Aktuell
Home | Lokales | Bad Bevensen | Ein Riss im Herzen
Trauernde Mutter
Susann Jöhnk. (Foto: Philipp Schulze)

Ein Riss im Herzen

Bad Bevensen/Lüneburg. Der erste Schnee ist immer der schwerste. In diesem Jahr kam er an einem Januarmorgen – nicht ganz so heftig wie damals, nicht ganz so kalt wie damals. Wenn Susann Jöhnk dann durch ihr geöffnetes Schlafzimmerfenster auf die weißen Dächer von Bad Bevensen blickt, atmet sie tief ein und aus – und denkt an René*, ihren Sohn. Genau neun Jahre ist es her, dass sie vor seinem schneebedeckten Sarg stand. Sie kann sich nicht mehr an die Worte erinnern, die sie sprach, nicht mehr an die Lieder, die sie sangen, nicht mehr, wie viele Beruhigungspillen sie geschluckt hatte. Nur noch, dass alles weiß war an diesem Tag – und so unglaublich kalt. Kalte Hände, kalte Gesichter: ein Friedhof voller Eisblöcke.

René verließ die Welt im Winter 2010: Mit 27 Jahren ließ er sich von einem Zug erfassen und aus dem Leben reißen. Am Sonntag noch hatte er mit der Familie gefeiert, am Montag bestieg er die Gleise. „Es ist im Nachhinein absurd, die Aufnahmen vom Tag zuvor zu sehen“, sagt Susann Jöhnk und umschließt mit beiden Händen ihre warme Kaffeetasse. Zweimal hat sie sich die DVD angeschaut. „Wie er lacht, wie er spricht, wie glücklich er aussah.“ Sie schließt die Augen, schluckt. „Da hatte er alles schon längst geplant.“ Hätte sie es nicht ahnen können? Immer und immer wieder hat sich Susann Jöhnk mit dieser Frage durch schlaflose Nächte gequält.

Ja, dass René „Lebensängste“ hatte, vor Krieg und Hass auf der Welt, das wusste sie. Und dass er seinen Zwillingsbruder vermisste, auch das habe sie geahnt. Doch das Ausmaß seines Kummers blieb unsichtbar hinter einer lächelnden Fassade. Hätte René keinen Abschiedsbrief hinterlassen, Susann Jöhnk weiß nicht, ob sie an ihren Fragen zerbrochen wäre. „Er hat sich auf 16 Seiten bei seiner Familie bedankt, bei jedem Einzelnen. Auch bei seinem Bruder Justus im Paradies.“

Der Anruf mit der grausamen Gewissheit

Justus, Renés Zwillingsbruder, starb mit 21 Jahren bei einem Autounfall im Sommer 2004. Kurz zuvor hatten er und seine Mutter ihren nächsten Urlaub geplant. Sie wollten noch einmal alle zusammen verreisen, Susann Jöhnk und ihre drei Söhne. Doch dann kam Justus mit seinem Wagen von der Straße ab und geriet in den Gegenverkehr. Susann Jöhnk erinnert sich noch, wie sie im Auto saß, als der Anruf mit der grausamen Gewissheit kam: „Justus ist tot!“

Sie schrie, stieß mit dem Kopf gegen die Frontscheibe, immer und immer wieder. Bis heute hat sie keine Worte für diesen Schmerz, stattdessen zeigt sie auf ein Bild an ihrer Wohnzimmerwand. Darauf ist ein buntes Herz zu sehen, gemalt in einer Therapiesitzung. In der Mitte ist schwarze Farbe ausgelaufen. „Erst habe ich verzweifelt versucht, sie wegzuwischen“, erzählt sie. Doch am Ende war es genau das, was sie fühlte: einen tiefen, dunklen Riss mitten im Herzen.

Dieser Riss, er konnte nie ganz zu einer Narbe verheilen. Stattdessen hat das Schicksal immer wieder heftig an der Wunde gezerrt, zuletzt vor anderthalb Jahren. Da ging Ole, ihr jüngster Sohn. Der einzige, der ihr geblieben war. Ole war 32 Jahre alt, als er vermutlich im Sekundenschlaf mit dem Auto gegen einen Baum fuhr. Der Anruf der Polizei kam spät am Abend. Bis heute zuckt Susann Jöhnk jedes Mal zusammen, wenn das Telefon nach 22 Uhr klingelt. Doch was soll noch passieren? Was kann einer Frau noch passieren, die ihre Kinder verloren hat?

Kleine Botschaften des Alltags

Susann Jöhnks Wohnzimmer ist mit Erinnerungen tapeziert: Familienfotos von glücklichen Tagen, zerknitterte Notizzettel mit Nachrichten aus der Vergangenheit: „Hallo ihr zwei. Ich bin um 12 Uhr losgefahren. Ich hoffe, ihr genießt die Zeit. Ole ist heute Abend weg. Also, sturmfreie Bude. Viel Spaß, René.“ Kleine Botschaften des Alltags, heute wertvoller denn je.

Heute, da wiegt alles schwerer: jedes Wort, jeder Streit, jede Erinnerung. Ole und seine Mutter trafen sich wenige Tage vor seinem Unfall auf dem Geburtstag seiner Cousine. Sie redeten die halbe Nacht lang – über Oles Inklusions-Forschung, über ihre geplante Zusammenarbeit. Und wenn sie nicht redeten, dann tanzten sie.

Manchmal läuft im Radio der Song, zu dem sie das letzte Mal über das Parkett flogen. Dann dreht Susann Jöhnk den Sound voll auf und fühlt sich Ole für ein paar Minuten besonders nah. Der Titel, wie lautete der gleich noch? Sie grübelt einen Augenblick, zuckt schließlich entschuldigend mit den Schultern. Mit der Trauer kamen Gedächtnisprobleme auf, dann Rückenschmerzen und der eigentlich längst verschwundene Tremor lässt die Hände der 59-Jährigen seit einiger Zeit wieder zittern.

„Das Gehirn ist durchgerüttelt“ – Susann Jöhnk

Solche körperlichen Begleiterscheinungen der Trauer sind alles andere als selten. In der Gruppe verwaister Eltern in Uelzen, die auch Susann Jöhnk immer wieder besuchte, kämpften Mütter und Väter mitunter auch mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, berichtet Sabine Grube, die die Gruppe als Trauerbegleiterin betreut. Sie selbst konnte nach dem frühen Tod ihres Sohnes lange Zeit nicht mehr lesen, litt unter Konzentrationsschwächen: „Das Gehirn ist durchgerüttelt, zu voll mit diesem traumatischen Ereignis.“ Susann Jöhnk kämpfte auch mit ihrem Lebensmut: Als Justus starb, kamen das erste Mal Suizidgedanken auf. Hätten nicht Freunde ein paar Stunden früher als geplant vor ihrer Tür gestanden, sie hätte sie vielleicht nicht mehr geöffnet. Und wären sie nicht geblieben – tagelang –, sie hätten sich vielleicht nie wiedergesehen.

Manche Freundschaften sind in der Trauer stärker geworden, andere sind zerbrochen. „Da ist viel Hilflosigkeit beim Gegenüber“, erklärt Trauerbegleiterin Britta Walper. „Wie begegne ich dem trauernden Menschen, ohne ihn zu verletzen?“ Walper gründete eine Gruppe für verwaiste Eltern in Lüneburg, nachdem ihre Tochter mit 19 Jahren an einem Hirntumor verstarb. Aus eigener Erfahrung weiß sie: „Je natürlicher man als Außenstehender damit umgeht, desto einfacher wird es für die Betroffenen. Sätze wie ,Es wird schon wieder‘ oder ,Zeit heilt alle Wunden‘ sind nur schwer zu ertragen, denn es wird besser mit der Zeit, aber nie mehr wie vorher.“ Sie rät auch davon ab, das Thema einfach auszuklammern und zu Alltäglichem überzugehen. Wer mit der Begegnung überfordert sei, könne dies ruhig offen kundtun. „Dann kann der Trauernde selbst entscheiden, worüber er reden möchte.“

Sie will nichts mehr aufschieben

Susann Jöhnk hat viel geredet – in den sieben psychosomatischen Kliniken, die sie besucht hat, in 15 Jahren Therapie, in der Trauergruppe für verwaiste Eltern und seit einigen Wochen auch mit ihren Söhnen. Manchmal, wenn sie allein ist, teilt sie mit ihnen ihre Wünsche und Hoffnungen. Sie schmunzelt, als sie davon erzählt. „Ich sage dann schon auch: ,So Jungs, nun macht mal!‘“ Dass sie wieder einen Partner findet zum Beispiel, dass sie wieder glücklich wird, dass die Leute in ihr mehr sehen als nur die Frau mit den drei verstorbenen Söhnen.

Der Weg aus der Trauer zu einem stabilen Leben ist so individuell wie die Trauer selbst. „Es ist oft überwältigend zu sehen, welche Energie der Körper freisetzt, um weiterzumachen“, sagt Britta Walper. Sie spricht von einem regelrechten Kraftschub, mit dem viele Eltern ihr Leben aus der tiefen Krise heraus neu gestalteten. Sie selbst hat in dem Jahr nach dem Tod ihrer Tochter ihren Beruf als Bankkauffrau aufgegeben und den Verein „Claras Haus“ gegründet, der trauernde Eltern aus der Lüneburger Region unterstützt.

„Die drei Jungs sind jetzt wieder zusammen. “ – Susann Jöhnk

Susann Jöhnk hat sich der Malerei gewidmet und sich den kompletten Rücken tätowieren lassen – mit Motiven, die sie an ihre Söhne erinnern: eine Lebensspirale für Justus, Ginkgoblätter für René, drei Vögel für Ole. Sie wolle nichts mehr aufschieben, erklärt sie, das habe sich mit dem Verlust ihrer Kinder verändert. Für dieses Jahr ist bereits ein Meditationskurs im Kloster gebucht und eine Reise nach Usedom. Sie zögert einen Moment, dann sagt sie: „Es klingt komisch, aber ich hatte noch nie so viel innere Ruhe wie jetzt.“

Auf der Kommode im Wohnzimmer brennen drei Teelichter, an der Wand hängt ein Bild mit drei Tulpen. „Die drei Jungs sind jetzt wieder zusammen“, sagt Susann Jöhnk. Das ist der Gedanke, der es leichter macht. In ein paar Stunden wird sie durch den Schnee auf den Friedhof wandern – mit drei Rosen in der Hand. Eine für Justus, eine für René, eine für Ole.

*Namen der Söhne von der Redaktion geändert.

Kontakte

Hilfe für trauernde Eltern

Gesprächskreis für verwaiste Eltern
Claras Haus e.V., Trauergruppe für verwaiste Eltern;
Treffen: jeden ersten Mittwoch im Monat, 19 Uhr;
Ansprechpartnerin: Britta Walper; Kontakt: 0177-450 87 07

Gruppe der Verwaisten Eltern in Uelzen
Treffen: jeden ersten Donnerstag im Monat, 18 bis 20 Uhr;
Ansprechpartnerin: Sabine Grube; Kontakt: 05806-620

Von Anna Petersen