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Der 52-jährige Patrick Maskell lebt seit 1989 in Lüneburg. Bis zum Brexit-Votum 2016 kam es für ihn nicht infrage, eine andere Staatsbürgerschaft anzunehmen. Foto: t&w

Deutscher Pass als Exitstrategie

Lüneburg. Eigentlich hätte Großbritannien in neun Tagen die Europäische Union verlassen, der Brexit Realität werden sollen. Sicher ist das jedoch nicht. Wie so vieles rund um das britische Austrittsbegehren. Erfasst hat diese Unsicherheit auch britische Staatsbürger, die schon seit Jahren, teilweise Jahrzehnten, im Landkreis Lüneburg leben.

Stetiger Anstieg seit dem Referendum

Seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 ist die Zahl der Einbürgerungsanträge stetig gestiegen – allein in der Stadt Lüneburg von 16 (2016), über 18 (2017) auf 25 (2018). „In diesem Jahr sind bis zum 15. März noch einmal 37 dazugekommen“, sagt Suzanne Moenck, Pressesprecherin der Stadt. Am Dienstag haben im Rathaus 72 Frauen und Männer aus 16 Nationen ihre Einbürgerungsurkunde erhalten – darunter 22 Briten.

Einer von ihnen ist Patrick Maskell. Der 52-Jährige lebt seit 1989 mit kurzen Unterbrechungen in Lüneburg. Nach Deutschland kamen er und seine zwei älteren Geschwister schon als Kind – weil sein Vater sich beruflich verändern wollte. 1971 zog der Starkstromelektriker aus der Grafschaft Kent nach Springe am Deister, nahm dort einen Job als Tankwart an. Wenige Monate später holte er seine Frau und seine drei Kinder nach.

Die Meldebestätigung aus Springe vom Oktober 1971 fiel Patrick Maskell im Zuge seiner Einbürgerung wieder in die Hände. „Eine Zeitlang haben meine Eltern mit dem Gedanken gespielt, nach England zurückzukehren, sind am Ende aber doch geblieben“, erinnert sich der 52-Jährige, der bei seiner Einbürgerungsfeier von seiner deutschen Frau Nicola sowie den beiden Kindern Madita (17) und Ben (13) begleitet wurde.

„Ein schwarzer Tag“

Für seine Eltern kam es nie infrage einen deutschen Pass zu beantragen – ebensowenig für Patrick Maskell. Bis zum 23. Juni 2016, dem Tag des Brexit-Referendum. Aus Sicht des Beraters eines Software-Unternehmens in Winsen „ein schwarzer Tag“. Der Tag, an dem die Unsicherheit begann. Am Ende wurde sie so groß, dass Maskell im vergangenen Herbst den Einbürgerungsantrag stellte. Ausschlaggebend waren die Worte einer befreundeten Spanierin, die diesen Schritt längst gegangen war: „Den Antrag zu stellen, bedeutet nicht, dass Du etwas verlierst, sondern dass Du etwas gewinnst“, sagte sie.

Und Patrick Maskell ließ sich überzeugen. Nach England zurückzukehren wie seine Schwester, kommt für ihn „überhaupt nicht infrage“. Er stellte den Antrag – und wird nun Deutscher. Seinen britischen Pass darf er behalten – und wird ihn vorzeigen: wenn er das nächste Mal als Deutscher nach England reist.

„Ich wurde nie wie eine Ausländerin behandelt“

Auch Caroline Roberts hat inzwischen einen deutschen Pass. Obwohl sie in Adendorf aufgewachsen und hier geboren ist, hat sie sich ihr Leben lang als Britin gefühlt. Vor 50 Jahren waren ihre Eltern aus England nach Lüneburg gekommen, in der Familie wurde englisch gesprochen, Roberts bezeichnet ihre Erziehung als britisch, „und der extrem bissige schwarze Humor, der funktioniert bei uns zuhause auch noch ganz gut“, sagt die Steuerberaterin schmunzelnd. Überlegungen, sich in Deutschland einbürgern zu lassen, gab es nie – bis der Brexit kam. „Ich wurde nie wie eine Ausländerin behandelt und dachte, dieser Schritt sei nicht nötig, weil ich Europäerin bin“, erzählt die Steuerberaterin. Mit dem Referendum änderte sich dieses Selbstverständnis, seit letztem September ist sie „Deutsche“. „Vor zwei Jahren wäre das für mich undenkbar gewesen, ich liebe das europäische Modell, damit bin ich groß geworden.“ Aber um weiterhin kommunalpolitisch aktiv sein zu können, muss Roberts EU-Bürgerin sein. „Ich sitze im Rat der Gemeinde Hittbergen, bin Nachrückerin für Karin-Ose Röckseisen im Samtgemeinderat Scharnebeck. Als Britin wäre das am 29. März dann von einem auf den anderen Tag vorbei gewesen.“ Darum muss sich Roberts nun als deutsche Staatsbürgerin keine Gedanken mehr machen.

Caroline Roberts mit ihren Eltern Rosemary und Jim und ihrem Bruder Pim bei der Einbürgerungsfeier im Lüneburger Glockenhaus. Foto: t&w
Caroline Roberts mit ihren Eltern Rosemary und Jim und ihrem Bruder Pim bei der Einbürgerungsfeier im Lüneburger Glockenhaus. Foto: t&w

Die auf rationalen Gründen fußende Entscheidung habe sie dann aber doch mehr berührt als erwartet, erzählt die 49-Jährige. „Bei der Einbürgerung bin ich in Tränen ausgebrochen. Sicherlich auch aus Rührung, aber ich habe zudem eine große Wehmut verspürt.“ Roberts ist nicht die erste in ihrer Familie, die diesen Weg geht, den Anfang machte ihr jüngster Bruder. Nun sind quasi auf den letzten Drücker auch ihr älterer Bruder und die Eltern deutsche Staatsbürger geworden: Während es ihren Geschwistern um das europäische Lebensgefühl und die Freizügigkeit geht, haben ihre Eltern Sorge, dass sie auch nach 50 Jahren in Deutschland noch ausgewiesen werden könnten. Insgesamt 72 Menschen erhielten gestern im Glockensaal ihre Einbürgerungsurkunde, neben der Familie Roberts 20 weitere Briten. Rosemary und Jim Roberts betrachten das Ganze nüchtern: „Wir fühlen uns seit Jahrzehnten wie Deutsche und sind hier heimischer als in England, deshalb ist es kein komisches Gefühl.“

Einbürgerung ein emotionaler Moment

Für ihre Tochter Caroline ist die Einbürgerung ihrer Familie emotionaler. „Mit mir macht das etwas“, sagt sie. Roberts hält den Brexit für eine ungeheure Dummheit, meint aber auch: „Die Briten ticken irgendwie anders, meinen alles an der EU sei schlecht. Wenn sie die Angebote, die man ihnen macht, nicht annehmen und unbedingt den harten Brexit haben wollen, dann sollen sie ihn bekommen.“ Roberts ist zuversichtlich, dass sich die Konsequenzen für Deutschland in Grenzen halten werden. „Ich bin sehr marktorientiert und denke, dass sich mit der Zeit alles regeln wird.“

Von Lea Schulze und Malte Lühr