Aktuell
Home | Lokales | Der Deeskalator hinter Gittern
Nasser Abdullah lebt seit 15 Jahren in Deutschland. Als Justizvollzugsangestellter gibt er heute Kollegen und Polizisten Tipps für den Umgang mit arabischen Mitbürgern. Foto: JVA Uelzen

Der Deeskalator hinter Gittern

Lüneburg. Scheppernd rollt der Essenwagen über einen Flur der Untersuchungshaftabteilung in Lüneburg. Nasser Abdullah geht zur nächsten Tür und schließt sie auf. Der Gefangene dahinter steht bereits erwartungsvoll im Türrahmen. Ein kurzer Blick auf das Essen, dann die Frage: „Ist das auch halal?“ „Keine Sorge, das ist erlaubt, es ist Rindfleisch“, erwidert Abdullah. Der JVA-Bedienstete kann die Frage vielleicht besser nachvollziehen als jeder andere. Als Abdullah vor 15 Jahren nach Deutschland kam, hatte er selbst viele Fragen und große Träume. Heute arbeitet er als Justizvollzugsangestellter in Lüneburg und bietet Seminare zur Sensibilisierung von Polizisten im Umgang mit ausländischen Mitbürgern an.

Abdullah wuchs in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Süd-Libanon auf. Seine Eltern lebten dort seit 1967, nachdem Israel während des Sechs-Tage-Krieges den Gazastreifen, das Westjordanland und die syrischen Golanhöhen besetzt hatte. Das Lager entwickelte sich mit der Zeit zu einem dichtbesiedelten Labyrinth aus engen Straßen und Häusern aus Blech, Stein und Holz. Die Abwasserkanäle überfluten regelmäßig, die Stromleitungen ziehen sich wie ein Spinnennetz durch die Gassen, oft bricht die Trinkwasserversorgung zusammen.

Auf Drängen des Vaters nach Deutschland gekommen

Palästinenser werden toleriert, aber nicht integriert, sagt Abdullah. „Eine Arbeit oder sogar Eigentum außerhalb des Lagers ist ausgeschlossen.“ Der Alltag sei geprägt von Armut, Gewalt und Korruption. Die Eltern sorgten sich um die Zukunft ihres Kindes. Auf Drängen seines Vaters verließ Abdullah den Libanon und ging nach Deutschland.

Als geduldeter Asylbewerber war es anfangs nicht einfach: Einen Deutschkursus musste er abbrechen, da die Kostenübernahme nicht geklärt war. Stattdessen besorgte er sich Bücher, um die Sprache zu lernen. Später wohnte er in einer rund zehn Quadratmeter großen Kellerwohnung ohne Fenster. Arbeiten durfte er da noch nicht, das Geld reichte gerade so zum Leben. Aber Abdullah gab nicht auf, er wollte sein Leben selbst gestalten, ohne die Unterstützung anderer leben. „Steine liegen immer auf dem Weg, man muss sie wegräumen, auch wenn es schwer ist“, sagt er lächelnd. „Lernen und arbeiten, Stufe für Stufe wollte ich die deutsche Staatsbürgerschaft verdienen.“

Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann

Kraft und Motivation fand er im Sport. Er arbeitete als Trainer und internationaler Kampfrichter für Karate, Kick- und Thaiboxen und absolvierte eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. Im Sport gewann er zahlreiche Titel und brachte es sogar zum Vizeweltmeister im Kickboxen. 2014 erhielt er vom Oberbürgermeister der Stadt Lüneburg die ersehnte Einbürgerungsurkunde.

In den folgenden Jahren bekam Abdullah erstmals einen Einblick in den Gefängnisalltag: Als Sportübungsleiter trainierte er die Inhaftierten in der Untersuchungshaftabteilung Lüneburg. Hier entstanden die ersten Freundschaften zu Bediensteten.

An einer Arbeit im Polizei- oder Justizdienst war Abullah schon lange interessiert, er wollte „Gutes tun und anderen helfen.“ Im Libanon hatte er weniger gute Erfahrungen gesammelt. So musste er mit ansehen, wie sein Nachbar eines Tages von der Polizei abgeholt wurde. Begleitet von Beleidigungen wurde dieser ins Auto geprügelt, während seine Frau und die Kinder schrien und weinten. Willkür und Gewalt statt Kommunikation. Sein Wissen über die dortigen Verhältnisse und die damit verbundenen Besonderheiten im Umgang mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen wollte Abdullah mit anderen teilen und es vor allem besser machen.

Er spricht Deutsch, Englisch und Arabisch

Er bewarb sich um einen Ausbildungsplatz in der Justizvollzugsanstalt Uelzen. Während er den Sporttest problemlos absolvierte, bereitete ihm der Rechtschreibtest Probleme. Die Beamtenlaufbahn blieb ihm letztlich verwehrt.

Abdullah, der Deutsch, Englisch und Arabisch spricht, konnte schließlich als Justizvollzugsangestellter eingestellt werden. „Es wäre tragisch, wenn wir Menschen mit seinem Potenzial ziehen lassen müssten“, begründet Sabine Hamann, Anstaltsleiterin der JVA Uelzen, zu der Lüneburg gehört, ihre Entscheidung. Seine Aufgaben unterscheiden sich nicht von denen seiner Kollegen, aber insbesondere arabische Gefangene vertrauen ihm aufgrund der kulturellen Herkunft und können ihre Fragen notfalls auch in ihrer Muttersprache formulieren.

In Workshops kulturelle Unterschiede aufzeigen

Als Mitglied im Kriminalpräventionsrat Lüneburg reifte in ihm die Idee für ein Konzept, um Jugendliche aufzufangen und Ordnungshüter im Umgang mit arabischen Mitmenschen zu schulen. Häufig gebe es Missverständnisse, da viele mit dem Kopf noch im Ausland sind. Wichtig sei ein gegenseitiger freundlicher und respektvoller Umgang.

In Zusammenarbeit mit der JVA Uelzen und der Lüneburger Polizei wurde die Maßnahme erarbeitet und bereits mehrfach erfolgreich umgesetzt. In den Schulungen geht es beispielsweise um das Phänomen der Blutrache, Geschlechterrollen und die Ursachen für Angriffe auf Ordnungshüter, damit mögliches Konfliktpotenzial frühzeitig erkannt wird. „Ich will kulturelle Unterschiede und Verhaltensweisen transparent darstellen, damit meine Kollegen nicht gefährdet werden“, sagt Abdullah.

Er kam nach Deutschland „in der Hoffnung, alles richtig zu machen“ und seine Eltern mit Stolz zu erfüllen. Sie leben noch immer in dem Flüchtlingslager, stehen in regelmäßigem Kontakt mit ihrem Sohn und freuen sich über den rechtschaffenen Weg, den er gegangen ist. So wie er es ihnen verspochen hatte.

Von Tino Wagner

Autor Tino Wagner, 1976 in Stendal geboren, ist nicht nur Beamter, sondern auch ein renommierter Autor und Kenner der Geschichte seiner Wahlheimat Lüneburger Heide.

Zur Sache

334 Haftplätze

Die Justizvollzugsanstalt Uelzen ist im Januar 2002 durch Zusammenlegung mit den ehemals selbständigen Justizvollzugsanstalten Lüneburg und Stade erweitert worden. Nach der Eröffnung der JVA Bremervörde 2013 wurde die JVA Uelzen Abteilung Stade geschlossen. Es bleiben die Abteilungen Lüneburg, Am Markt (Untersuchungshaft) und Lüneburg, Brockwinkler Weg (Offener Vollzug). Mit ihren Abteilungen verfügt die JVA über 334 Haftplätze.