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Sabine Schulz steht zu Hause vor einem Bild der Alexander von Humboldt. 22 Mal ist sie auf dem Schiff mitgefahren. Foto: t&w

Matrosin aus Leidenschaft

Lüneburg. An einem warmen Januartag vor 25 Jahren steht Sabine Schulz zum ersten Mal der Alexander von Humboldt gegenüber. Gut 30 Meter hoch und 60 Meter lang, schwankt das Schiff mit seinen grünen Segeln im Hafen von Las Palmas de Gran Canaria. Mit wackligen Knien betritt die Vögelserin das riesige Segelschulschiff – eine Entscheidung, die ihr Leben prägen wird. Denn vom ersten Tag an auf See ist Schulz mit dem „grünen Virus“ infiziert. Grüner Virus, so nennt die Stammbesatzung die Leidenschaft für das Schiff wegen seiner grünen Segel und dem gleichfarbigen Rumpf. Die Leidenschaft hat Sabine Schulz nie wieder losgelassen. Auch heute noch, 22 Fahrten und mehr als 36 000 gesegelte Kilometer später, leuchten die Augen der 56-Jährigen, wenn sie von ihren Erlebnissen auf hoher See spricht.

Sabine Schulz sitzt an ihrem Wohnzimmertisch, hinter sich ein gemaltes Bild der Alexander von Humboldt, vor sich etliche Faltblätter und das Bordhandbuch des Schiffs. Während des Gesprächs mit der LZ schlägt sie das Buch mehrmals auf, deutet auf Fotos von Schiffsknoten, erklärt anhand der Bilder, wo sich Steuer und Ausguck befinden und wie man die Segel einholt. Immer wieder fallen Fachbegriffe wie „Toppen“ und „Tampen“ – was sie bedeuten, hat Sabine Schulz auf dem Segelschulschiff gelernt.

TV-Bilder von Großseglern ließen sie nicht mehr los

Ein Jahr vor der ersten Begegnung mit der Alexander von Humboldt hatte Schulz im Fernsehen mehrere Sendungen über Großsegler gesehen. Die Bilder von vollen Segeln und endloser Weite ließen sie nicht mehr los. Die Vögelserin meldete sich für einen zweiwöchigen Törn mit der Alexander von Humboldt an, Startpunkt waren die kanarischen Inseln.

Als eine von 35 Trainees durfte sie von Anfang an mit anpacken. Zweimal vier Stunden pro Tag übernahm sie Schichten im Dreiwachsystem. Sie lernte, Segel zu setzen und zu bergen, hielt vom Ausguck Ausschau und lenkte unter Anweisung das riesige Schiff. Inzwischen gehört sie seit 17 Jahren zur Stammbesatzung, bildete sich im aktiven Dienst bis zur Matrosin weiter. Seit das Vorgängerschiff durch die Alexander von Humboldt II abgelöst wurde, lässt sie es etwas ruhiger angehen.

Vor acht Jahren hat Sabine Schulz, die als technische Angestellte bei einer Firma in Lüneburg arbeitet, auf dem Schiff den Verwalterposten übernommen. Von ihrem Büro unter Deck aus bestellte sie zuletzt Verpflegung, organisierte die Kammeraufteilung und kümmerte sich um die Anmeldung in den Häfen. Doch die schönsten Momente erlebte die 56-Jährige an Deck: „Einmal schwammen um 1 Uhr morgens bei Meeresleuchten Delfine an unserem Schiff entlang. Aufgrund der Luftblasen, die sie machten, sahen sie aus als zögen sie einen Sternenschweif hinter sich her.“

Delfine geben dem Schiff Geleitschutz

Es sind nicht nur diese Naturphänomene, die sie stets aufs Neue begeistern, auch das Gemeinschaftsgefühl an Bord bringt sie zum Schwärmen: „Wir duzen uns alle. Auf dem Schiff sind alle gleich, unabhängig vom Status an Land.“ Doch trotz aller Begeisterung fürs Segeln hat Sabine Schulz vorerst keinen weiteren Törn geplant. Wann sie das nächste Mal mitfahren wird, weiß sie nicht. Aber der grüne Virus schlummert weiter in ihr. Bis er wieder ausbricht, wird sie von dem gigantischen Sternenhimmel über dem Meer und dem schwerelosen Treiben in endlosen Weiten träumen.

Hintergrund

Segelschulschiff für jedermann

Die Alexander von Humboldt II löste 2011 ihre berühmte Vorgängerin ab. Die „Alexander von Humboldt I“ mit ihren grünen Segeln wurde durch einen Werbespot der Brauerei Beck bekannt. Ihr Nachfolger, die „Alex 2“, wie sie liebevoll von ihrer Stammcrew genannt wird, ist ein Dreimaster mit 24 Segeln. Er wird als ziviles Segelschulschiff unter deutscher Flagge betrieben, Heimathafen ist Bremerhaven. Das Schiff wird vorwiegend für die Ausbildung von geeigneten und interessierten Personen – insbesondere jungen Menschen – auf traditionellen Großseglern genutzt. Dies entspricht dem gemeinnützigen Stiftungszweck der Deutschen Stiftung Sail Training, welche das Schiff betreibt. Hinter der Bark mit dem grünen Rumpf stehen viele ehrenamtlich engagierte Menschen, die gerne auf diesem Großsegler segeln und andere ebenfalls davon begeistern möchten. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, jeder darf unter der Anleitung erfahrener Segler mit anpacken.

Weitere Informationen auf www.alex-2.de im Internet.

von Emilia Püschel