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Auch in dem Park an der Straße Vor dem Neuen Tore gibt es etliche Quadratmeter, die einfach sich selbst überlassen werden. Dort dominieren Brennnessel, Giersch und eine Klettenart, hat Sara Grauthoff fasziniert festgestellt. Foto: t&w

Die Wildnis in der Innenstadt

Lüneburg. Während sie mit ihren Begleitern am Fuße der Michaeliskirche steht, den Kalkberg erklimmt, sich durch das Dickicht eines Parks in Volgershall schlägt oder am Graalwallteich Halt macht, möchte Sara Grauthoff einen Diskurs lostreten. Sie sucht das Gespräch darüber, was eigentlich Natur in der Stadt bedeutet und was die Wildnis mit einem macht. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Christine Katz, ebenfalls vom Lüneburger Verein diversu, hat sie an einem Format dafür gefeilt. Am Sonnabend, 27. April, steht nun die erste „Wildnisführung“ an. Der Name ist Programm: Das Duo möchte einen Kontakt zu vergessenen, wilden Orten in Lüneburg herstellen und dazu beitragen, dass Natur einmal anders erlebt wird.

Kirche bietet Schutz für Falken und Fledermäuse

Die Michaeliskirche ist für Grauthoff ein Paradebeispiel, um das Felsbiotop in der Stadt zu erklären. Sie kommt auf den Turmfalken zu sprechen, „der uns lange begleitet und schon im Mittelalter die Kirchen besetzt hat“. Aber auch Dohlen und Fledermäuse nutzen das Lüneburger Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert. Die Umweltwissenschaftlerin, die nebenbei auch als Erlebnis- und Outdoortrainerin arbeitet, bleibt gleich bei dem Johann-Sebastian-Bach-Platz. Sie deutet auf eine wild bewachsene Verkehrsinsel. „Das ist eine Fläche in der Stadt, die dieses Jahr noch niemand gemäht hat.“ Beispiele gebe es in der Stadt etliche, sagt sie. „Während andere Kreuzungen aufwendig bepflanzt werden, entwickeln sich viele Verkehrsinseln zu Biotopen. Einfach, weil sie so gelassen werden.“

Dass sich auf diesem unscheinbaren Fleckchen Grün im westlichen Lüneburg der Löwenzahn mit seinen gelben Blüten ausgebreitet hat, findet Grauthoff „total spannend“. Unkraut sei das nicht, sagt sie, vielmehr eine interessante Pflanze für Bienen und Insekten oder auch ein leckere Ergänzung im Salat. „Das ist ein Stück Wildnis, an dem man jeden Tag vorbeifährt.“

8000 Euro freigegeben

Diese im Kleinen zu finden, ist das Ziel des Duos, das das Projekt „Wildes Lüneburg“ durch eine Förderung der Bingo-Umweltstiftung realisieren kann. 8000 Euro hat diese freigegeben. Sara Grauthoff denkt schon weiter: „Ich habe Lust, das Projekt nochmal viel größer aufzuziehen, zum Beispiel eine Beschilderung einzurichten, um für das Thema zu sensibilisieren.“

In dem Wissen, dass sie ein konfliktreiches Thema anspricht, äußert sie den Wunsch, dass mehr Menschen die Beobachterrolle einnehmen, um die Natur sich selbst zu überlassen. „Die meisten wollen alles ordentlich und planbar haben, sie halten es kaum aus, abzuwarten und die Kontrolle abzugeben.“ In dem Zusammenhang erinnert sie an den Borkenkäferbefall des Nationalparks Bayerischer Wald, der vor einigen Jahren für Schlagzeilen gesorgt hat. „Es gab eine Riesendiskussion darüber, was zu tun ist.“ Mit erheblichem Gegenwind hätten die Verantwortlichen letztendlich entschieden, nichts zu unternehmen, es einfach geschehen zu lassen.

Nicht immer ein Beleg für Artenvielfalt

Auf der Suche nach wilden Orten in Lüneburg haben Grauthoff und ihre Kollegin festgestellt, wie viel die Stadt eigentlich zu bieten hat. „Wenn man die Umgebung mitbedenkt, die Ilmenau, die Flächen in Ochtmissen und die vielen kleinen, unauffälligen Stellen, dann kommen wir auf Hunderte“, sagt sie und schiebt gleich hinterher: „Es ist aber nicht per se so, dass das immer super schöne oder artenreiche Orte sind.“

Dass die großen Wildnisbefürworter stets prophezeien, dass mehr Wildnis auch mit mehr Artenvielfalt einherginge, will sie nicht unterschreiben. „Überlässt man etwas sich selbst, breitet sich zum Beispiel die Brombeere oder der Efeu aus.“ An stillgelegten Bahngleisen sei das stets gut zu beobachten: Da komme dann etwa eine Pionierpflanze wie die Birke. „Artenvielfalt kann sich langsam entwickeln, sie muss es aber nicht.“

Von Anna Paarmann

Stadtführungen

Die Termine

Weitere Wildnisführungen sind an den folgenden Sonnabenden geplant: 18. Mai, 29. Juni, 20. Juli, 24. August, 14. September. Die zweistündige Tour startet stets um 11 Uhr. Insgesamt sind drei verschiedene Routen vorgesehen: Innenstadt, Bahnhofsumfeld und das „Wildnisgebiet“ in Kaltenmoor unweit des Johanneums. Über Aktuelles und Treffpunkte informiert das Team auf der Internetseite www.diversu.org/projekte/wildes-lueneburg.

Anmeldungen und Informationen: Tel. (04131)  6091223.