihre Grenzen. Eine Bühne gibt es nicht, und die Lautsprecher können nicht den gesamten Platz beschallen. Redebeiträge gehen dabei unter, und während auf der Bühne versucht wird, eine Schweigeminute anzuleiten, skandieren weit hinten noch die Aktivisten ihre Sprüche – „Hopp hopp hopp, Kohlestopp!“ Erst die Schweigefuchs-Geste – Schülern und Lehrern wohlbekannt – bringt Ruhe in die Masse.

Starteten die Demonstranten um 11 Uhr noch voller Energie, ist bei der Abschlusskundgebung am Markt knapp drei Stunden später spürbar die Luft raus. Von den gut 2000 sind vielleicht noch 150 übrig geblieben und lauschen – mehr oder weniger aufmerksam – den letzten Redebeiträgen, und ein starker Regenguss tut sein Übriges. Die Veranstalter ließen den jungen und studentischen Rednern den Vorrang, das Ende durfte die ältere Generation bestreiten. So brachte Thilo Clavin von der Bürgerinitiative Grüngürtel-West auf er Bühne seinen Unmut zu den Plänen für die Bebauung der Flächen zwischen Reppenstedt und Lüneburg zum Ausdruck, seine Mitstreiter zeigten später bei SPD-Ratsmitglied Friedrich von Mansbergs Redebeitrag demonstrativ die kalte Schulter.

Eine Plattform für Parteipolitik wollen die Lüneburger „Fridays-for-Future“-Aktivisten nicht bieten, sagt deren Organisationsteam-Mitglied Moritz Meister. Daher werden Redebeiträge der Politiker ohne Nennung ihrer Partei anmoderiert, und Demonstranten, die Parteifahnen ausrollten, mussten diese schnell wieder einstecken. Im Mittelpunkt soll weiterhin der Einsatz für ihre Sache stehen – und die ist: eine andere Klimapolitik.

Von Robin Williamson