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Geld gegen Drogen - wie auf diesem gestellten Foto - dieser Handel floriert in Lüneburg. Am Berge ist einer der Treffpunkte für die Szene. Anwohner und Geschäftsleute fühlen sich belästigt. Foto: t&w

Lüneburger Drogenhandel floriert

Lüneburg. Er solle sich zurückhalten, habe ihm der Junkie gesagt, als er genervt auf den ständigen Drogenhandel im Nachbarhaus reagierte, erzählt der Geschäftsmann. Das gehe ihn nichts an: „Dahinter stehen Größere, die schrecken nicht davor zurück, Dir eine Pistole an den Kopf zu halten.“ Tatort ist nicht die Bronx, sondern die Lüneburger Innenstadt. Der Kaufmann vom Berge ist nicht allein. Auch andere Anwohner berichten über Drogenabhängige, die sich Stoff besorgen, sich in Hinterhöfen einen Schuss setzen und versuchen, in ihren Läden zu klauen. Manchmal fänden sie Spritzen in den Blumenkübeln. Von Stadt und Polizei fühlen sie sich alleingelassen. Vor Monaten hätten sie einen Brief im Rathaus abgegeben, passiert sei nichts.

Erst kürzlich endete ein Streit im Milieu tödlich

Stadtpressesprecherin Ann-Kristin Jenckel räumt ein: „Das Schreiben der Anwohner wurde direkt an die zuständigen Dezernate weitergeleitet. Leider haben wir es versäumt, den Absendern eine Antwort zukommen zu lassen. Das ist nicht üblich und tut uns leid.“ Gleichwohl hält sich die Verwaltung nur begrenzt für zuständig: „Wir haben bereits im Vorfeld deutlich gemacht, dass die Aufgabe der Strafverfolgung ausschließlich bei der Polizei liegt. Die Beschwerden der Anwohner betreffen im Kern strafrechtlich relevante Sachverhalte. Diese wiederum scheinen Auslöser für Verhaltensweisen zu sein, die ebenso wenig akzeptabel sind wie Pöbeleien.“

Es geht nicht nur um den Berge. Seit Jahrzehnten ist die Drogenszene ein Teil der Stadt. Zwischen 300 und 400 Personen rechnen Drogenberatungsstelle (drobs) und Polizei ihr zu. Nicht alle Treffpunkte und Anlaufstellen sind sichtbar. Schlaglichtartig tauchte vor Wochen beispielsweise das ehemalige China-Restaurant nahe der Friedrich-Ebert-Brücke auf, als dort ein Überfall auf einen mutmaßlichen Dealer tödlich endete.

Die Szene wandert. Lagen ihre Treffpunkte vor Jahren an Vierorten, dann am Salzmuseum und an den Sülzwiesen, ist es heute der Clamartpark. Aber auch der Park am Museum, die Ratsmühle und die Ilmenaustraße sind Umschlagplätze für Drogen. Betroffen ist auch der Vorplatz der Johanniskirche, der auch bei Jugendlichen beliebt ist.

Kirchengemeinde hat Mitarbeiter geschult

Dort hat die Gemeinde vergangenen Herbst reagiert und verschiedene Institutionen zum Gespräch eingeladen. Superintendentin Christine Schmid sagt: „Auf dem Platz und an den Portalen sitzen Leute, es gab Probleme.“ Alkohol, Drogen, laute Musik, Müll. Mithilfe der Polizei gab es ein „Sprachtraining“ für Küster und Kirchenwachen: „Wir bitten freundlich, aber bestimmt darum, dass es für alle ein guter Platz ist.“ Ob der Ansatz fruchtet, bleibt abzuwarten: „Im Winter ist natürlich weniger los als zur warmen Jahreszeit.“

Die Idee des Runden Tisches ist weiter gewachsen. Davon berichten auch Polizei und die Leiterin der drobs, Gudrun Mannstein. Gemeinsam mit den Kollegen der Herberge, in der einige Menschen mit Drogenproblemen leben, sowie der Stadtverwaltung und ihren zuständigen Bereichen arbeiten sie an einem Konzept. „Wir sehen die Not von allen Beteiligten“, sagt Gudrun Mannstein. Geschäftsleute, Anwohner, aber eben auch die Drogenkranken selbst. Es werde keine schnelle Lösung geben.

Hauseigentümer will Dealer als Mieter gern loswerden

Doch auf einen schnellen Ansatz warten Geschäftsleute vom Berge. Sie hoffen, dass ein mutmaßlicher Dealer, der an ihrer Straße wohnt und zu dem die anstrengende Kundschaft kommt, verschwindet. Die Familie des Hauseigentümers berichtet, dass er den Mann liebend gern vor die Tür setzen wolle. Vertreter der Stadt seien vor Ort gewesen. „Mir hat man gesagt, die Räume seien unbewohnbar“, sagt der Sohn des Hausbesitzers. Doch mit einer Kündigung der Wohnung sei er nicht weitergekommen.

Im Rathaus schildert Ann-Kristin Jenckel es anders: „Bei einer gemeinsamen Begehung des Gebäudes von Bauaufsicht und Ordnungsamt wurden Mängel festgestellt, die vom Eigentümer behoben werden müssen. Eine entsprechende Aufforderung wird dem Eigentümer demnächst zugehen. Eine mündliche Nutzungsuntersagung vonseiten der Stadt ist nicht ausgesprochen worden, das heißt: Das Wohnen ist in dem Gebäude zulässig.“

Kontrollen

Ein Schwerpunkt der Polizei

Die Bekämpfung der Drogenkriminalität hat sich die Lüneburger Polizei als ein Schwerpunktthema für 2019 vorgenommen. Das verkündeten die leitenden Beamten, als sie neulich die Kriminalstatistik vorstellten. Allerdings versucht die Polizei schon lange, gegen den Drogenhandel vorzugehen. In Zivil und Uniform laufen sie Streife, seit kurzem ist in der Innenstadt ein Sprürhund im Einsatz. Regelmäßige Kontrollen unter anderem im Clamartpark stehen seit Längerem auf dem Programm.

Polizeisprecher Kai Richter verweist auf Razzien und Festnahmen. So seien in der Vergangenheit immer wieder Drogenkranke vor Gericht gestellt und verurteilt worden – für Autoaufbrüche, Einbrüche und Ladendiebstähle. Vor einem Jahr habe es Am Berge eine Durchsuchung gegeben: „Aber wir müssen auch was finden, um ein Verfahren zu führen.“

von Carlo Eggeling

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