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Stöteroggestraße
Bei dem roten Backsteinbau handelt es sich um eine Problemadresse. Weil die Gläubiger ihr Geld sehen wollen, soll das Haus zwangsversteigert werden. (Foto: t&w)

Von Ratten zerfressen

Lüneburg. Ratten haben Teile des Mobiliars zerfressen, Fetzen einer zerpflückten Bettdecke sind auf dem fleckigen Teppichboden verteilt, ebenso wie etliche rote Plastiktüten samt Inhalt. Möbel wurden umgeworfen, Scherben liegen auf dem Fußboden. Eines der vergitterten, schmalen Fenster steht auf Kipp, vermutlich schon seit Monaten. Lose Kabel hängen von der nicht einmal zwei Meter hohen Decke. Martin Müller, der 470 Euro für die Wohnung zahlt, in der er gerade so aufrecht stehen kann, erzählt, dass er diese so nicht verlassen habe. „Die Hälfte meiner Möbel wurde gestohlen.“

Um sein Hab und Gut einzusammeln, war er mit seiner Betreuerin in dem Haus Stöteroggestraße 2, in dem er jahrelang gewohnt hat. Ein zwei Minuten langes Video, das er mit dem Handy gedreht hat, dokumentiert den Zustand der Kellerwohnung. Der Lüneburger, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, war mehrere Monate auf Reisen, als er zurückkehrte, erfuhr er von Bekannten, dass das Ordnungsamt unter anderem das Kellergeschoss für unbewohnbar erklärt hatte (LZ berichtete). Außer ihn traf das auch zwei weitere Mieter.

200 Personen warten auf Kaution?

Überraschend kam das für Müller nicht, er war es, der auf die Wohnumstände und Machenschaften des Vermieters hingewiesen hatte. Weil er von insgesamt 200 Personen gehört haben will, die ihre Kaution von dem Immobilienkaufmann bislang nicht zurückerhalten haben, hatte er kürzlich mit seiner Betreuerin einen Anwalt aufgesucht. „Der hat nur den Namen gelesen und gesagt, dass der eh nicht zahlt. Das macht doch Mut. Wieso macht dem niemand Druck?“ Sein Anwalt habe dennoch ein Schreiben aufgesetzt. „Wir warten jetzt auf eine Antwort.“

Der Mann, der auf Anfragen der LZ seit Monaten nicht reagiert, ist kein Unbekannter: Wie berichtet, hat er auch in der Immobilie Auf dem Kauf 12 als Zimmervermittler fungiert. Offiziell war er der Hauptmieter. Falsche Größenangaben gegenüber dem Sozialamt und Jobcenter, horrende Mieten, Mehrfachbelegung – es sind nur einige Vorwürfe. Geräumt wurde das Haus letztlich wegen massiver Brandschutzmängel. Seit Mitte August steht es leer. Dass der Stadt nach wie vor weder ein Bauantrag noch ein Konzept für eine neue Nutzung vorliegt, bestätigt Sprecherin Suzanne Moenck.

Fünf Urteile liegen vor

Fünf junge Afghanen, die vor knapp zwei Jahren ausgezogen sind und noch immer auf ihre Kaution warten, hatten den Klageweg eingeschlagen. Inzwischen liegen alle fünf Urteile vor, für die Vollstreckung hat Jens-Uwe Thümer Prozesskostenhilfe beantragt. „Wenn diese bewilligt worden ist, wird der Gerichtsvollzieher losgeschickt“, sagt der Anwalt, der davon ausgeht, dass die Vollstreckung zwar erfolglos bleibt, der Mann dann aber seine finanziellen Verhältnisse offenlegen muss. „Danach kann über weitere Maßnahmen entschieden werden.“

In der Tat weist das Vollstreckungsregister neun Einträge für zwei Adressen auf: Stromversorger, Immobilienbüros, Projektmanager und eine Telekommunikationsfirma machen darin ihre Ansprüche geltend. Eine der betroffenen Personen erzählt, dass der Mann, der stets „unheimlich geschäftstüchtig“ gewirkt, nun Ärger mit dem Finanzamt habe. „Ich habe die Hoffnung aufgegeben, mein Geld jemals wiederzubekommen.“

Staatsanwaltschaft prüft mehrere Straftaten

Gegen den Unternehmer laufen Ermittlungen, die Polizei hatte infolge der Berichterstattung Anzeige erstattet und in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Untersuchungen eingeleitet. Pressesprecher Jan Christoph Hillmer bestätigt, „dass Bestandteil des hier geführten Ermittlungsverfahrens, das sich unter anderem auf Vorgänge bezüglich einer Immobilie ‚Auf dem Kauf’ bezieht, auch die Prüfung von Straftaten wegen nicht ordnungsgemäßer Anlage von Mietkautionen ist“. Geprüft werde auch, ob sich der Mann durch falsche Angaben gegenüber Sozialleistungsträgern des Betrugs schuldig gemacht hat. Konkrete Angaben zum Umfang möglicher Taten könnten nicht erfolgen, weil das Verfahren noch läuft.

Sein Haus in Adendorf soll er verkauft haben, aus den Immobilienportalen ist es verschwunden. Nachbarn erzählen, dass er darin noch wohnen soll – allerdings zur Miete. Gerüchten, er könnte sich in die Türkei abgesetzt haben, schiebt auch Hillmer einen Riegel vor. Hinweise darauf, dass er „unbekannten Aufenthalts“ ist, gäbe es nicht.

Zwangsversteigerung

Zweiter Termin steht fest

Am 4. Juni könnte das Problemhaus an der Stöteroggestraße zwangsversteigert werden – wenn das Geldinstitut, das dem Eigentümer einen Millionen-Kredit gewährt hat, dem Verfahren rechtzeitig beitritt. „Die Rechte der Bank bleiben dann nicht bestehen. Das Haus könnte für einen Preis unter dem Verkehrswert weggehen“, sagt Eckardt Fröhling. Einem Gutachten zufolge wird das Gebäude mit 300 000 Euro gehandelt.

Der Rechtspfleger hat den Termin jetzt festgelegt, weil das Finanzamt, das 170 000 Euro vom Hausbesitzer fordert, als betreibender Gläubiger die Fortsetzung des Verfahrens beantragt hat. Spätestens vier Wochen vor der Zwangsversteigerung müsste die Bank beigetreten sein, „sonst sind die Voraussetzungen genauso wie im September. Dann kauft das Haus niemand“. Weil an dem Haus Schulden hängen, gab es beim ersten Termin keine Gebote.

Von Anna Paarmann