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Ameisen faszinieren Jörg Beck. „Wenn man sucht und es nicht ganz genau nimmt, entdeckt man bei ihnen viele Parallelen zum Menschen. Sie haben verschiedene Berufsstände und ein funktionierendes Staatensystem, sogar ohne Staatsoberhaupt.“ Foto: t&w

Der Mann mit der A-Meise

Reppenstedt/Vierhöfen. Wenn Ameisen in Scharen über die heimische Terrasse krabbeln oder ihre Hügel beim Radwegebau im Weg sind, dann klingelt bei Jörg Beck in Soltau das Telefon. Als ehrenamtlicher Ameisenschutzbeauftragter unter anderem für den Landkreis Lüneburg siedelt der 61-Jährige nicht nur störende Nester um, sondern bietet auch Vorträge und Exkursionen zu den winzigen Tierchen an.

Schon als Junge interessierte sich der Soltauer für Tiere, wäre gerne Biologe geworden, „doch das war damals in den 70er-Jahren brotlose Kunst“. Stattdessen studierte Beck Betriebswirtschaftslehre, arbeitete im Management mehrerer Banken, als Marketingspezialist und als Geschäftsführer einer Heimvolkshochschule – „ein Leben auf der Überholspur“, wie er selbst sagt. Dann jedoch zwang ihn eine schwere Krankheit zum Umdenken. Jörg Beck zog die Reißleine, stieg aus und lebt nun seinen Traum. „Ich mache nur noch das, was mir Spaß macht“, erklärt der 61-Jährige.

Er weiß sich in Szene zu setzen

Freitagvormittag, Ortstermin am Reppenstedter Rathaus. Kurz bevor sich Beck mit einem Verwaltungsvertreter trifft, um eine geplante Umsiedlung zu besprechen, hat er das Gespräch mit der LZ in seinen Terminkalender gequetscht. Auf der Motorhaube des Autos, mit dem er vorfährt, prangt der Schriftzug „Rollende Ameisenschule“. Fürs Foto streift sich Beck sein mit Ameisen übersätes Hemd über, setzt eine schwarze Kappe auf. Darauf steht: „Heide-Ameise Jörg“. Dann holt er noch zwei Ameisen-Handpuppen aus dem Kofferraum. Mit dieser Ausrüstung hält er auch seine Vorträge.

Der Ex-Marketingfachmann weiß sich in Szene zu setzen. Dass er sich tatsächlich aus Marketing-Gründen mit der Ameise beschäftigt, gibt er unumwunden zu: „Wenn Sie auffallen wollen, müssen Sie etwas Besonderes machen“, erklärt er, „wenn ich Experte für Schmetterlinge wäre, würden wir uns wahrscheinlich nicht unterhalten.“ Doch natürlich geht es Jörg Beck nicht nur darum, aufzufallen. Sein Interesse für die Hautflügler ist echt.

Ein zeitaufwendiges Hobby

Vor zwölf Jahren gründete Beck das deutsche Ameisen-Erlebnis-Zentrum, das sich für Naturschutz und nachhaltiges Lernen einsetzt. Mit seiner „rollenden Ameisenschule“ besucht er Kindergärten und Schulen, um Klein und Groß die Zusammenhänge der heimischen Natur näher zu bringen. Er ist Vorsitzender im Landesverband der Deutschen Ameisenschutzwarte, bildet Ameisenheger aus und hat eine Broschüre über die Welt der Ameisen geschrieben. Daneben nennt er mit 600 Briefmarken eine der größten Sammlungen mit Ameisenmotiven aus aller Welt sein Eigen.

50 bis 60 Stunden pro Woche widmet der Privatier seinen Tieren. Ein zeitaufwendiges Hobby, das von einigen möglicherweise belächelt wird. Beck nimmt es mit Humor: „Jeder hat seine Meise und meine hat eben ein A davor“, sagt er und lacht.

Von Emilia Püschel

Wissenswert

Emsige Insekten

Mehr als 13.000 Ameisenarten gibt es weltweit, „118 Arten sind es in Deutschland“, sagt Experte Jörg Beck. Heimische Ameisen werden maximal zwei Zentimeter groß, sonst sind es bis zu acht Zentimeter. Typischen Körperfarben sind schwarz, rot, braun oder gelb.

Nur die Wander- und Treiberameisen der warmen Länder kommen ohne „festen Wohnsitz“ aus. Die sesshaften Ameisen errichten Erdnester oder Hügelbauten aus pflanzlichem Material. Die Behausungen reichen von bescheidenen Unterkünften unter Borken und Rinden bis hin zu Riesenburgen unserer Waldameisen mit bis zu fünf Meter in den Boden hineinragenden Bauten, mehr als 1000 Kammern und einem kilometerlangen Gangsystem. „In einem Hügel von 1,20 Höhe befinden sich bis zu eine Million Ameisen“, erklärt Beck.