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Alla Gorbanow (l.) hat schon in ihrer alten Heimat das Schneidern gelernt und steckt voller Ideen. Mit Leiterin Inge Peterson entstehen aus gebrauchten Sachen neue. (Foto: t&w)

Alt kann ganz schön neu aussehen

Lüneburg. Der ehemalige Landessuperintendent Hans-Hermann bringt gerade ausrangierte Vorhänge in den Kleiderkeller. Es muss eine Ewigkeit her sein, dass sie modern waren. Doch Leiterin Inge Peterson und Schneiderin Alla Gorbanow haben einen anderen Blick darauf, die beiden sind sich einig, daraus könnten sie originelle Taschen machen. Très chic.

Damit liegen die Frauen im Trend: Alte Sachen nutzen, um sie weiter zu verwenden. Stichwort ist der ansonsten arg strapazierte Begriff Nachhaltigkeit. Die Stiftung „Diakonie – Ich mache mit“ hat dem Kleiderkeller im Haus der Kirche Nähmaschinen spendiert, mit denen sie dem Prinzip „Aus Alt mach Neu“ folgen. Durchaus mit Witz, wie sich schnell bei einem Besuch zeigt. Wer An den Reeperbahnen ein paar Stufen hinabsteigt, hat das Gefühl, er kommt in ein kleines Kaufhaus. Hemden, Blusen, Jacken, Mäntel, Hosen, Baby- und Kinderkleidung – alles gebraucht, aber gepflegt. Doch die fünf Ehrenamtlichen um Inge Peterson haben nun ein Problem.

Angefangen hat alles 1947. Als die Kirche die Kleiderkammer damals eröffnete, herrschte bittere Not. Der Zweite Weltkrieg war gerade zu Ende, Schmalhans Küchenmeister, die Geschäfte waren leer. Selbst wer Bares besaß, und das waren wenige, konnte sich nur mit Mühe ein Kleid, einen Anzug oder eine Büx für die Kinder kaufen. 1988 übernahm Inge Peterson den „Keller“ der Evangelischen Mütterhilfe von alten Damen, die ehrenamtlich gearbeitet hatten. Vor drei Jahren ging Inge Peterson eigentlich in den Ruhestand. Eigentlich. Sie machte weiter mit einer simplen Begründung: „Es macht Spaß.“

Ohne Spenden geht nichts

Allerdings kommen weniger Kunden: Mehrere Organisationen bieten in der Stadt und inzwischen auch auf dem Land gebrauchte Kleidung für kleines Geld an. Dazu kommen zig Ketten, in denen Klamotten für ein paar Euro zu haben sind. Wegwerfmode. Eben deshalb möchte Inge Peterson auf ihren Laden aufmerksam machen. Und auf das Angebot, individuelle Kleidung zu erhalten. Neben Alla Gorbanow will sie weitere Schneiderinnen gewinnen, die mit Nadel und Faden Unikate zaubern.

Beispiele haben die Frauen einige: Ein Rock ist aus einer Tischdecke und einer Jeans entstanden und ginge glatt als „In-Teil“ durch, aber auch Taschen, Windeltaschen für junge Familien und Patchworkdecken stapeln sich in den Regalen. „Was wir haben, ist etwas für Jung und Alt“, sagt Inge Peterson. Sie denkt dabei unter anderem an Studentinnen, die an der Uni Nachhaltigkeit studieren. In dieser Klientel sieht sie überdies möglichen Nachwuchs: „Wir können Verstärkung gebrauchen.“

Das Team ist auf Spenden angewiesen, dabei aber wählerisch. Daher nimmt sie nicht alles an: „Das Kleid von der Oma oder den Anzug des Großvaters will auch von unseren Kunden kaum jemand haben.“ Kleidung habe immer etwas mit Mode zu tun, das kenne man von sich selbst.

Die Crew des Kleiderkellers möchte sich und das Angebot gern vorstellen. Am Freitag und Sonnabend, 4. und 5. April, lädt man von jeweils 10 bis 18 Uhr zu einem Tag der offenen Tür ein. Regulär geöffnet ist montags von 9 bis 12 und donnerstags von 16 bis 18 Uhr.

Von Carlo Eggeling