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Die Bremer Winzerin Yvonne Rottmann hilft mit beim Pflanzen und berät die Familie Meyer regelmäßig bei der Anlage ihres Weinberges bei Thomasburg. Foto: geo

Wein geht auch ohne Berg

Thomasburg. Ein Weinberg muss kein Berg sein. So viel vorweg. „Das hier dürfen wir ruhig Weinberg nennen“, sagt Hans-Jürgen Meyer und zeigt auf eine flache Fläche nahe Thomasburg voller Metallpfosten mit Drahtseilen. An den Pfosten hängen Jacken und Hüte, zwischen den Drahtrahmen knien Menschen auf der Erde. Denn jetzt ist Weinreben-Pflanzzeit, und die Meyers haben sich 2600 Stück an zwei Tagen vorgenommen.

„Cabaret Noir“ steht auf einem roten Schild am Anfang einer Reihe, ein paar Meter weiter „Cabernet Jura“. Die beiden roten Trauben, Züchtungen aus der Schweiz, pflanzen Hans-Jürgen Meyer und sein Sohn Hannes in dieser Saison zum ersten Mal an. „Wir wählen Sorten aus, die im Norden gut gedeihen“, erklärt der Senior.

Winzerin aus Bremen berät die Neueinsteiger

Tipps bekommt er dabei von Yvonne Rottmann aus Bremen. Die selbstständige Winzerin berät einige größere Weinbauern, die in Niedersachsen seit der Reform der EU-Weinmarktregelung Wein anbauen. „Hier ist noch alles möglich“, sagt die 34-Jährige. „Wir schaffen etwas Neues, probieren andere Sorten aus als die klassischen. Das ist gut, denn sie sind nicht vergleichbar mit denen, die alle kennen.“

Wichtig für den Norden seien zwei Dinge, erklärt die gebürtige Bremerin, die die Liebe zum Weinbau als Backpackerin in Neuseeland entdeckt hat und in Bad Kreuznach den Meister als Weinbautechnikerin gemacht hat. „Das ist zum einen eine kurze Vegetationsdauer und zum anderen eine gute Widerstandsfähigkeit gegen Pilze.“

Der Wein muss früher reif sein als im Süden, das weiß auch Hans-Jürgen Meyer. „Einen Riesling, der erst Mitte Oktober reift, brauche ich hier oben gar nicht erst anzubauen.“ Sein Cabaret Noir dagegen reift bereits Anfang, Mitte September, „das ist ideal für unsere Lage“.

Stolz, aber auch ein wenig wehmütig

Die ersten Rebstöcke ihres neuen Weinberges haben die Meyers vor einem Jahr gepflanzt: 2500-mal „Solaris“, eine weiße Traube, die Anfang September reift und im Süden häufig für Federweißen genutzt wird. Wenn Hans-Jürgen Meyer ein Jahr später durch die Reihen seines Weinberges streift, dann wirkt er zwar stolz, aber auch ein wenig wehmütig. „So hoch sollten die Reben eigentlich mittlerweile gewachsen sein“, sagt der 68-Jährige und hält die Hand an seine Hüfte. Aber die Trockenheit im vorigen Sommer hat die Pflanzen so geschwächt, dass sie ihre Blätter teilweise nur knapp über dem Boden tragen. „Sie sind ganz schön im Rückstand. Aber immerhin haben die allermeisten überlebt.“

Denn wässern ist unter Weinbauern tabu, erklärt Meyer. „Es heißt immer, der Wein soll sich quälen und aus eigener Kraft ans Wasser kommen. Die Wurzeln wachsen bis zu 30 Meter in die Tiefe.“ Nur vor dem Hineinsetzen in das Loch im Boden kommt Wasser aus der Gießkanne – später nicht mehr. Düngen ist ebenfalls verpönt: Dann läuft der Weinbauer Gefahr, dass die Trauben letztlich alle gleich schmecken: nach den zugesetzten Mineralien und nicht mehr nach dem Boden, aus dem sie wachsen.

„Wir wollen ja keinen Busch sondern eine Stange“

Zeitgleich zum Pflanzen der neuen Reben steht das Stutzen der Einjährigen an. Um einen schönen geraden Stamm zu erhalten, knipsen die Meyers die meisten Triebe ab – nur die obersten bleiben erhalten. „Die übrigen würden der Pflanze bloß Kraft rauben“, erklärt Meyer. „Außerdem wollen wir ja keinen Busch sondern eine Stange, ähnlich einer Kopfweide

Das alles wissen der Diplom-Kaufmann in Rente und sein Sohn Hannes (34) selbst erst seit ein paar Jahren. „Wir haben überlegt, was aus unserem Hof und dem Acker werden soll“, erzählt Hannes, von Beruf Lehrer für Biologie und Mathematik. „Verfallen lassen und Mais darauf wachsen lassen? Das wollten wir nicht. Wein haben wir schon vorher als Hobby im Garten angebaut und als wir im Radio von der Möglichkeit hörten, Rebpflanzrechte zu beantragen, passte das ideal.“

Auf 1,4 Hektar Weinberg werden die Meyers kommen, wenn sie im nächsten Jahr die dritte Charge Weinreben gepflanzt haben. Das wollen sie nicht nur, das müssen sie übrigens auch: Denn wer Weinbaurechte besitzt, muss sie nach EU-Weinmarktregelung auch ausfüllen. Drei Jahre haben Neulinge jeweils dafür Zeit. „Ansonsten müssen wir ein Bußgeld zahlen“, sagt Meyer Senior.

Die ersten Flaschen Wein sollen 2022 verkauft werden

Mit den ersten verkauften Flaschen Wein rechnen die Meyers im Jahr 2022. Bis dahin wollen sie probieren, verändern, wieder probieren. „Je älter die Pflanzen werden, desto ausgereifter wird auch der Wein schmecken“, sagt Hannes Meyer.

Eines aber finden die Meyers aus dem Landkreis Lüneburg wirklich schade: Dass die Regelungen rund um den Wein so streng sind, dass sie die Herkunft ihres Weines nicht im Namen verraten dürfen. Dafür müsste die Region ein offizielles Anbaugebiet für Landwein werden, und das muss natürlich – wie alles in Deutschland und der EU – erst beantragt werden.

Einen wohlklingenden „Lüneburger Landwein“ wird es also nicht geben. Wohl aber einen geschickten Hinweis im Kleingedruckten auf dem Etikett, dass der Wein dort angebaut worden ist, wo er auch abgefüllt wurde: in Thomasburg, Landkreis Lüneburg.

Von Carolin George

Hintergrund

Niedersachsen als Weinanbauland

Weinbaurechte hat das Bundesland Niedersachsen 2016 zum ersten Male vergeben, insgesamt rund 7,6 Hektar an zehn Antragsteller aus den Landkreisen Göttingen, Lüneburg, Oldenburg, Schaumburg, Ammerland, Osnabrück und Friesland sowie der Region Hannover. Diese Rechte sind nötig, wenn man eine bestimmte Menge Rebstöcke, respektive Fläche, erreicht und den Wein nicht nur zum Eigenverzehr und zum Verschenken herstellen, sondern auch verkaufen möchte. Vor Änderung der EU-Weinmarktregelung war nur der hobbymäßige Anbau von bis zu 99 Weinreben erlaubt. Die Nische nutzten vorher bereits Einzelne im Kreis Wolfenbüttel, im Raum Oldenburg, im Landkreis Friesland, in Hitzacker und in Hildesheim.