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Oliver Baumgarten und Tamar Baumgarten-Noort mit ihrem Labrador-Rüden Cooper. Foto: t&w

Aus der Medien-Blase nach Barskamp

Barskamp. Ein geräumiges, lichtdurchflutetes Fachwerkhaus, ein großer Garten, Blick auf die Weite der Felder, nette und hilfsbereite Nachbarn: Das ist mehr als Oliver Baumgarten und seine Frau Tamar Baumgarten-Noort sich erträumt hatten, als in ihnen vor einigen Jahren der Entschluss reifte, „raus“ zu ziehen. Damals wohnten sie in Kölns beliebtem und wuseligem Stadtteil Ehrenfeld. „Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt, aber wir wollten mehr im Einklang mit der Natur leben“, so Baumgarten-Noort.

Raus aus der Medien-Blase

Nicht nur an den Stadtrand zu ziehen, sondern die Großstadt gegen richtiges Landleben tauschen, das war die Sehnsucht der Baumgartens.

Und vielleicht auch ein bisschen der Medien-Blase zu entfliehen, in der sie sich in Köln eingerichtet hatten: Oliver Baumgarten, 47, arbeitet hauptsächlich als Filmkurator und Filmpublizist, er ist Programmleiter und Kurator beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken, dem bedeutendsten Festival für den deutschsprachigen Nachwuchsfilm. Neben vielen anderen Projekten betreut er außerdem seit 2004 Workshops auf der Berlinale. Tamar Baumgarten-Noort, 42, arbeitet für die Kölner Gruppe 5 Filmproduktion als Autorin, Regisseurin und Producerin. Ihr Schwerpunkt sind wissenschaftliche Formate fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Das sind Berufe, die man mit urbanem Leben und weiß Gott nicht mit der Beschaulichkeit Barskamps in Verbindung bringt. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, fühlen sich die beiden Kreativen seit 2015 pudelwohl hier.

Die Chance, abzuschalten

Sie arbeiten hauptsächlich zuhause, im Schuppen hat sich Oliver Baumgarten ein kleines Kino eingerichtet, in dem er beruflich rund 500 Filme pro Jahr sichtet. Eine Antwort auf die Frage, wie ein klassischer Arbeitstag für sie in Barskamp aussieht, fällt den Filmschaffenden schwer. „Routine gibt es eigentlich nicht, es kommt auf die Phase an. Jeder hat sein Arbeitszimmer, manchmal ist es ruhiger, mal hängen wir den ganzen Tag am Telefon und treffen uns nur abends zum Kochen“, so Baumgarten-Noort. Oft fährt sie nach Köln, wo sie bei einer Produktionsfirma fest angestellt ist, ihr Mann verbringt im Winter knapp drei Monate in Saarbrücken. Beide sind sie viel in ganz Deutschland unterwegs, die Nähe zum Lüneburger Bahnhof und Hamburger Flughafen ein Muss.

Der Traum vom idyllischen Landleben hat seinen Preis, „aber was wir dafür zurück bekommen, ist unbezahlbar.“ Nämlich einen anderen Lebensrhythmus, der nicht mehr nur von „höher, schneller, weiter“ geprägt ist, einen Ruhepol zu ihren stressigen Jobs, so schwärmen die beiden.

Sushi fehlt

Was ihnen manchmal fehle? Sushi, kommt es da wie aus einem Mund.

„In Köln hat unser gesamtes Umfeld was mit Medien gemacht, ich konnte nicht mehr abschalten“, so Tamar Baumgarten-Noort. „Hier bestimmen andere Fragen unseren Alltag, müssen wir Laub harken, hast du die Kartoffeln gesetzt, wie wird das Wetter morgen?“ Fragen, die die beiden erden und sie in ihrem hektischen Alltag zur Ruhe kommen lassen. Für Oliver Baumgarten war der Umzug aufs Land eine Art Heimkehr, sein Vater und sein Großvater hatten nach dem Krieg in Bleckede gewohnt, er selbst ist in Hitzacker aufgewachsen.

Sie hatten schon viele Häuser angesehen, bevor sie im Internet auf das sanierte Fachwerkhaus in Barskamp stießen. Es war schon fast verkauft, dass die Baumgartens das Rennen doch noch für sich entschieden ist wohl auch einem netten Zufall geschuldet: „Zu meiner Konfirmation habe ich einen Sekretär bekommen. Den hatten meine Eltern damals in dem Antiquitätengeschäft der Verkäuferin des Hauses erstanden. Als ich ihr erzählte, dass dieses Stück nun seit Jahren in der Diaspora sein Dasein fristet und nur darauf wartet, zurückzukommen, war es um sie geschehen“, erzählt Oliver Baumgarten mit einem Augenzwinkern.

Horrorvorstellung war ein Schlafort

Die Barskamper wollen Leben im Dorf, genau wie die Baumgartens, denen von Anfang an klar war, dass sie Teil der Dorfgemeinschaft sein und diese aktiv mitgestalten wollten.

„Unsere Horrorvorstellung war ein Schlafort, wo morgens die Garagen aufgehen und die Leute erst spät abends zurückkommen. Wir wollten Menschen kennenlernen, Anschluss finden“, sagen beide.

Dass sie da in Barskamp an der richtigen Adresse sind, war ihnen sofort klar. „Wir kamen rein, es war alles perfekt und wir wussten, wenn wir dieses Haus nicht nehmen, dann nehmen wir keines, dann sind wir nicht mutig genug“, erinnert sich Baumgarten-Noort. Denn eine große Portion Mut habe dazugehört, das bisherige Leben und alle Freunde hinter sich zu lassen, komplett von vorne anzufangen. Oliver Baumgarten: „Es hat sich angefühlt wie Auswandern, aber in jedem Moment richtig. Gerade in der Anfangszeit waren wir so glücklich und stolz, dieses Abenteuer gemeinsam zu meistern. Und das alte Leben ist ja nicht weg, wir haben nur sehr viel dazugewonnen.“

Homeoffice nur wegen schnellem Internet möglich

Auch die sozialen Kontakte ließen nicht lange auf sich warten: Als Baumgartens vom Notar kamen, hatten die Nachbarn bereits ein Willkommensgrillfest vorbereitet, heute bewirtschaften sie gemeinsam einen Gemüsegarten, sind Freunde geworden. Tamar ist im Vorstand des Dorfvereins, Oliver spielt beim TuS Barskamp Fußball, Andenken an das letzte Training ist gerade ein gebrochener Finger.

Dass das Leben in Barskamp für Baumgartens möglich ist, liegt vor allem an der guten Internetverbindung. „Wir sind damals mit der Tagesschau auf dem Handy durchs Haus gegangen und haben geschaut, ob sie weiterläuft“, erinnert sich Tamar Baumgarten-Noort schmunzelnd. Sie hatten Glück, sie lief. Das Ehepaar weiß, dass das in der Gegend nicht selbstverständlich ist. „Es müssen Strukturen geschaffen werden, damit Leute mit ihren Familien hierherkommen“, sagen sie. Auch Mobilität sei ein großes Thema, „wir haben zwei Autos, ohne ginge es nicht.“ Die Baumgartens hoffen, Teil einer Entwicklung zu sein, wollen erleben, wie Barskamp weiter wächst. Mit „Conny´s Lädchen“ ist ein Anfang gemacht.

Für das Ehepaar ist klar: Sie wollen bleiben, auch wenn der nächste Sushi-Laden in weiter Ferne liegt.

Von Lea Schulze