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Astrid Heidenreich hält Alpakas in Häcklingen. Sie fährt mit dem Auto zur Weide, nutzt dabei den Embser Kirchweg. Das darf sie auch, doch andere stoßen sich an ihrer Fahrweise. Foto: be

Kampf um die Straße

Häcklingen. Der Embser Kirchweg in Häcklingen ist eine wenig befahrene Straße – freigegeben nur für Anlieger sowie land- und forstwirtschaftlichen Verkehr. Und doch sorgt diese Straße für reichlich Aufregung. Drohungen werden laut, anonyme Briefe verfasst, gegenseitige Anschuldigungen vorgebracht. „Kinder schreien mich an, Jogger beleidigen mich, Fußgänger springen mir vors Auto, schlagen dagegen“, behauptet Astrid Heidenreich. Alles nur, weil sie mit ihrem Auto den Embser Kirchweg nutzt, um zu ihrer Alpaka-Herde zu gelangen.

Dass es Probleme im Embser Kirchweg gibt, weiß Carina Karbowski (SPD). Die Ortsvorsteherin Häcklingens sagt: „Ich habe von mehreren Anwohnern gehört, dass sie Probleme mit der Fahrweise von Astrid Heidenreich haben. Es gibt immer zwei Seiten – die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, irgendwo in der Mitte.“

Bedroht in anonymen Schreiben

Astrid Heidenreich selbst habe noch nicht das Gespräch mit ihr gesucht, Carina Karbowski bedauert das. Dabei ist das Problem längst auch im Lüneburger Rathaus bekannt. „Das Befahren und Parken mit Autos im Embser Kirchweg ist ein Thema, zu dem uns regelmäßig Beschwerden erreichen“, bestätigt Stadtpressesprecherin Ann-Kristin Jenckel, die deutlich sagt: „Der Weg ist zwar für Kraftfahrzeuge gesperrt. Davon ausgenommen aber ist der land- und forstwirtschaftliche Verkehr. Zu dem zählen auch die Verkehre im Zusammenhang mit Pensionstierhaltung wie Lamas, Esel, Pferde oder Alpakas.“ Mit anderen Worten: Eigentümer, Pächter oder sonstige Nutzungsberechtigte dürfen die Straße mit dem Auto befahren – dies gelte also auch für die Halterin der Alpakas, die dort ihre Weiden habe.

Die Art und Weise, wie die Anlieger Druck auf sie aufbauen, erschreckt Astrid Heidenreich. Vor einiger Zeit wollte sie zu ihren Alpakas auf die Weide, fand das Tor aber mit einem Schloss verbarrikadiert vor. „Ich konnte nicht zu den Tieren, obwohl ich Flaschenfohlen zu versorgen hatte“, ist sie noch immer fassungslos. Zu dieser Tat bekannt hat sich der „Bürgerzusammenschluss autofreier Kirchsteig (BaK). In einem Schreiben an die Alpaka-Besitzerin heißt es: „…wenn Du noch einmal durch Deine rücksichtslose Fahrweise junge Mütter mit ihren kleinen Kindern gefährdest, werden wir alle möglichen Anstrengungen unternehmen, um Dir das Leben so schwer wie möglich zu machen. Dabei ist das Vorhängeschloss nur eine kleine Vorschau auf unsere Kreativität…“.

Fahrweise soll wenig rücksichtsvoll sein

„Uns erreichen auch regelmäßig Beschwerden von Anwohnern und Nutzern von Kita und Schule, die berichten, dass die Fahrweise der Alpaka-Besitzerin wenig rücksichtsvoll gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern auf dem Weg sei“, sagt Ann-Kristin Jenckel: „In diesem Kontext weisen wir darauf hin, dass die Fahrweise immer an die jeweiligen Begebenheiten und Örtlichkeiten anzupassen ist. Dies gilt insbesondere dann, wenn dort viele Kinder unterwegs sind. Das Schild ‚Achtung Kinder‘, das am Embser Kirchweg steht, impliziert eine Geschwindigkeitsreduzierung auf Tempo 30 und erinnert Autofahrer daran, hier ganz besonders vorsichtig zu fahren.“

Dass sie mit ihrem Auto rücksichtslos unterwegs sei, weist Heidenreich entschieden zurück: „Ich bin selbst Mutter. Schon deshalb fahre ich langsam und vorsichtig“, sagt sie.

Astrid Heidenreich war 2012 von Sachsen-Anhalt nach Lüneburg gezogen, um eine Alpaka-Farm zu eröffnen. Sie richtet Kindergeburtstage aus, bietet Wanderungen an, verkauft die Wolle der Tiere und daraus hergestellte Produkte.

Heidenreich, die mit Tieren aufgewachsen ist, ist glücklich mit ihrer Entscheidung, die Anwohner des Neubaugebiets am Embser Kirchsteig sind es offenbar nicht. Für viele Häcklinger scheint sich der Embser Kirchweg gewohnheitsrechtlich als Gehweg etabliert zu haben, auch wenn er rechtlich keiner ist, sie gehen hier mit Kinderwagen und Hunden spazieren, joggen, fahren Fahrrad.

Tierhalterin spricht von Psychoterror

Am vergangenen Sonntag sei es wieder zu einem Vorfall gekommen, berichtet Heidenreich. „Auf dem Weg zurück von den Tieren kam mir vom Kreisel aus eine Gruppe von etwa 20 Radfahrern entgegen. Zu zweit oder zu dritt fuhren die jeweils neben mir, um mir wild gestikulierend klar zu machen, dass ich die Straße nicht zu befahren habe.“ Einer sei direkt auf sie zugefahren. Um sie zum Anhalten zu zwingen, habe er ihr vor den Seitenspiegel ihres Autos geschlagen.“

Für Astrid Heidenreich ist die Situation nach eigenem Bekunden unerträglich geworden, der Psychoterror habe sie mürbe gemacht. Wenn sie Fohlen habe und mehrmals täglich zu ihnen müsse, nehme sie inzwischen Wolle mit, um dort zu arbeiten, so versuche sie, unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen. „Es ist eine extreme Belastung. Schon oft habe ich über eine andere Weide nachgedacht, aber das ist nicht umsetzbar, weil ich auch auf die Hilfe meiner Nachbarin und meines Lebensgefährten angewiesen bin.“

Von Lea Schulze und Klaus Reschke