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Das Ersatzteil für die kaputte Schranke in Lemgrabe lässt weiter auf sich warten. Deshalb wird die Anlage weiterhin per Hand gesteuert. Foto: kre

Die Schranke in die Vergangenheit

Lemgrabe. Es ist der derzeit wohl ungewöhnlichste Arbeitsplatz im Landkreis Lüneburg: Ein weißer Container – ausgestattet mit einer Arbeitsplatte und zwei Sitzgelegenheiten. Das mobile Büro steht seit Anfang des Jahres in Lemgrabe – direkt am Bahnübergang. Für Markus Meyer* ist der karg eingerichtete Raum Büro, Küche und Aufenthaltsraum zugleich. Acht Stunden täglich, von 14 bis 22 Uhr, versieht er hier seinen Dienst. Als sogenannter „Bediener und Monteur TH-BÜB“. Die Abkürzung steht für „Technisches Hilfsmittel Bahnübergangsposten“. Seine Aufgabe: das manuelle Öffnen und Schließen der Schranke am Bahnübergang in Lemgrabe.

Brummender Generator nervt Anwohner

Denn die eigentliche Bahnschranke war am 4. Dezember vergangenen Jahres bei einem Unfall von einem Lkw beschädigt worden (LZ berichtete). Dass bis zum heutigen Tag das kaputte Teil noch nicht ersetzt werden konnte, begründet Bahn-Pressesprecherin Sabine Brunkhorst damit, dass der defekte Schrankenbaum noch nicht lieferbar sei. Seitdem also sorgt eine Hilfskonstruktion für Sicherheit am Bahnübergang in Lemgrabe.

Zehn Züge am Tag

Auch wenn das nicht jedem gefällt: Bereits im Januar berichtete die LZ über einen Anwohner, der sich genervt zeigte von dem Lärm eines Stromgenerators, den die Sicherungsposten laufen lassen müssen, um Strom zu produzieren – unter anderem für das Aufladen des Diensthandys, über das die Züge vom Fahrdienstleiter angemeldet werden.

Zehn Züge in 24 Stunden verkehren auf der Strecke Lüneburg-Dannenberg. Fünf davon in der Acht-Stunden-Schicht von Markus Meyer. Das heißt, fünfmal muss der 49-Jährige am provisorischen Schaltpult die Schranke schließen und wieder öffnen. Die anderen fünf Züge fahren in der Schichtzeit seines Kollegen. Fünf Züge in acht Stunden – das klingt für die meisten nach einem unfassbar langweiligen und eintönigen Job. Und in der Tat sitzt Markus Meyer die meiste Zeit in seinem Container mit Blick auf Schranke und Straße – und hat viel Zeit zum Nachdenken: Über sich, über die Pkw-Fahrer, die täglich an ihm vorbeirauschen, über das Leben.

Ein Job, der für Sicherheit sorgt

„Mit der Presse darf ich eigentlich gar nicht sprechen, das steht bei mir so im Arbeitsvertrag“, sagt Meyer, der seinen richtigen Namen deshalb in der Zeitung auch nicht lesen und auch nicht fotografiert werden möchte. Schade, denn Meyer ist von dem, was er tut, überzeugt – und das sagt er auch: „Wir sorgen mit unserer Arbeit dafür, dass die Menschen sicher unterwegs sind“, sagt der 49-Jährige – wohlwissend, dass das nicht alle so sehen: „Wenn vom Fahrdienstleiter der Bahn per Mobiltelefon ein Zug angekündigt wird und Meyer die Schranke runterlässt, muss er sich auch schon mal unflätige Worte anhören. „Die Leute haben ja heutzutage alle keine Zeit mehr“, beobachtet der 49-jährige. Da werde um jede Sekunde gekämpft. Meyer beeindruckt das aber nicht. „Wenn wir da nicht stehen, meckern die wahrscheinlich den Schrankenbaum an,“ mutmaßt schmunzelnd der 49-Jährige, um dann wieder ernst zu werden: „Eine Kollision mit einem Zug will ich niemanden wünschen“, sagt er. Und wer so einen Unfall schon mal gesehen habe, der werde seine Arbeit und die seiner Kollegen mit ganz anderen Augen beurteilen: „Wir sorgen für Sicherheit“, sagt Meyer. Dafür sei er geschult – als Bediener und Monteur TH-BÜB.

Und solange das Bauteil für die kaputte Schranke auf sich warten lässt, so lange werden er und seine Kollegen die provisorische Schranke per Hand steuern. Bis Ende April auf jeden Fall. Das weiß Meyer bereits. Was sein Einsatz und der seiner Kollegen kostet, will die Bahn auf LZ-Anfrage nicht verraten: „Wir bitten um Verständnis, dass wir zu den Kosten keine Angaben machen können. Aber die Sicherheit hat oberste Priorität“, heißt es lapidar aus der Kommunikationszentrale der Bahn.
(*Name geändert)

Von Klaus Reschke