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Der Finanzexperte Prof. Dr. Wolfgang Gerke. Foto: privat

„Die Risiken überwiegen“

Ist eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank eher eine Chance oder ein Risiko?
Prof. Dr. Wolfgang Gerke: Das Risiko überwiegt dramatisch die Chancen. Es g ibt eine lange Liste von Risiken und Problemen: So besteht die Gefahr, dass das Management mit einer Fusion überfordert ist. Das liegt nicht an der Qualität des Managements, sondern an der Größe der Aufgabe: Die Kulturen der beiden Banken müssten zusammengeführt werden. Die Probleme der Deutschen Bank bei der Integration der Postbank und die Probleme der Commerzbank bei der Restrukturierung der Dresdner Bank sind noch immer nicht gelöst. Damit man betriebswirtschaftliche Synergien voll nutzen kann, müssten Tausende Mitarbeiter freigesetzt werden. Zugleich müssten die verbleibenden Mitarbeiter bei der Stange gehalten werden.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz soll die Fusion angestoßen haben. Ist das nicht problematisch, weil der Bund zugleich Großaktionär der Commerzbank ist?
Gerade weil der Staat mit 15 Prozent an der Commerzbank beteiligt ist, hat er ein legitimes Interesse daran, dass die Zukunft dieser Commerzbank gesichert wird und der Steuerzahler nicht zu stark bluten muss. Die Vergangenheit hat aber insbesondere bei den Landesbanken gezeigt, dass Politiker nicht die besseren Banker sind. Daher sollte die betriebswirtschaftliche Sicht dominieren und nicht die politische.

Ist es aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht doch sinnvoller, eine Fusion anzustreben, weil Deutsche Bank und Commerzbank dann nicht mehr so stark wie bisher Übernahmekandidaten wären? Ein JP-Morgan-Analyst hatte die Commerzbank kürzlich als gute Partie bezeichnet.
Sicherlich ist die Commerzbank keine schlechte Partie. Aber Deutschland braucht effizient arbeitende Kreditinstitute und erst in zweiter Linie einen nationalen Champion. Für eine Fusion spräche zwar, dass sich im deutschen Bankgewerbe noch einiges ändern muss, weil es international noch nicht konkurrenzfähig ist. Ich halte es aber für wichtiger, die verkrusteten Strukturen zwischen den Sektoren Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Privatbanken endlich aufzubrechen. Die Landesbanken sollten durch Zusammenschlüsse konkurrenzfähiger gemacht werden. Mit Blick auf Deutsche Bank und Commerzbank sollten vor allem Kosten gesenkt werden durch Kooperationen im Backoffice-Bereich, also im IT-Bereich. Man sollte eine Zusammenarbeit mit den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen, die in diesem Bereich schon viel weiter sind, nicht scheuen. Das ist ein Gedankengang, den nur Betriebswirte aussprechen, denn die Politik sieht solche Kooperationen ganz anders.

Bei einer Fusion sind sehr viele Arbeitsplätze gefährdet. Die Schätzungen reichen von 20.000 bis 50.000. Welches Szenario ist Ihrer Ansicht nach realistisch?
20.000 Mitarbeiter könnten die Grenze für die politische Durchsetzbarkeit der Fusion sein. Das halte ich aber für zu wenig. Die Umstrukturierung, die beide Institute im Fall einer Fusion durchlaufen müssen, wäre aus betriebswirtschaftlicher Sicht nur sinnvoll, wenn man 40.000 Mitarbeiter freisetzt. Das ist ein Kahlschlag, den man fast nicht verantworten kann. Ein Kahlschlag, der auch für große Unruhe in den betroffenen Banken sorgen und sicherlich auch dazu führen würde, dass sich viele Kunden verabschieden und sich ein neues Kreditinstitut suchen.

Eine größere Bank kann auch ein größeres Risiko bedeuten. Woher könnte denn der Anstoß im Finanzministerium gekommen sein?
Ich glaube, dass das Finanzministerium ein positiveres Fusions-Szenario sieht als aus meiner Sicht vertretbar wäre. Es erhofft sich einen nationalen Champion. Gegen einen solchen Champion ist im Grunde nichts einzuwenden. Er muss dann aber hoch profitabel sein. Und genau da bestehen meine Zweifel. Nach der Finanzkrise gab es die politische Forderung, Banken kleiner zu machen oder zu zerschlagen, um das systemische Risiko für den Steuerzahler zu minimieren. Wenn sich heute die Politik zum Steigbügelhalter einer Großfusion aufschwingt, ist das alles andere als stimmig.

Sind die Banken heute sicherer als vor zehn Jahren?
Die Banken sind sicherer. Das ist auf die stärkere Reglementierung zurückzuführen. Die Banken werden qualitativ wesentlich sachkundiger kontrolliert. Sie müssen deutlich strengere Regeln einhalten. Dennoch schließen all diese Regeln nicht aus, dass es Unfälle gibt. Trotz Kontrollen sind zum Beispiel im Bereich Geldwäsche Dinge passiert, die man eigentlich vorher hätte sehen müssen.

Die Deutsche Bank hat drei Jahre hintereinander Verluste eingefahren. Ihr Börsenwert liegt derzeit bei rund 17 Milliarden Euro, US-Banken sind 10- bis 20mal so viel wert. Warum ist die Deutsche Bank nicht aus der Krise gekommen?
Die Deutsche Bank hat viele Altlasten vor sich hergetragen und diese nicht so geschickt abgearbeitet wie andere Institute. Hinzu kommt ein weiterer Managementfehler: Obwohl die Chance dazu bestand, ist es ihr nicht gelungen, aus der Postbank durch entsprechende Integration ein hochrentables Institut zu machen. Ein Beleg dafür, dass man die Probleme der Deutschen Bank nicht auf ungünstige Rahmenbedingungen zurückführen kann, ist die Tatsache, dass andere Institute in einem boomenden Land wie Deutschland gute Geschäfte gemacht haben.

Sind sie unter dem Strich eher gegen Großbanken und für eine mittlere Banken?
Nein. Ich glaube schon, dass wir auch große Institute brauchen, die international agieren und die auch kostensparend arbeiten können. Aber Kosten können gerade auch dort gespart werden, wo es für den Kunden nicht sichtbar ist: Man kann an der Kundenfront getrennt marschieren, aber im Backoffice-Bereich zusammenarbeiten.

Von Werner Kolbe

Zur Person

Ein bekannter Experte

Professor Dr. Wolfgang Gerke , geboren am 3. Februar 1944 in Cuxhaven, ist seit 2006 Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums in München sowie seit 2008 Honorarprofessor an der European Business School EBS. Sein Rat ist gefagt, er ist seit Jahren immer wieder in Interviews oder Gesprächsrunden im TV zu sehen.

Nach dem Studium in Saarbrücken, Promotion (1972) und Habilitation (1978) an der Universität Frankfurt, war Gerke Ordinarius für Bank- und Börsenwesen an den Universitäten Passau (1978-1981), Mannheim (1981-1992) sowie Erlangen-Nürnberg (1992-2006) und wissenschaftlicher Leiter der Frankfurt School of Finance & Management/ Bankakademie/ HfB (1998-2008). Er erhielt außerdem Rufe an die Universitäten Saarbrücken, Linz, Münster und Frankfurt.

Seine Forschungs- und Veröffentlichungsschwerpunkte liegen auf den Gebieten des Geld-, Bank- und Börsenwesens, der Altersvorsorge und der Mittelstandsforschung.