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Matthias Meyn aus Scharmbeck sucht mit seinem Detektor nach historisch Wertvollem im Bardowicker Boden. Foto: phs

Sondengänger im Altdorf

Bardowick. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären die Geisterjäger aus der 1980er-Jahre-Komödie „Ghostbusters“ in Bardowick unterwegs. Bei genauerem Hinsehen wird aber klar: Es sind Sondengänger. Männer in schwarzen oder tarngefleckten Arbeitsanzügen, Mützen auf den Häuptern, Kopfhörer auf den Ohren, GPS- und Grabungsgeräte am Gürtel, untersuchen mit Detektoren die zerklüftete Fläche an der Bäckerstraße. Noch vor etwas mehr als einer Woche stand dort ein Bauernhaus aus dem späten 19. Jahrhundert. Es wurde abgerissen, um Platz zu schaffen für einen Wohnpark, der auf der gesamten, rund 8600 Quadratmeter großen einstigen landwirtschaftlichen Fläche entstehen wird. Die acht Männer unterstützen den Bezirksarchäologen Dr. Mario Pahlow. Sie durchsuchen den historisch wertvollen Untergrund im Altdorf und hoffen, Überbleibsel aus der Bardowicker Geschichte zu Tage zu fördern.

„Die Sondengänger sind sehr erfahrene Leute und haben viel Ahnung von ihrem Hobby. Sie sind für uns Archäologen eine große Hilfe und zum Teil echte Spezialisten für bestimmte Funde“, sagt Mario Pahlow. Mit ihren Detektoren können sie in rund 30 Zentimetern Tiefe Gegenstände aufspüren: einige Münzen, Kleingeld aus der Neuzeit ab dem 17. Jahrhundert, eine Fibel, eine bronzene Gewandspange aus dem 10. Jahrhundert, ein kleines Glöckchen und den Ring einer Cola-Dose aus den 1980-er Jahren finden sie an diesem Tag.

Frühmittelalterliche Gewandspangen

„Wir haben hier aber auch schon besonders alte Funde gemacht. Immerhin ist dieser Bereich die Keimzelle Bardowicks. Ein sehr früher Siedlungsbereich aus dem 8. und 9. Jahrhundert befindet sich an dieser Stelle“, so der Bezirksarchäologe. Frühmittelalterliche Gewandspangen, Keramikscherben slawischen Ursprungs und große Mengen an Tierknochen hat der Boden bei Grabungen im vergangenen Jahr freigegeben.

„Slawisches Material ist in Bardowick bislang selten gewesen. Die Funde deuten möglicherweise auf eine Siedlung oder einen Handelsplatz der Slawen hin. Aber das ist noch Spekulation“, meint Pahlow. Klarer scheint zu sein, so der Wissenschaftler, dass dieser Bereich in der frühmittelalterlichen Stadt intensiv genutzt wurde – und es wahnsinnig gestunken hat.

„Die große Menge an Tierknochen ist momentan noch Grundlage, das Areal als Gebiet zu deuten, in dem Gerber Leder hergestellt haben und Knochen verarbeitet wurden, möglicherweise von Hirschen, die Slawen geliefert hatten.“ Im heutigen Sprachjargon wäre es ein Gewerbegebiet. „Mit Lage am Ortsrand zur Ilmenau hin, damit der Gestank hinaus zieht in unbesiedeltes Gebiet. Denn in der Gerberei wurde viel mit geruchsintensivem Urin gearbeitet.“
Funde aus der langen Tradition des Gemüseanbaus finden die Sondengänger auf dem alten Bauernhof hingegen kaum. Mal hier einen Nagel, mal dort ein paar Treckerschrauben. Mehr nicht. „Landwirt Kalle Gehrke hat uns einen sauberen Acker hinterlassen“, lobt Archäologe Pahlow lachend.

Einmalgrills, Kronkorken und Dosenringe

Dass der Acker bei ihrem aktuellen Einsatz nicht allzu viel historisch Wertvolles freigibt, stört die Sondengänger nicht. „In Bardowick suchen zu dürfen, ist schon besonders. Der Ort ist immerhin die archäologische Stätte überhaupt in der Region“, meint Stefan Schreiber aus Stöckte. Ohnehin seien er und die Kollegen es gewohnt, dass sie zu 99 Prozent Müll aus dem Boden sammeln: Einmalgrills, Kronkorken und Dosenringe. „Dennoch bleibt die Hoffnung, doch mal einen Schatz zu finden – auch wenn es natürlich utopisch ist“, sagt Schreiber, der schon Archäologen mit dem Detektor bei Grabungen am Drager Elbdeich und mit der Maurerkelle am abgebrannten historischen Josthof in Salzhausen ehrenamtlich unterstützt hat.

Auch Michael Kiese aus Lüneburg macht gerne mit. „Es macht Spaß, dass unsere Funde dazu beitragen, ein Gesamtbild zu zeichnen, wie das Leben bei uns in der Region vor Jahrtausenden war“, so der Lüneburger.

Von Stefan Bohlmann