Aktuell
Home | Lokales | Bardowick | „Hühnereltern“ für Legehennen gesucht
Heiko Haarstick mit Huhn Olga, einer dreieienhalb Jahre alten Henne. Doch nicht alle Hühner können so unbeschwert das Leben genießen wie Olga. Foto: t&w

„Hühnereltern“ für Legehennen gesucht

Handorf. „Ich liebe Hühner!“, sagt Jorninde Haarstick. Dass das nicht nur daher gesagt ist, wird spätestens deutlich, wenn man die Handorferin zu Hause besucht. Sechs Hühner scharren und picken munter in ihrem Garten. So, wie das glückliche Hühner gemeinhin zu tun pflegen. Dass Huhn Olga und das andere Federvieh einmal auf dem Teller enden könnten, nur weil sie nicht mehr genügend Eier legen – für Jorinde Haarstick unvorstellbar. „Bei mir sterben die Hühner allenfalls an Altersschwäche, aber nicht, weil wir sie schlachten“, sagt die Handorferin – wohlwissend, dass es nicht allen Hühnern so gut geht wie ihren. Vor allem denen nicht, die in industriellen Legebatterien quasi im Akkord Eier legen müssen. Denn gerade jetzt zur Osterzeit haben Eier Hochsaison, „doch nur wenige hinterfragen, woher der Osterhase denn die Ostereier eigentlich bekommt? Und was mit den Hennen passiert, wenn sie nicht mehr die geforderte Leistung erbringen?“ ärgert sich die Handorferin.

„Ausgediente“ Tiere zu Tierfutter verarbeitet

Mehr oder weniger durch Zufall ist die bekennende Tierfreundin auf den Verein „Rettet das Huhn e.V.“ aufmerksam geworden. „Der übernimmt ‚ausgediente‘ Legehennen aus Massentierhaltungen zu dem Zeitpunkt von den Betrieben, an dem sie normalerweise im Schlachthof entsorgt werden würden, und vermittelt die Hennen anschließend in ein artgerechtes Zuhause bei tierlieben Privatpersonen, wo sie endlich ein wahres, glückliches Hühnerleben fernab jeder Ausbeutung als sogenanntes ‚Nutztier‘ kennenlernen dürfen. Das ist doch eine wirklich gute Sache“, findet Haarstick, die sich gut vorstellen kann, in absehbarer Zeit ebenfalls einigen dieser gequälten Kreaturen ein neues Zuhause zu geben.

Stefanie Laab ist Vorstandsmitglied des gemeinnützigen Vereins „Rettet das Huhn“: „Sowohl in Bodenhaltungs-, Freilandhaltungs- als auch in Biohaltungsbetrieben werden die Legehennen nach einer Legeperiode, sprich im Alter von rund 18 Monaten, ausgestallt und im Schlachthof zu einem Schlachtpreis von wenigen Cent pro Huhn entsorgt“, berichtet sie im Gespräch mit der LZ. Weil aber die Kosten für die Ausstallung und den Transport in der Regel diesen „Schlachtwert“ übersteigen, werden die Hennen wie Abfall der Legeindustrie behandelt und oftmals im Akkord, ohne Rücksicht auf brechende Flügel oder Beine aus den Ställen geholt und abtransportiert. „Jährlich werden so allein in Deutschland über 45 Millionen Legehennen getötet und anschließend durch neue Junghennen ersetzt. Die ausgedienten Hennen landen überwiegend in Tierfutter, werden als billige Suppenhühner vermarktet oder bei zu geringem Schlachtgewicht in Fertiggerichten oder zu Brühwürfeln verarbeitet“, informiert der Verein auf seiner Internetseite.

„Grund für die Ausstallung nach einer Legeperiode ist die nachlassende Legeleistung der Hennen“, weiß Jorinde Haarstick und Stefanie Laab bestätigt: „Die Tiere sind durch die hohe, angezüchtete Legeleistung nach dieser Zeit völlig ausgezehrt.“

Tierschützer arbeiten mit Legebetrieben zusammen

Nun holen die Mitglieder des Vereins die Hühner aber nicht in einer Nacht- und Nebel-Aktion aus den Ställen, sondern sie arbeiten ganz legal. „Wir kooperieren mit Legebetrieben“, erklärt Stefanie Laab. „Jeweils einmal pro Jahr übernehmen wir den gesamten Hühnerbestand aus kooperierenden Betrieben. Dabei handelt es sich um Freiland- und Bodenhaltungsbetriebe in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern mit Besatzgrößen von 50 bis 5000 Tieren.“ Ein Entgelt für die Hennen werde nicht gezahlt, sondern die Betreiber müssen bereit sein, die Tiere kostenlos abzugeben. „Das setzt jedes Mal auch eine große logistische Vorarbeit voraus“, berichtet die Tierschützerin: Denn wenn die Hennen zu dem vereinbarten Zeitpunkt abgeholt werden, ist für jedes einzelne Tier auch schon ein neues Zuhause organisiert. In Geflügeltransportboxen werden die Tiere in mehreren Transporten an verschiedene bundesweite Übergabepunkte gebracht, wo sie direkt von den dorthin bestellten neuen Hühnereltern in Empfang genommen werden. 65 175 Hennen wurden so schon gerettet.

„Wir vermitteln die Hennen mit Schutzvertrag nur in kleinen Gruppen bis maximal 25 Tiere an tierliebe Privatpersonen“, berichtet Laab. Und: „Die Eier, die die Hennen natürlich noch legen, sollen und dürfen gern verwendet werden, denn jedes Ei, das ein Huhn in Privathaltung legt, ist eines weniger, das im Supermarkt aus Qualhaltung gekauft wird.“ Diese Meinung vertritt auch Jorinde Haarstick – „und ganz ehrlich“, sagt die Handorferin, „die Eier von den eigenen Hühnern schmecken auch viel besser als die aus dem Supermarktregal.“

Wer mehr über den Verein und seine Arbeit wissen möchte findet Informationen und Ansprechpartner unter https://www.rettet-das-huhn.de/.

Von Klaus Reschke

Aktion gegen Kükentöten:

Bruder Hahn soll leben

Brüder von Legehennen legen keine Eier und setzen kaum Fleisch an. Daher werden Millionen männlicher Küken jedes Jahr direkt nach dem Schlüpfen getötet – auch bei Biohühnern. Wer das Kükentöten nicht unterstützen will, kann Eier von Initiativen kaufen, die die Bruderhähne aufziehen. Bei einem Marktcheck hat die Verbraucherzentrale Niedersachsen überprüft, wo diese Eier gekauft werden können. Das Ergebnis: In sechs von elf Lebensmittelmärkten sind Eier „ohne Kükentöten“ im Sortiment. Darauf weist die Verbraucherzentrale in Lüneburg in einer Pressemitteilung hin, die sich ebenfalls für ein Verbot des Kükentötens ausspricht.

„Die Bruderhahn-Initiativen sowie den Einsatz von Zweinutzungshühnern halten wir für nachhaltig und im Sinne des Tierwohls für einen guten Weg. Alle genannten praxistauglichen Alternativen sollten dringend umgesetzt werden, damit das sinnlose Töten verboten wird“, fordert Ernährungsexpertin Janina Willers.