Dienstag , 17. September 2019
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Seit 2012 trägt Lüneburg den Titel "Fairtrade Town". Doch wie fair und nachhaltig ist die Stadt sieben Jahre später? Foto: phs

Engagement für fairen Handel lässt nach

Lüneburg. Manchmal scheint die Energie, etwas erreichen zu wollen, größer zu sein, als das Erreichte zu erhalten. Diesen Eindruck kann man bei einem Thema bekommen, dem sich die Stadt anfangs mit großem Engagement gewidmet hatte: den Erwerb der Auszeichnung „Fairtrade Town“. 2012 wurde ihr der Titel verliehen, feierlich wurde Lüneburg zur 100. Fairtrade Town Deutschlands gekürt. Doch die Pflege dieser Auszeichnung lässt zu wünschen übrig.

Äußerst spärlich sind die Angaben, die auf der Internetseite für die deutschen Fairtrade Towns (www.fairtrade-towns.de) über Lüneburg zu finden sind, und das Wenige ist zum Teil auch noch falsch. Als Kontakt für die Lüneburger Steuerungsgruppe ist lediglich ein Name angegeben, wer die angegebene Rufnummer wählt, landet im Nirvana – die Umstellung auf die vierstellige Durchwahl der Stadtverwaltung wurde bislang ignoriert.

Es geht auch anders

Dass es anders geht, zeigt das Beispiel Hannover: Ansprechpartner sind nicht nur mit ihren Kontaktdaten versehen, die Stadt stellt auch ihre Fairtrade-Schulen und deren Projekte für einen fairen Handel vor.

Auch bei der Erneuerung ihres Titels, mit dem sich die auf Nachhaltigkeit bedachte Stadt Lüneburg gern schmückt, läuft es nicht rund. Alle zwei Jahre müssen sich die Fairtrade-Städte neu um den Titel bemühen, allerdings ist der Aufwand deutlich geringer als beim ersten Mal. Ob Lüneburg denn überhaupt noch berechtigt ist, den Titel zu führen? Die Organisation Transfair als Verleiherin der Auszeichnung antwortet: „Die Erneuerung des Titels wird angestrebt.“

Die Stadtverwaltung selbst erklärt, sie habe die Idee von Fairtrade-Town in Lüneburg immer so verstanden, „dass die Stadt überwiegend initiiert und anschiebt“, die Idee im Folgenden aber hauptsächlich von der Bürgerschaft gelebt werde, sie selbst nur unterstützend tätig sei. Dabei verweist sie auf die Universität, vor allem aber auf Handel und Gastronomie und „andere engagierte Bürger“.

Stadt gelobt Besserung

Sie kündigt jedoch auch an, ihre „koordinierende Rolle“ zur Erneuerung der Auszeichnung wieder aufgreifen zu wollen. „Was wir aber brauchen, sind neue Impulse und eine kontinuierliche Mitarbeit für die Steuerungsgruppe sowie einen neuen Ansprechpartner aus der Stadtgesellschaft“, sagt Pressesprecherin Suzanne Moenck. Die Grünen haben dazu eine Anfrage zur nächsten Ratssitzung eingereicht. Fraktionschef Ulrich Blanck: „Es wäre wünschenswert und erforderlich, dass die Stadt aus eigenem Antrieb und nicht erst auf Aufforderung durch die Politik tätig wird.“

Übrigens: Lüneburg ist nicht die 100., sondern 105. Fairtrade-Stadt. Transfair hatte, weil es mehrere Bewerbungen für diesen besonderen Titel gab, ihn damals allen Städten zugesprochen und es erst im Nachhinein korrigiert.

Daten und Fakten

Das ist Fairtrade

Der faire Handel – so die deutsche Übersetzung – entstand 1946 in Nordamerika durch Organisationen im kirchlichen Umfeld. Laut Fairtrade Deutschland soll es Konsumenten, Unternehmen und Produzentenorganisationen zusammenbringen, den Handel durch höhere Preise für Kleinbauernfamilien verbessern sowie für menschenwürdige Arbeitsbedingungen für Beschäftigte auf Plantagen in Entwicklungs- und Schwellenländern sorgen. Die ersten landwirtschaftlichen Produkte, die im Fairen Handel verkauft wurden, waren Kaffee und Tee, später folgten getrocknetes Obst, Kakao, Zucker, Fruchtsäfte, Reis, Gewürze und Nüsse. Der weltweite Fairtrade-Umsatz betrug 2016 rund 7,9 Milliarden Euro.

von Ulf Stüwe