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Heidi Böhm steht an den Handkonterzügen im Off der Bühne mit ihrem Requisit, einem Teller Spaghetti für den Tenor. Foto: t&w

Die Dame aus dem Schattenreich

Lüneburg. Die Spaghetti haben ihren Auftritt im „Rosenkavalier“ in Minute 35. Al dente versteht sich und mit zerlassener französischer Butter, sonst flutschen sie nicht im Schlund von Karl Schneider. Und eine trockene Kehle wäre fatal für den Tenor.

Requisiteurin Heidi Böhm steht in den Katakomben des Lüneburger Theaters am Kochtopf und wirft die Spaghetti ins kochende Wasser. Noch 30 Minuten bis zum Auftritt. „Es gibt nur diesen einen Moment, keine Wiederholungen wie in einer TV-Produktion. Das liebe ich am Theater, das Einmalige.“ Wenn sie zum Beispiel bei „Bonnie & Clyde“ genau auf die Handbewegung des Schauspielers die Schüsse mit ihrem 6mm-Schreckschussrevolver abfeuere. Oder heute die Spaghetti al dente, punktgenau, aber bitte nur lauwarm am Bühnenrand anreiche. „Noch acht Minuten bis zum Spaghetti“, kommt über Lautsprecher der Einruf der Inspizientin Heidrun Kugel.

Jedes Glas, jeder Teller hat seine Zeit

Vorm Abstecher in die Küche, kurz bevor sich der Vorhang für den ersten Akt der Oper hebt, hat Heidi Böhm ihren Requisitenwagen links an der Bühne gecheckt. Vier Kronleuchter, sechs Flaschen, eine silberne Rose im Futteral, zwei Sektgläser, zwei Weingläser mit Karaffe, drei Tokajergläser, Mappen, Tablett, Tischdecke, Serviette groß, zwei klein, Besteck, Teller. Auch rechts neben der Bühne steht ein Tisch mit Spielgeld, Arzttasche, Nudelzange, Wäsche, Rose, Opernglas. Mit einer Kollegin bezieht sie noch das überdimensionale Lotterbett, platziert einen Degen auf dem Kopfkissen. Jedes Requisit hat seinen Zeitpunkt auf der Bühne, und Heidi Böhm ist zur Stelle. Wenn dann kurz der Bühnenscheinwerfer ins Off strahlt, sie Spaghetti, Leuchter oder Gläser reicht, „Schauspieler mögen lieber Tee, Sänger Apfelsaft mit Wasser als Weinersatz“, dann blitzt ihr stylisch gefärberter graublonder Kurzhaarschnitt geradezu.

Der Zuschauer taucht nur in die Illusion auf der Bühne ein, wenn im Halbdunkel des Schattenreiches dahinter, von dem er nichts hört noch sieht, das Timing für jeden Handgriff stimmt. Geführt von der Inspizientin arbeiten Requisite, Licht, Ton, Maske, Regie-Assistent bis hin zur Reinemachefrau schlafwandlerisch im Takt des Stückes.

Wie produziert man Kunst-Elefantenkot

Tage zuvor, beim ersten Besuch in Böhms Theaterwerkstatt, produziert sie für das Stück „Glaube, Liebe, Hoffnung“ gerade Elefantenkot, der beim Werfen auf den Boden ein schöner Flatschen wird. Heidi Böhm mischt Blumenerde, Katzenstreu, Heu „und ein bisschen mehr“. Wurftest. Perfekt. Sie schaut auf die Leuchtreklame in der Requisite, darauf steht nur ein Wort: „Lösungsorientiert“. Dann packt sie den Kunstkot in einen Gefrierbeutel, bestäubt ihn mit Wasser, konserviert so die Elastizität des unappetitlichen Klumpens.

Heidi Böhm checkt noch einmal ihren Requisitenwagen für den Rosenkavalier durch. Foto: jj

Heidi Böhm schaltet ihren Radar nie ab. In jedem Gegenstand erkennt sie immer auch, was er auf der Bühne noch sein könnte. Und dann verliebt sie sich. Aus dem Urlaub in Schweden bringt die 32-Jährige Gläser aus Acryl mit, die wirklich wie die aus Glas aussehen und sich auch so anfühlen und jede Orgie auf der Bühne heil durchstehen. Oder der Emaille-Eimer vom heimischen Hof in der Ecke ihrer Werkstatt. Sie hebt ihn kurz an, setzt ihn ab. „Klong.“ ­­– „Dieser Klang, da ist meine Kindheit in der Altmark zurück.“ Böhm ist in Osterburg aufgewachsen und eine klassische Quereinsteigerin, hat in Stendal Grafikdesign gelernt, dort am Theater nachgefragt und wurde ins kalte Wasser geschmissen. „Der Requisiteur hatte Rücken.“ Und sie brannte lichterloh.

Die Metamorphose der Requisiten

Extrawünsche sind seither ihr täglich Brot. So dreht sie Kunstastern mit Mühe wieder den Kopf ab, den sie gerade bombenfest angeklebt hat. Denn Tülin Pektas rupft in „Glaube, Liebe, Hoffnung“ in ihrer Verzweiflung nicht Blütenblätter, wie Böhm bedeutet wurde, sondern reißt eben doch die Köpfe ab. Und damit die Szene nicht zum Kraftakt und das Drama zum Slapstick wird, werden die Astern halt neu präpariert.

„Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg“, frotzelt Böhm und berlinert dabei hörbar. Es ist wie immer: Von der ersten Besprechung bis zur Hauptprobe durchlaufen die Requisiten im Stück regelmäßig eine atemraubende Metamorphose. Und deswegen auch haben die Rosenkavalier-Leuchter E-Kerzen, deren Flamme täuschend echt züngeln muss.

In der Tür steht schon der nächste Wunsch: „Sach mal Heidi, hast du noch ‚ne Rettungsdecke, am besten drei, vier“. Heidi Böhm taucht ab zwischen Regalen, die überquellen von Devotionalien alter Inszenierungen: Pokale im Dutzend, Leuchter-Phalanxen, von der Decke baumeln Federvieh und eine Monsterspinne neben Lampen-Allerlei und einem kleinen silbernen Doppeldecker. Pilotenbrillen, Sonnenbrillen, Lesebrillen, Monokel, Schweißerbrillen, Feldermausbrillen – alles in Tupperdosen archiviert, daneben hängt eine aufgeschlitzte Reh-Attrappe. Kästen voller Schrauben, Kleber, Farbe. Trödelladen mit Werkstatt-Atmo. Für Böhm lauter Schätze. Aber Rettungsdecken? Fehlanzeige. „Besorgen wir.“

Nur ein „schlankes“ Salär

Theater sei nichts für Leute, die viele Freunde haben wollen. Wenn andere Feierabend hätten, hebe sich erst der Vorhang. Es ist die Liebe fürs Theater, bei Böhm speziell für die Requisite. „Ich mach‘ das sicher nicht wegen des schlanken Gehalts, damit muss man in Lüneburg erst mal zurechtkommen.“ Böhm lebt in einer WG. Nein, es ist der Reiz des Unerwarteten, des Erfindens, des immer Neuen. Und das kleine Theater Lüneburg ist auch Familie. Da ist wenig Raum für Starallüren, aber viel Platz für Improvisation und Tausendsassa.

Die Requisitenwerkstatt von Heidi Böhm quillt geradezu über von Schätzen. Seit 13 Jahren erfüllt sie für die Stücke jeden Extrawunsch. Foto: t&w

Kurz bevor der Vorhang für den Rosenkavalier aufzieht, bügelt Dirigent Thomas Dorsch noch schnell sein Hemd in der Garderobe auf, während des Stücks spurtet Chordirektor Phillip Barczewski von der Bühne, wo er für ein paar Takte einen Chor im Off dirigiert, durch den langen Garderobengang in den Orchestergraben, um sich an die Celesta zu setzen, sieht aus wie ein kleines Klavier, erzeugt aber einen sphärischen Glöckchenklang. „60 Sekunden hab‘ ich Zeit.“ Nicht Sport, sondern Bühnendienst heißt das.

Die Oper geht nach viel Verwirrspiel und mehr als drei Stunden auf die Happy-End-Zielgerade. Heidi Böhm wirft als letztes Requisit Unterwäsche auf die Bühne. Doch die Minute der Wahrheit wartet im Halbdunkel dahinter: An eine Deko gelehnt, verschlingt der Italiener Andrea Marchetti aus dem Hauschor mit Genuss die Reste ihrer Bühnen-Spaghetti. Qualitätstest bestanden, Böhm strahlt.

Von Hans-Herbert Jenckel

Zahlen, Daten, Fakten

Theater Lüneburg

▶ Rund 200 Mitarbeiter auf und hinter der Bühne
▶ Rund 9,5 Millionen Euro Jahresbudget
▶ 542 Sitzplätze Gr. Haus
▶ Mehr als 112 000 Gäste in der Saison 2017/18
▶ 10 feste Schauspieler/innen plus Gäste
▶ 5 Sänger/innen + Gäste, Chor (10), Ballett (10), Orchester (29) + Aushilfen

Nächste Vorstellungen Rosenkavalier
07.04. – 18 Uhr / 13.04. – 19 Uhr / 03.05. – 19.30 Uhr / 08.05. – 19.30 Uhr / 17.05. – 19.30 Uhr
Einführung 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.