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Die Kinder des Naturkindergartens in Ochtmissen freuen sich über den neuen Bauwagen, nachdem der alte durch Brandstiftung zerstört worden ist. (Fotos: A/t&w/be)

Eine neue Unterkunft für Jahrzehnte

Lüneburg. Noch wirkt der neun Meter lange Wagen aus Holz etwas fehl am Platz, zu neu, zu unbelebt. Viel Zeit konnten die 13 Jungen und Mädchen, die den Naturkindergarten in Ochtmissen besuchen, auch noch nicht in ihrer Unterkunft verbringen. Mussten sie sich fünf Monate lang anderweitig behelfen, weil ihr alter Bauwagen bis aufs Fahrgestell runtergebrannt war, steht ihnen jetzt ein neues Modell zur Verfügung. Die hellen Holzbretter leuchten geradezu auf dem idyllischen Fleckchen Grün, umgeben vom Lüneburger Arche-Park und Schrebergärten. Die rote Farbe auf den Tür- und Fensterrahmen ist gerade getrocknet, eine bunte Girlande und Luftballons, die am Treppenaufgang befestigt sind, runden das Bild ab.

Brand brachte Kita in Not

Svenja Körner lächelt unentwegt an diesem Einweihungstag – als sie das weiße Band am Geländer durchschneidet, als sie Mathias De Santis, dem Tischler aus Echem, der diesen Bauwagen zum Selbstkostenpreis gebaut hat, ein hölzernes Mobilé überreicht, das die Kinder als Dankeschön gebastelt haben. Es ist vor allem Erleichterung, die aus ihren Gesichtszügen spricht.
Der 11. Oktober, der Tag, an dem auf der Rasenfläche am Ochtmisser Kirchsteig nichts als Qualm und verkohlte Reste einer hölzernen Unterkunft zu sehen waren, hat sich im wahrsten Sinne des Wortes in ihr Gedächtnis eingebrannt. Die Kita-Leiterin stand an ihrem dritten Arbeitstag vor dem Nichts – ohne Betreuungsverträge, ohne Abhol- und Wartelisten, ohne Handy, Bücher und Spielzeug. Und vor allem: Ohne einen Ort, an dem die Kinder sich aufwärmen können, wenn es draußen ungemütlich wird.

35 000

Euro hat der Wagen gekostet. Der Verein hat auch Rücklagen investiert.

„Es ging ganz schnell um die Frage, wie es weitergehen kann“, erzählt sie, während sie in dem geräumigen Wagen steht, in dem der Duft von neuem Holz in der Luft liegt. Rechts von ihr wurde ein Hochbett, noch ohne Matratze, passgenau eingebaut, links ein großer Kamin. Zwei Tische mit Bänken und Stühlen füllen diese Seite des Holzbaus. Erste Plakate, solche die das Alphabet und die Zahlen von 1 bis 20 aufführen, kleben schon an den Wänden. Regale sind noch etwas spärlich, aber immerhin schon mit einigen Büchern, Spielen und Malsachen bestückt. Es wirkt fast paradox als sie in dieser Umgebung sagt: „Wir hatten gar nichts mehr, keine Rucksäcke, kein Erste-Hilfe-Set. Nichts.“

Dass der Kindergarten in den vergangenen Monaten überhaupt geöffnet bleiben konnte, hat der Trägerverein unter anderem dem Umweltbildungszentrum, kurz Schubz, zu verdanken. Die Kinder durften freitags den Unterrichtspavillon nutzen, an anderen kalten Tagen zogen sie sich mit ihren beiden Erzieherinnen in einen Schrebergarten in der Nähe zurück. Dort steht ein knapp acht Quadratmeter großes Häuschen mit Ofen. „Wir haben in der letzten Zeit so viel Anteilnahme erfahren. Täglich wollten Leute aus dem Kleingartenverein und Hundebesitzer, die hier spazieren gehen, wissen, wie es weiter geht und wie wir vorankommen“, sagt Svenja Körner.

15 000 Euro wurden gespendet

Auch dem Vereinsvorstand Timo Carl ist die Erleichterung anzusehen. Denn für den Kindergarten bedeutet der neue Bauwagen nicht nur, dass die vier Mädchen und neun Jungen wieder einen Ort zum Aufwärmen, Frühstücken und Ausruhen haben. Er steht auch für Sicherheit. „In der Zwischenzeit sah es nicht so gut aus“, sagt er, schiebt aber gleich hinterher: „Wir konnten in den letzten Wochen aber alle 15 Plätze wieder belegen“. Ab dem 1. April ist die alte Größe der Kita also wiederhergestellt. „Mit diesem Neubau ist eine Unterkunft für Jahrzehnte gesichert.“
Er betont, dass dieser Wiederaufbau nie ohne die Unterstützung möglich gewesen wäre, die den Verein ereilt habe. Insgesamt seien von knapp 40 Stiftungen, Unternehmen und Privatleuten über 15 000 Euro an Geld- und Sachspenden zusammengekommen. „Wir freuen uns sehr über diesen großen Zuspruch aus der Gemeinde.“

Auch der Prozess gegen den „Windelmann“, der neben anderen Bränden auch den am Ochtmisser Kirchsteig gelegt hat, ist Thema an dem Tag, an dem Eltern, Erzieher, Spender, Nachbarn, Kindergarten- und Geschwisterkinder ihre neue „Schutzunterkunft“ offiziell in Beschlag nehmen. Wie berichtet, wurde der Mann, der als psychisch gestört gilt, Mitte Februar zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe und einer Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt. „Wir hoffen, dass er dort die Hilfe bekommt, die er braucht“, sagt Carl. Er sei erleichtert, dass die Schadensersatzansprüche problemlos genehmigt wurden und dem Verein damit der Klageweg erspart geblieben ist. „Der Brandstifter hat sich im Prozess bei uns entschuldigt. Er hat zugesagt, in seinem geringen finanziellen Rahmen monatliche Zahlungen an uns zu leisten. Das find’ ich klasse.“

Von Anna Paarmann