Donnerstag , 19. September 2019
Aktuell
Home | Lokales | Häuser abreißen oder neue Trasse?
Noch schützt eine Lärmschutzwand die Anwohner der Wiesenstraße vor Bahnlärm. Doch bei einem vierten Gleis droht der Abriss einiger Wohnhäuser. Foto: t&w

Häuser abreißen oder neue Trasse?

Lüneburg. Es klingt so einfach und steckt doch voller Probleme: das Bemühen, mehr Personenverkehr auf die Schiene zu bekommen. Das wurde jetzt auch bei der Diskussion um einen Antrag der Jamaika-Gruppe im Rat der Stadt deutlich. Zwar folgten letztlich nahezu alle Fraktionen der Antragsforderung, wonach die Stadt sich für den Ausbau der Infrastruktur für den Personenschienenverkehr und eine Verringerung der Folgen des wachsenden Güterverkehrs einsetzen soll. Doch bei der Frage, wie dieses Ziel erreicht werden soll, gingen die Positionen weit auseinander. Vor allem eine Äußerung sorgte im Rat für Erstaunen.

Anzahl der Züge könnte auf über 600 pro Tag steigen

„Es wird nicht das erste Mal sein, das haben wir schon mal gemacht“, ließ Claudia Schmidt (Grüne) als eine der drei Antragsteller den verdutzten Rat wissen. Sie ging damit auf die Sorge der Verwaltung ein, wonach eine Erweiterung der Bahnstrecke Hamburg – Lüneburg um ein viertes Gleis massive Auswirkungen für einige Anwohner zur Folge haben könnte, nämlich den Abriss ihrer Häuser. Schmidt beeindruckte das jedoch wenig, sie forderte: „Wir müssen weg von dieser Drohkulisse und größer denken.“

Doch die meisten der Angesprochenen wollten dem Appell der Grünen, die sich zuvor für eine deutliche Verbesserung der Personenschienenverkehrs zugunsten der Pendler ausgesprochen und sich dabei auch auf entsprechende Ziele der Bundesregierung zum Schutz des Klimas bezogen hatte, nicht folgen. Denn während Schmidt den Blick vornehmlich auf die Vorteile des Personenverkehr richtete, schloss sich ein Großteil der Ratsmitglieder der Befürchtung der Verwaltung an: die mit einem Ausbau der Bahntrassen verbundenen Probleme durch eine deutliche Zunahme des Güterverkehrs.

150 Zügen pro Tag im Jahr 2016

Entsprechend bedrohlich sah das Szenario, das Stadtrat Markus Moßmann in der Sitzung auf den Monitor projizierte, denn auch aus: Während die Belastung der Stadt durch Güterzüge laut Bahn im Jahr 2016 noch bei 150 Zügen pro Tag lag, stiege sie gemäß aktueller Prognosen für das Jahr 2030 auf 385 Züge. Unter Einberechnung sämtlicher Personenzüge ergäben sich für das Jahr 2030 hinaus mehr als 600 Zugbewegungen pro Tag.

Dass diese Entwicklung nicht ohne Auswirkungen auf die Infrastruktur des Bahnknotenpunkts Lüneburg bliebe, machte Moßmann ebenfalls deutlich. Dabei trat er auch Überlegungen der Metronom Eisenbahngesellschaft entgegen, die ein viertes Gleis zwischen Hamburg und Lüneburg fordert. Da dafür ein Überführungsbauwerk nördlich des Bahnhofs im Bereich des Klosters Lüne erforderlich wäre, müssten auf einem Abschnitt von 170 Metern Wohngebäude in der Wiesenstraße in der Goseburg komplett abgerissen werden – „ein Eingriff, den selbst die Bahn für nicht machbar hält“, wie Moßmann erklärte.

Bei vielen Ratsmitgliedern blieb dieses Szenario nicht ohne Wirkung. „Wir dürfen in Lüneburg kein Chaos anrichten“, warnte Dr. Gerhard Scharf (CDU), der sich der Forderung der Verwaltung nach einer neuen Bahntrasse entlang der A7 anschloss, um den zusätzlichen Güterverkehr von der Stadt fern- und die Strecke für mehr Personenverkehr freizuhalten. Und statt der Übernahme der Empfehlungen des Dialogforums Schiene Nord – „dieses Forum ist demokratisch nicht legitimiert“ – müsse ein Planfeststellungsverfahren durchgeführt werden, bei dem die Stadt ihre Bedenken einbringen kann.

„Wir haben es verpennt!“

„Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen“, erklärte Christoph Podstawa (Linke). Nicht die Bahn, sondern der zunehmende Auto- und Lkw-Verkehr sei das Problem. Dieser gehöre auf die Schiene, deshalb unterstütze seine Fraktion den Antrag.

Einen großen verkehrspolitischen Bogen spannte Jens-Peter Schultz (SPD) mit seinem Hinweis: „Wir haben es verpennt!“ Die heutigen Probleme hätte man bereits vor 30 Jahren anpacken müssen, so lange dauere es erfahrungsgemäß, größere Infrastrukturprojekte umzusetzen. Er sprach sich für einen Vorrang des Personenverkehrs gegenüber dem Güterverkehr aus, „beides geht nicht“.

Dass die Situation „kompliziert“ sei, machte auch Frank Soldan (FDP) deutlich: „Eine eierlegende Wollmilchsau werden wir nicht bekommen.“ Das zeige schon die Diskussion um die Ortsumfahrung, „denn auch hier stellt sich die Frage: wo soll sie beginnen?“ Er stellte klar: „Wir stehen unverändert zur Entscheidung des Verwaltungsausschusses“ – also der Position, die auch die Verwaltung vertritt.

„Weißer Salbe“ der Politik nicht länger folgen

Aus Sicht von Ulrich Löb (Grüne) habe die Verwaltung hingegen für „mehr Nebel als Klarheit“ gesorgt. Er warnte mit Blick auf die vielen Pendler, nicht noch länger zu warten. Entscheidend sei auch nicht, „wie viele Güterzüge fahren, sondern wieviel Lärm erzeugt wird.“ Wenn diese mehr, aber zugleich leiser würden, bliebe der Lärm derselbe.

„Auch mich treibt um, dass die Pendler nicht nach Hamburg kommen“, sagte Oberbürgermeister Ulrich Mädge. Doch der „weißen Salbe“, die von der Politik vor den Landtagswahlen 2016 in Form des Dialogforums Schiene Nord verteilt wurde, dürfe man nicht länger folgen. Er sei gespannt, wie die Pläne der Bahn für die Ortsumfahrung von Lüneburg aussehen, die die Bahn demnächst vorstellen will.

Trotz der zum Teil deutlich unterschiedlichen Positionen stimmten letztlich alle Fraktionen bei Enthaltung der AfD für den Antrag, mit dem die Vertreter der Stadt sich „in allen Foren, in denen sie vertreten sind“, für mehr Personenverkehr auf der Schiene und die Minimierung der Folgen des Güterverkehrs einsetzen sollen.

Von Ulf Stüwe