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Ohne Feuerwehr geht es nicht. Doch nicht immer ist sie so schnell am Ziel, wie es die Norm vorgibt. Foto: Michael Behns

„Nicht fristgerecht erreichbar“

Lüneburg. „Die Lüneburger Feuerwehr ist überaus motiviert und leistungsfähig.“ Den Ausschussmitgliedern, vor allem aber den Feuerwehrleuten, die zur jüngsten Sitzung des Feuerwehrausschusses gekommen waren, tat diese Feststellung spürbar gut. Doch das war nur die eine Botschaft, die Carsten Kreitz, Projektbearbeiter der Firma Forplan, den Anwesenden mitgebracht hatte. Denn im Gepäck hatte er auch den langersehnten Entwurf für das „Gutachten zur Struktur und Leistungsfähigkeit der Feuerwehr“ – ein Papier, das neben der Notwendigkeit einer dritten Wache auch unbequeme Wahrheiten ans Licht gefördert hat.

Das Ziel: In acht Minuten erreichbar

„Ein großer Teil des Stadtgebiets ist nicht fristgerecht erreichbar“, ließ Gutachter Kreitz die erstaunten Ausschussmitglieder wissen. Danach werden nur 44,6 Prozent der bebauten Fläche Lüneburgs innerhalb von acht Minuten – sie geben den „anzustrebenden Schutzzielerreichungsgrad“ als Maßstab für die uneingeschränkte Leistungsfähigkeit einer Freiwilligen Feuerwehr an – erreicht. In der übrigen Zeit sind es sogar nur 21,1 Prozent.

Statt 80 Prozent werden nur 23,3 geschafft

Noch drastischer fällt die Diskrepanz zwischen Soll und Ist beim Blick auf die zeitliche Dimension aus. Während laut Vorgabe die ersten Einsatzkräfte ihr Ziel nach Alarmierung in 80 Prozent der Fälle innerhalb von acht Minuten erreicht haben sollen, bringt es die Lüneburger Feuerwehr laut Gutachten lediglich auf 23,3 Prozent. Und selbst nach zwölf Minuten steigt dieser Wert nur auf 47,6 Prozent.

„Das bedeutet natürlich nicht, dass die Feuerwehr ihre Einsatzziele nicht erreicht“, stellte Kreitz klar, nur eben nicht in der vorgesehenen Zeit. Da dies aber auch durch zusätzliche Einsatzkräfte nicht gesteigert werden könne, sprach Kreitz von einem „strukturellen Problem“, das nur durch eine zusätzliche Wache im Osten der Stadt mit einer hauptamtlichen Besetzung zu allen Tageszeiten gelöst werden könne.

Als möglichen Feuerwehr­standort Ost schlägt Gutachter Kreitz den Bereich um den Kreuzungspunkt Dahlenburger Landstraße/Theodor-Heuss-Straße vor. Dies führe zu einer Verbesserung der Flächenerreichbarkeit um 25 Prozent, zudem könnten die Ausrückzeiten durch die hauptamtliche Besetzung sichergestellt werden. Diese liegen laut Kreitz aktuell bei einem „guten“ Durchschnittswert von 3,4 Minuten für die Wache Mitte, während die Wache Süd nur auf einen Wert von 6,8 Minuten komme.

„Wir müssen das Ehrenamt entlasten“

Den Personalbedarf für eine hauptamtliche Besetzung rund um die Uhr bezifferte Kreitz mit 35 Kräften, hinzu kämen etwa fünf weitere Stellen im Bereich Logistik. Die jetzt am Standort Mitte eingesetzten hauptamtlichen Kräfte sollen dann an dem neuen Standort eingesetzt werden. Zugleich soll die neue Wache auch als Ausrück-Standort für die ehrenamtlichen Kräfte dienen.

Allerdings werde auch mit einem dritten Standort keine hundertprozentige Abdeckung in den geforderten Zeiten möglich sein, und auch der Zielerreichungsgrad werde mit 71,8 Prozent weiterhin nicht dem Soll-Wert entsprechen, sagte Kreitz.

Dezernent Markus Moßmann betonte, die Feuerwehr Lüneburg werde auch weiterhin eine freiwillige Feuerwehr bleiben. „Aber wir müssen das Ehrenamt entlasten.“ Dazu soll bereits am Standort Mitte mit dem Aufbau eines Zwei-Schicht-Modells begonnen werden. Die dafür erforderlichen zusätzlichen hauptamtlichen Kräfte sollen sukzessive aufgebaut werden.

Vier Standorte für dritte Wache im Visier

Moßmann hob zugleich hervor, dass der vorgestellte Entwurf noch kein „fertiges Gutachten“ sei, da unter anderem noch eine konkrete Standortauswahl fehle. Als mögliche Standortalternativen nannte er den Bereich südlich des Johanneums, das Areal des Flugplatzes, eine Fläche östlich von Bülows Kamp oder auch eine Fläche nahe der DLRG-Ortsgruppe an der Friedrich-Ebert-Brücke. Oberste Priorität habe dabei der jeweilige Zielerreichungsgrad, zugleich müssten Belange hinsichtlich Lärm und Umwelt berücksichtigt werden. Überdies werde man aus Kostengründen den Blick auf städtische Grundstücke richten.

Als mögliche Kosten für die Umsetzung werden rund 12 Millionen Euro für den Bau der Wache Ost ohne Grunderwerbskosten angenommen, für weitere Fahrzeuge rund 1,7 Millionen Euro. Hinzu kämen jährlich rund 1,1 Millionen Euro für 21 zusätzliche Personalstellen. Nicht beziffert wurden weitere Kosten für die Beseitigung bereits festgestellter Mängel an den beiden vorhandenen Standorten.

Einstimmig nahm der Ausschuss die drei Beschlussvorschläge an, wonach die „Notwendigkeit zur Errichtung eines dritten Feuerwehrstandortes mit hauptberuflicher Besetzung zu allen Tageszeiten“ anerkannt wird und die Verwaltung dafür einen konkreten Standort vorschlagen und dessen bauleitplanerische Absicherung vorbereiten soll. Weiter soll die Verwaltung den „kontinuierlichen personellen Aufwuchs“ für die mittelfristige Einführung eines Zweischichtmodells am Standort Mitte zur Vorbereitung des Betriebs eines dritten Standorts mit hauptberuflicher Besetzung sicherstellen.

Von Ulf Stüwe