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In Haus 25 der damaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt wurden Inge Roxin und Mariechen Petersen während des Nationalsozialismus behandelt und laut aktuellen Forschungen in einem Abstand von rund fünf Wochen medikamentös ermordet. Foto: Gedenkstääte PKL

Morde in der NS-Psychiatrie

Lüneburg. Ein weitläufiger Park, mächtige Bäume, das Ensemble der Backsteinbauten erinnert an einen großen Gutshof. Gemütlich, beschaulich. Doch hier war der To d zu Hause. In der sogenannten Kinderfachabteilung ermordeten Ärzte und Pflegepersonal zwischen 1941 bis 1945 rund 300 bis 350 Mädchen und Jungen, 100 weitere starben an Mangel- und Fehlversorgung, einige von ihnen auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Zwei von ihnen waren Inge Roxin und Mariechen Dora Käte Petersen. Carola Rudnick, sie leitet die Gedenkstätte der heutigen Psychiatrischen Klinik (PKL), und Maren Hansen von der Geschichtswerkstatt wollen das Schicksal der beiden Lüneburgerinnen nachzeichnen. Dazu bitten sie um Hilfe der LZ-Leser.

Im kommenden Herbst sollen 13 weitere Stolpersteinen in der Stadt verlegt werden, 50 gibt es bereits. Diese Steine erinnern an Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt und oftmals ermordet wurden. Sechs dieser kleinen Würfel beschäftigen sich mit Opfern der Psychiatrie. Im Wasserturm des PKL ist das Leben von Opfern und Tätern in einer Ausstellung nachgezeichnet, die Schau wächst, da die Wissenschaftlerin Rudnick weitere Patientenakten aus der damaligen Zeit auswertet.

Klinik lässt Opfer verhungern

Carola Rudnick erforscht das Schicksal der Patienten. Sie leitet die Gedenkstätt der Psychiatrischen Klinik. Foto: A/t&w
Carola Rudnick erforscht das Schicksal der Patienten. Sie leitet die Gedenkstätt der Psychiatrischen Klinik. Foto: A/t&w

„In vielen Fällen haben wir Hinterbliebene ermitteln können“, sagt sie. Die Forscherin möchte die Erinnerung wachhalten. Oftmals sei in Familien das Los der Kinder, die in Kliniken wie in Lüneburg gegeben wurden, verschwiegen worden. In der NS-Ideologie galten die jungen Patienten als „schwachsinnig“ und als „lebensunwert“: Man ließ sie verhungern oder tötete sie mit Medikamenten. So wie auch die beiden Mädchen, deren Familien sich vermutlich kannten, weil sie zur selben Zeit im selben Haus an der Rotehahnstraße wohnten.

Inge Roxin kam am 22. August 1939 in Lüneburg zur Welt, am 12. April 1943 nahm man sie im Krankenhaus auf. Ihr Vater Hans Heinrich Eugen arbeitete als Sachbearbeiter beim Landrats­amt, später wohl als Kraftfahrer, die Mutter hieß Anna Friedrike Bertha. Die Familie, die sechs Kinder hatte, lebte zunächst am Schmaarkamp 3, bevor sie ins Wasserviertel zog.

Bürokratische Verwicklungen

Die lernbehinderte Inge habe weder Sprechen noch Laufen gelernt, heißt es in den Akten. In ihrer Familie habe eine Großmutter an Schizophrenie gelitten. Die Eltern gaben ihre Tochter in das Krankenhaus am Wienebütteler Weg. Offenbar besuchte die Familie sie dort.

Um Inge gab es quasi bürokratische Verwicklungen. Der Arzt Willi Baumert kam zu einem tödlichen Urteil: Bei Inge sei „keine Bildungsfähigkeit zu erwarten“. Sie „erkrankt“ schnell, bekommt Fieber und Durchfall. Doch da in ihrem Fall der sogenannte Reichs­ausschuss einbezogen wurde, der über das weitere medizinische Vorgehen entschied, und von dort offenbar noch kein „O. K.“ vorlag, erhielt das Mädchen Medizin, die es wieder gesund machte. Es ist nur ein Aufschub – im Oktober stirbt die Vierjährige. Der Eintrag „eitrige Bronchitis“ dürfte eine Lüge sein.

Eine Mutter ist überfordert

Mariechen Petersen kam am 2. Juni 1933 zur Welt. Ihre Mutter war Erna Emma Marie Petersen, ihr Vater hieß mit Vornamen Georg Wilhelm, er war ungelernter Arbeiter und fiel als Soldat 1941 in Russland. Die Eltern waren bei Mariechens Geburt 21 und 23 Jahre alt. Die Mutter, die zeitweilig in Haft saß, war mit insgesamt acht Kindern offenbar überfordert, die Fürsorge schaltete sich ein. Es scheint, als habe die soziale Situation eine große Rolle dabei gespielt, dass Mariechen erst in das Heim der Kühnauschen Gründung an der Barckhausenstraße und am 10. Dezember 1942 schließlich in die Pflegeanstalt kam.

Über Mariechens Brüder und Schwestern schreibt Carola Rudnick nach Auswertung von Unterlagen: Die Geschwister von Mariechen seien infolge der Verhaftung in ein Kinderheim nach Celle, in die „Kinderheimstätte Fritzenwiese 12“, gebracht worden. Die zwei jüngsten Geschwister von Mariechen fanden Unterschlupf bei ihrer Großmutter, der „Witwe Schulze“ in Bleckede. „Mariechen wird daher wohlmöglich als Einzige in das Kinderhospital gebracht worden sein. Der Antrag auf Aufnahme in die ,Kinderfachabteilung‘ ist demnach dort gestellt worden.“

Leben Geschwister in Celle?

Und: „Die Heimeinweisung der Geschwisterkinder nach Celle birgt die Chance, dass auch in Celle und Umgebung eventuell noch Nachkommen der Geschwister von Mariechen leben. Unter Umständen gibt es auch noch in Bleckede Angehörige der Familie Schulze/Petersen. Väterlicherseits finden auch noch Großeltern in Lüneburg Erwähnung. Auch in Lüneburg könnte es daher Nachfahren oder entfernte Verwandte von Mariechen geben.“ Mariechen stirbt ebenfalls am Wienebütteler Weg, nachdem ihr attestiert wurde, sie sei „bildungsunfähig“. Als Todesursache notiert die Klinik „Herzschwäche“.

Wer etwas über die beiden Mädchen oder ihre Verwandten weiß, kann sich an die Gedenkstätte wenden: Tel. (04131) 6088372 oder c-rudnick@t-online.de

Von Carlo Eggeling