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Marion Schmidtke steht vor den Fenstern ihrer Wohnung im Heiligengeiststift. Sie darf nicht ins Gebäude und kommt so nicht an ihre Lebenserinnerungen heran. Foto: t&w

Versperrte Erinnerungen

Lüneburg. Marion Schmidtke hat nur noch die Kleidung, die sie am Körper trägt und ihre Umhängetasche mit Handy und Ladekabel. „Die hat mir ein Feuerwehrmann net terweise aus meiner Wohnung geholt, als es brannte“, sagt die zierliche Frau. Sie steht vor dem ausgebrannten Heiligengeiststift, späht durch die Fenster in ihre Wohnung: „Ich kann es nicht glauben, dass ich nicht an meine Sachen komme. Zehn Minuten für das Wesentliche und um Abschied zu nehmen.“ Doch daraus wird nichts.

Im Rathaus sagt Pressesprecherin Ann-Kristin Jenckel, dass der Heiligengeiststift nach Einschätzung von zwei Gutachtern bis auf den Kern abgetragen werden müsse: „Durch die erheblichen Brand- und Löschwasserschäden sind Teile des Dachs einsturzgefährdet, aus Sicherheitsgründen darf das Gebäude aktuell weder von städtischen Mitarbeitern noch von den ehemaligen Bewohnern betreten werden.“

Notsicherungen im Innenbereich sind notwendig

Maja Lucht ist bei der städtischen Gebäudewirtschaft mit dem Fall betraut, sie sagt: „Sobald die Kriminalpolizei das Gebäude freigegeben hat, muss ein Großsanierer das Dach abtragen und eine Notkonstruktion errichten.“ Außerdem seien Notsicherungen im Innenbereich notwendig, um ein gefahrloses Betreten des Gebäudes möglich zu machen. Diese Arbeiten werden mindestens drei Wochen dauern. „Sobald die ehemaligen Bewohner ihre persönlichen Gegenstände holen können, werden sie von uns informiert.“

Das werde frühestens in der zweiten Mai-Hälfte soweit sein. Die Stadt werde den Bewohnern dann helfen, ihr Mobiliar zu sichern“, verspricht Maja Lucht. Auch werde Lagerfläche für das Auslüften der Gegenstände zur Verfügung gestellt.

In Sorge um die eigenen Fotos und Musik

All das kann Marion Schmidtke zwar verstehen, doch sie hat Angst, dass ihre Sachen in dem vom Löschwasser feuchten Gebäude leiden. Sechs kleine ineinander übergehende Zimmer hat sie, knapp 40 Quadratmeter. „Die Möbel sind mir egal“, sagt die 68-Jährige. „Aber meine Musik, Sachen, die mein Sohn mir gebaut hat, und vor allem meine Ordner mit Fotos – darum trauere ich.“ Marion Schmidtke bewirtschaftet am Ochtmisser Kirchsteig einen großen Garten, ein Paradies, ihre Arbeit hat sie auf den Fotos festgehalten, es tue weh, nicht in den Alben blättern zu können.

Der Brand und die Folgen gingen ihr nicht aus dem Kopf. Auch nicht, dass sie mit dem Mann unter einem Dach gelebt habe, der den Brand nach eigener Aussage leichtfertig verursacht hat: Gegenüber der LZ hatte er eingeräumt, den Herd eingeschaltet und bewusst die Wohnung verlassen zu haben, weil er zur Sparkasse wollte. Es habe eine Versammlung der Mieter gegeben, da sei eben auch der Bewohner gewesen, in dessen Küche der Brand ausbrach. „Er hat sich nicht entschuldigt“, erzählt Marion Schmidtke. „Es war an der Grenze, ich habe es kaum ertragen, mit ihm in einem Raum zu sein.“

Dankbar für die Hilfe

Das Gefühl dürfte sie nicht allein haben. Sie freut sich über Abstand: „Ich wohne im Moment im Gästezimmer des Graalsstifts.“ Dort, im Roten Feld, fühle sie sich wohl. Sie sei dankbar für Hilfe: „Unser Hausmeister im Stift hat jedem 100 Euro Soforthilfe gegeben. Der Gute Nachbar hat auch noch jedem 250 Euro vorbeigebracht.“ Der Gute Nachbar ist die Hilfsaktion von Wohlfahrtsverbänden und Landeszeitung, die Menschen in Not schnell und unbürokratisch hilft. Kleidung habe sie inzwischen auch erhalten.

Marion Schmidtke hofft, dass sie früher an ihre Erinnerungen in der Wohnung kommen kann. Ansonsten komme sie klar: „Ich brauche ja nicht viel.“

Die Stadt bietet den Betroffenen Hilfe an, wer Fragen hat, erreicht den Seniorenstützpunkt unter (04131) 3093717.

Von Carlo Eggeling

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